SGB VIII - Online-Handbuch

herausgegeben von Ingeborg Becker-Textor und Martin R. Textor

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Aus: Jugend 2002/ 14. Shell Jugendstudie (http://www.shell-jugend2002.de/download/hauptergebnisse_2002.pdf vom 25.08.2002)

14. Shell Jugendstudie - Zusammenfassung und Hauptergebnisse

Klaus Hurrelmann/Mathias Albert in Arbeitsgemeinschaft mit Infratest Sozialforschung

 

Zusammenfassung

Die heutige junge Generation blickt wieder optimistisch auf ihre persönliche Zukunft. Obgleich die Zukunft unserer Gesellschaft nicht ganz so gut und im Vergleich zu früheren Shell Jugendstudien deutlich uneinheitlicher beurteilt wird, herrscht bei den Jugendlichen in Deutschland dennoch eine positive Grundstimmung vor. Neben "tollem Aussehen", "Markenkleidung tragen" und neuer "Technik" (Internet, Handy etc.), werden Orientierungen wie "Karriere machen", andererseits aber auch persönliche "Treue" als absolut "in" bezeichnet. Sich "in die Politik einzumischen" ist hingegen "out", was allerdings nicht heißt, dass die Jugendlichen nicht gesellschaftlich aktiv sind. Diese Einstellung der Jugend geht auf einen grundlegenden Wertewandel hin zu einer neuen pragmatischen Haltung zurück. Die Jugendlichen orientieren sich an konkreten und praktischen Problemen, die für sie mit persönlichen Chancen verbunden sind. Dafür zeigen sie heute wieder in erhöhtem Maße persönliche Leistungsbereitschaft ("Aufsteigen statt aussteigen"). Dieser grundlegende Trend, der sich bereits in den 90er Jahren angedeutet hatte, wird in der hiermit vorgelegten neuen Shell Jugendstudie "Jugend 2002" in seinen verschiedenen Ausformungen zum ersten Mal umfassend sichtbar gemacht. Im Folgenden werden die Hauptergebnisse der 14. Shell Jugendstudie zusammenfassend dargestellt.

Jugend heute - zentrale Bedeutung des Bildungsniveaus

Jung sein in Deutschland ist keine einheitliche Lebenslage. Mit 48% besucht die Mehrheit der Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 25 Jahren noch eine allgemeinbildende Schule. 17% sind in beruflicher Ausbildung und weitere 12% studieren. 17% sind bereits erwerbstätig und weitere etwas über 2% arbeitslos. Die restlichen runden 4% zählen schließlich aus unterschiedlichen Gründen zu den sonstigen nicht oder noch nicht Erwerbstätigen.

Von zentraler Bedeutung für Lebensumstände, die aktuellen Ansichten sowie die späteren gesellschaftlichen Chancen ist das Bildungsniveau. Etwa die Hälfte der Schülerinnen und Schüler strebt heute das Abitur oder eine fachgebundene Hochschulreife an. Auffällig ist, dass inzwischen mehr Mädchen als Jungen eine höhere Bildung erreichen wollen. Die Mädchen haben zumindest im Bereich der Schulbildung die Jungen inzwischen sogar überholt. Deutlich benachteiligt sind hingegen Jugendliche, die ein geringeres Bildungsniveau aufweisen. Sie haben schlechtere Chancen ihre beruflichen Wünsche einzulösen und sind auch mit ihrer gegenwärtigen Lebenssituation weniger zufrieden.

Die Shell Jugendstudie zeigt, dass das Bildungsniveau in Deutschland nach wie vor in hohem Maße "vererbt" wird. Während drei Viertel der Schülerinnen und Schüler, deren Väter das Abitur besitzen, ebenfalls das Abitur oder eine fachgebundene Hochschulreife anstreben, gilt dies mit einem Viertel nur für eine Minderheit der Schülerinnen und Schüler aus Familien mit Volksschul- oder einfachem Hauptschulabschluss.

Clique, Familie und Karriere

Cliquen sind auch heute für die Jugendlichen wichtig, gut 70% sind entsprechend eingebunden. Die Jugendlichen räumen jedoch gleichzeitig der Familie einen hohen Stellenwert ein. Rund drei Viertel der Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahre wohnt noch bei der Herkunftsfamilie. Fast 90% der Jugendlichen geben an, dass sie mit ihren Eltern gut klar kommen, auch wenn es ab und an einmal Meinungsverschiedenheiten gibt. Knapp 70% - und damit deutlich mehr, als in früheren Shell Jugendstudien - würden oder wollen ihre Kinder genauso oder wenigstens ungefähr so erziehen, wie sie selber von ihren Eltern erzogen worden sind. Alles in allem zeigt sich demnach zwischen den familiären Generationen ein hohes Maß an Akzeptanz und Übereinstimmung.

75% der weiblichen und 65% der männlichen Jugendlichen meinen, dass man eine Familie zum "Glücklich sein" braucht. Neben "Karriere machen" (82%) steht "Treue" mit 78% ganz oben auf der Skala der Dinge, die von den Jugendlichen heute als "in" bezeichnet werden. Über zwei Drittel der Jugendlichen wollen später eigene Kinder - in den neuen Bundesländern mit 76% sogar noch mehr, als mit 64% in den alten Ländern. Wirklich vorhanden sind allerdings eigene Kinder nur bei 4% der Jugendlichen zwischen 16 und 25 Jahren - und auch bei den "Älteren" zwischen 22 und 25 Jahren haben nicht mehr als 7% der Jugendlichen bereits eigene Kinder. Kinderwunsch und "Kinder kriegen" sind demnach zwei verschiedene Dinge. Im zeitlichen Trend betrachtet steigt das Durchschnittalter, in dem Frauen heute in Deutschland Kinder bekommen, tendenziell weiter an, mit der Konsequenz, dass immer mehr Frauen in ihrem Leben wahrscheinlich gar keine Kinder bekommen werden. "Karriere machen" und Familie schließen sich allerdings bei der Mehrheit der heutigen Jugend hinsichtlich der eigenen Lebensansprüche nicht aus, sondern bilden zwei zentrale Zielvorstellungen für die Lebensführung.

Wertewandel - die pragmatische Generation

Die aktuelle Shell Jugendstudie untersuchte ausführlich die Wertorientierungen der Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren. Besondere Aufmerksamkeit legte sie auf den längerfristigen Trend der Werte und der Mentalität der Jugend über eine Spanne von knapp 15 Jahre. Im Unterschied zu den 80er Jahren nehmen Jugendliche heute eine stärker pragmatische Haltung ein. Sie wollen konkrete und praktischer Probleme in Angriff nehmen, die aus ihrer Sicht mit persönlichen Chancen verbunden sind. Übergreifende Ziele der Gesellschaftsreform oder die Ökologie stehen hingegen nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der meisten Jugendlichen.

Den Jugendlichen sind im Laufe der 90er Jahre Leistung, Sicherheit und Macht wichtiger geworden. So war in der zweiten Hälfte der 80er Jahre erst für 62% der Jugendlichen "Fleiß und Ehrgeiz" wichtig, 2002 sind es bereits 75%. Die Wichtigkeit des "Strebens nach Sicherheit" stieg von 69% auf 79%, von "Macht und Einfluss" von 27% auf 36% (Vergleich nur für alte Länder möglich, Vergleichsdaten aus der DDR liegen nicht vor). Dagegen ging in der Jugend die Wichtigkeit des "umweltbewussten Verhaltens" von 83% in der zweiten Hälfte der 80er Jahre auf nunmehr nur noch 59% zurück. Somit rangiert in der Jugend heute die Bedeutung des umweltbewussten Verhaltens deutlich hinter der Wichtigkeit von "Fleiß und Ehrgeiz" und hinter dem Sicherheitsstreben. Insbesondere jedoch das politische Engagement steht der heutigen Jugend eher fern. Die Wichtigkeit des "politischen Engagements" war bereits der zweiten Hälfte der 80er Jahre nicht besonders hoch ausgeprägt, sank seitdem jedoch von 33% weiter auf 23% ab.

Die Mentalität der Jugend hat sich insgesamt von einer eher gesellschaftskritischen Gruppe in Richtung der gesellschaftlichen Mitte verschoben. Das betrifft auch die bisher stets besonders kritisch eingestellten Studenten, deren Mentalität sich nunmehr ebenfalls dem gesellschaftlichen Main-Stream deutlich annähert. Trotz ihrer Ferne von der "großen Politik" sind die Jugendlichen in ihrem näheren und ferneren Lebensumfeld eine gesellschaftlich aktive Gruppe. Diese breit gefächerte jugendliche soziale Aktivität darf jedoch nicht mit politischem Engagement verwechselt werden. Sie wird von den Jugendlichen nicht so verstanden, auch wenn die positive Wirkung dieser gesellschaftlichen Aktivität "politisch" außerordentlich wichtig ist.

Individualität und Sicherheit in neuer Synthese

Die Annahme, der Wertewandel verlaufe relativ stetig in Richtung "postmaterialistischer" Selbstverwirklichungs- und Engagementwerte und ginge mit einem Rückgang von Leistungs- und Anpassungswerten einher, hat sich als vorschnell erwiesen. Die Entwicklung der Jugend in den letzten knapp 15 Jahren ist anders verlaufen und das liegt auch an veränderten Rahmenbedingungen. In der gegenwärtigen und zukünftigen gesellschaftlichen Lage müssen sich die Jugendlichen hohen Leistungsanforderungen stellen und sind gleichzeitig erhöhten Risiken ausgesetzt. Das betrifft schulisches wie berufliches Versagen ebenso wie Risiken der persönlichen Sicherheit in einer Welt offener Grenzen und überlasteter öffentlicher Sicherheitsapparate. In dieser Situation wäre es von den Jugendlichen entweder naiv oder kontraproduktiv, ihre Wertorientierungen nicht an diese neue Lage anzupassen.

Die meisten Jugendlichen reagieren auf die neue gesellschaftliche Agenda nicht mit "Protest" oder mit einer "Nullbock-Einstellung", wie es früher in Teilen der Jugend der Fall war. Sie erhöhen vielmehr ihre Leistungsanstrengungen und betreiben ein aktives "Umweltmonitoring". Das heißt sie überprüfen ihre soziale Umwelt aufmerksam auf Chancen und Risiken, wobei sie Chancen ergreifen und Risiken minimieren wollen. Mit der neuen pragmatischen Haltung einher geht auch ein ausgeprägt positives Denken. Obwohl die Jugendlichen die Gesellschaft von vielen Problemen belastet sehen, entwickeln sie eine positive persönliche Perspektive. Der ideologisch unterfütterte Pessimismus früherer Generationen, der besonders von den Studenten und Abiturienten kultiviert wurde, ist passé. Diese Einstellung passt nicht mehr zu dem unideologischen und leistungsorientierten Habitus dieser neuen Generation.

Der Wertewandel in der Jugend wird besonders deutlich von den weiblichen Jugendlichen getragen. Mädchen und junge Frauen sind ehrgeiziger, aber auch sicherheitsbewusster geworden. Sie nähern sich teilweise männlichen Stereotypen an, indem sie heute z.B. "Macht und Einfluss" wichtiger finden, allerdings immer noch nicht so wichtig wie Jungen und junge Männer. "Karriere machen", "sich selbständig machen" und "Verantwortung übernehmen" ist für sie genauso "in" wie für männliche Jugendliche und ihre persönliche Zukunft sehen sie ebenso positiv wie diese. Allerdings haben Mädchen und junge Frauen weibliche Besonderheiten bewahrt. Sie sind nach wie vor emotionaler, toleranter, umweltbewusster und sozial hilfsbereiter als Jungen und junge Männer. Ihr Verhältnis zur Technik ist immer noch zurückhaltender, "Treue", "Heiraten" und "Bioläden" sind für sie mehr "in" als für männliche Jugendliche.

Dass Leistung und Sicherheit bei den Jugendlichen heute wieder groß geschrieben werden, bedeutet jedoch nicht, dass sie dadurch weniger kreativ, tolerant oder genussfreudig geworden wären. Die meisten Jugendlichen schätzen diese Orientierungen auch heute hoch. Das Neue ist, dass immer mehr Jugendliche solche "modernen" mit "alten" Werten wie Ordnung, Sicherheit und Fleiß verknüpfen. Junge Leute entwickeln somit ein neues, unbefangenes Verhältnis zu den sogenannten deutschen Sekundärtugenden, allerdings haben sie diese "altbürgerlichen" Werte von ihrem "Staub" befreit. Einer großen Mehrheit der Jugend ist nicht verständlich, warum man sich zum Zwecke des Erfolges in einer Leistungsgesellschaft nicht an solchen Prinzipien orientieren soll, wenn man sich damit die Grundlage für ein interessantes, erlebnisreiches und sinnvolles Leben schaffen kann.

Selbstbewusste Macher und pragmatische Idealisten

Den Trend zur offensiven Bewältigung der aktuellen gesellschaftlichen Agenda bringt eine Aufsteigergruppe aus der breiten sozialen Mitte besonders zum Ausdruck - die "selbstbewussten Macher". Diese Gruppe, die in beiden Geschlechtern gleichermaßen vertreten ist, bringt das psychologische Rüstzeug mit, um sich den neuen Anforderungen in der ganzen Breite des Lebens zu stellen. Ein fordernder und fördernder Erziehungsstil im Elternhaus hat ihnen dieses Rüstzeug vermittelt. Ihnen steht mit den "pragmatischen Idealisten" eine zweite aktive und optimistische Gruppe zur Seite, die bevorzugt aus den bildungsbürgerlichen Schichten stammt und zu 60% weiblich ist. Diese Jugendlichen wären von ihrer Herkunft eigentlich bestimmt gewesen, in Deutschland die Tradition des "Postmaterialismus" der 70er und 80er Jahre fortzuführen. Ähnlich wie bei diesen steht bei pragmatischen Idealisten die ideelle Seite des Lebens im Vordergrund und die materielle im Hintergrund. Jugendliche pragmatische Idealisten unterscheiden sich jedoch auch deutlich von den "Postmaterialisten". Sie sind sicherheitsbewusster, stehen ohne ideologische Scheuklappen zu "Recht und Ordnung" und zum Leistungswettbewerb, auch wenn die selbstbewussten Macher in diesen Punkten noch konsequenter sind.

Mit den Gruppen der "selbstbewussten Macher" und der "pragmatischen Idealisten", die jeweils ein Viertel der Jugend in Deutschland ausmachen, stehen sich die Leistungs- und die Engagementelite der Jugend gegenüber. Selbstbewusste Macher sind ganz besonders ehrgeizig und wollen mehr als andere Jugendliche leisten. Ihr Ziel ist es, einmal verantwortliche Positionen mit Einfluss und Ansehen einzunehmen. Ihr Gesellschaftsbild dreht sich darum, inwieweit die sozialen Bedingungen dem Leistungsgedanken gerecht werden und damit eine produktive gesellschaftliche Entwicklung fördern. Soziales Denken und soziales Engagement gehört zu ihrem Lebenszuschnitt zwar dazu, ist aber dem Leistungsgedanken nachgeordnet. Pragmatischen Idealisten sind Leistung und Sicherheit zwar auch wichtig, sie setzen jedoch eine höhere Priorität auf die weitere und allseitige Humanisierung der Gesellschaft. Sie sind daher für Probleme wie Ausländerfeindlichkeit, Krieg, Umweltverschmutzung und Armut besonders empfindlich. Deshalb sind sie häufig und in den verschiedensten Bereichen gesellschaftlich aktiv und setzen sich für soziale und politische Ziele oder für andere Menschen ein.

Robuste Materialisten und Unauffällige

Während Macher und Idealisten auf der Gewinnerseite der gesellschaftlichen Entwicklung stehen, finden sich in den Gruppen der robusten Materialisten und der zögerlichen Unauffälligen viele potenzielle Verlierer. Jugendliche mit diesen Werthaltungen sehen verstärkt skeptisch in ihre persönliche Zukunft. Sie kommen mit den Leistungsanforderungen in Schule und Ausbildung weniger zurecht als pragmatische Idealisten und selbstbewusste Macher. Der Unterschied beider Gruppen liegt allerdings darin, dass Unauffällige bevorzugt mit Resignation und Apathie auf ihre ungünstige Situation reagieren. Sie haben es nicht gelernt, ihre Interessen offensiv durchzusetzen oder sie wollen es nicht. So finden sie sich mit ihrer Situation ab und entwickeln eine Art passiver Sympathie und Toleranz gegenüber den anderen "Schwachen". Robuste Materialisten, eine bevorzugt männliche Gruppe, stecken dagegen nicht auf und demonstrieren zumindest äußerliche Stärke. Nicht wenige haben ihre Ellenbogen mobil gemacht, um sich unter Umständen auch auf Kosten anderer das zu nehmen, was sie im fairen Wettbewerb oder mit anderen Mitteln nicht erlangen können. Im Zweifelsfall werden dabei soziale Regeln und Übereinkünfte bewusst übertreten. Obwohl unter den Materialisten vermehrt soziale "Underdogs" sind, schauen sie dennoch auf sozial Schwache und Randgruppen herab. Ausländern, insbesondere wenn sie als "Wohlstandskonkurrenten" wahrgenommen werden, wird aus der Gruppe der Materialisten vermehrt Ablehnung zuteil. Robuste Materialisten betrachten die gesellschaftliche und politische Agenda mit einer diffusen Unzufriedenheit. Ein kleiner Teil der Materialisten neigt zu politischen Radikalismus.

Mit den Unauffälligen ist der Gesellschaft eine Aktivierungs- und Integrationsaufgabe gegeben. Diese Gruppe muss aus ihrer Apathie und Passivität herausgeholt und sozial besser integriert werden. Bei einem Teil der Materialisten, vor allem bei den zu Aggressivität oder zu politischer Radikalität Neigenden, geht es zuallererst um eine strenge Setzung von Grenzen, weil diese (auch besonders gewalterfahrene) Gruppe keine andere Sprache versteht oder verstehen will. Erst wenn aggressive oder radikale Jugendliche wieder das Regelwerk der Gesellschaft akzeptieren, können "weichere" Maßnahmen der Förderung und Integration einsetzen.

Rückläufiges Interesse an Politik

Das allgemeine Interesse an Politik ist in der heutigen Jugend weiter rückläufig. Inzwischen bezeichnen sich nur noch 30% der Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren als politisch interessiert. Für die Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren liegt für die Entwicklung des politischen Interesses im Rahmen der früheren Shell Jugendstudien eine Zeitreihe vor. Danach ist der Anteil der politisch interessierten Jugendlichen von 55% im Jahre 1984 bzw. sogar 57% in 1991 inzwischen auf 34% gesunken. Markant ist in diesem Fall der Effekt des Bildungsniveaus. Im Unterschied zum "Main-Stream" reklamieren immerhin gut zwei Drittel der Studierenden sowie ein signifikant höherer Anteil der Schüler aus der gymnasialen Oberstufe für sich Interesse an Politik.

Nicht verändert hat sich auf den ersten Blick die politische Selbstpositionierung. Im Unterschied zur Gesamtbevölkerung ordnen sich Jugendliche im Durchschnitt nach wie vor leicht links von der Mitte ein. Dem politischen Extremismus wird von den heutigen Jugendlichen eine klare Absage erteilt. Es überrascht von daher auch nicht, dass sich die Mehrheit der Jugendlichen für das von der Bundesregierung beantragte Verbot der NPD als rechtsradikaler Partei aussprechen. Nicht übersehen werden sollte allerdings, dass inzwischen insbesondere in den alten Bundesländern der Anteil der Jugendlichen auf 33% angestiegen ist, die sich im traditionellen Rechts-Links Schema nicht verorten können oder wollen. In den neuen Bundesländern trifft dies dagegen nur auf 18% der Jugendlichen zu. Die Kategorien "Rechts" und "Links" sind hier offenbar im Alltag bedeutend trennschärfer.

Die Mehrheit der Jugendlichen steht heute zusammen genommen den beiden großen Volksparteien (SPD bzw. CDU/CSU) nahe - inzwischen mit 25% SPD bzw. 26% CDU/CSU alles in allem in etwa gleich gewichtig. Deutlich abgenommen hat die Neigung der Jugendlichen zu den Grünen, die bei diesen in den 80iger bis in die Mitte der 90iger Jahre noch eine erheblich größere Sympathie genossen. Offenbar entsprechen der Politikzugang und die Art der Selbstdarstellung der Grünen immer weniger dem neuen jugendlichen "Zeitgeist", wie er von den "selbstbewussten Machern" oder auch von den "pragmatischen Idealisten" verkörpert wird. Fragt man allerdings danach, welche der Parteien die Probleme in Deutschland am besten lösen kann, so trauen 37% der Jugendlichen gar keiner der Parteien eine entsprechende Kompetenz zu. Weitere 19% geben auf diese Frage gar keine Antwort.

Einstellung zu Demokratie und Gesellschaft

Die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen hält die Demokratie in Deutschland für eine gute Staatsform. Nur 8% der Jugendlichen in den alten und 17% in den neuen Ländern sind hier anderer Meinung. Auf Nachfrage sieht jedoch die überwiegende Mehrheit auch der ablehnenden Gruppe keine Alternative zur Demokratie. Für die Regierung eines "starken Mannes" spricht sich nur eine verschwindend geringe Minderheit aus, genauso übrigens für einen sozialistischen Staat, etwa nach dem Vorbild der DDR. Das gilt sowohl für Jugendliche in den alten als auch in den neuen Ländern.

Dennoch sind in den neuen Bundesländern immerhin 52% der Jugendlichen, in den alten 27% kritisch gegenüber der demokratischen Praxis, so wie sie in Deutschland besteht, eingestellt. Insgesamt ist diese Kritik bei solchen Jugendlichen besonders hoch, die in prekären Lebensverhältnissen in Bildung und Beruf leben oder die mit ihren gesellschaftlichen Perspektiven nicht zufrieden sind. Die problematische Beurteilung der Demokratie in Deutschland entpuppt sich demnach bei diesen Jugendlichen als Kritik an den Lebensverhältnissen sowie als persönliche Reaktion auf fehlende Chancen in Beruf und Gesellschaft. Dieser Umstand drückt sich in den neuen Bundesländern spürbar stärker aus. Die dortige junge Generation, von denen der größte Teil den "real existierenden Sozialismus" bewusst nicht mehr miterlebt hat, ist mit ihrer Perspektive in Deutschland deutlich unzufriedener als Jugendliche in den alten Ländern.

Das Vertrauen der Jugendlichen in die gesellschaftlichen Institutionen und Akteure bestätigt das bisher dargestellte Bild. Erhöhtes Vertrauen genießen solche staatlichen Institutionen, die als parteiunabhängig angesehen werden, wie etwa Bundesverfassungsgericht, Justiz und Polizei. Das geringste Vertrauen wird dagegen den politischen Parteien entgegen gebracht. Als besonders vertrauenswürdig werden außerdem Menschenrechts- oder Umweltschutzgruppen eingeschätzt. Eher mäßig, aber höher als in die Parteien, ist das Vertrauen der Jugendlichen in die Bundesregierung und in die Kirchen. Auch die Bürgerinitiativen genießen nur ein mäßiges Vertrauen, wenn auch etwas mehr als die Regierung. Im mittleren Bereich bewegt sich auch das Vertrauen in die Gewerkschaften.

An Wahlen beteiligen sich die Jungwähler im Vergleich zur Gesamtbevölkerung schon seit längerem unterdurchschnittlich. So lag die Beteiligung der 18- bis 24 jährigen Wahlberechtigten in Deutschland zuletzt im Schnitt um fast ein Viertel unter dem Gesamtdurchschnitt. Dieser Trend wird auch in der aktuellen Shell Jugendstudie bestätigt. Nur 35% der (deutschen) Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren gaben an, sich - sofern sie wahlberechtigt wären - ganz sicher an der nächsten Bundestagswahl zu beteiligen, während weitere 37% meinten, sie würden "wahrscheinlich" wählen gehen. Je jünger die Jugendlichen, desto geringer die Bereitschaft, sich (wenn man bereits wahlberechtigt wäre) an einer Bundestagswahl zu beteiligen. Wahlen sind in der Jugend also kein "Selbstläufer", viele Jugendliche müssen für eine Beteiligung erst gewonnen werden.

Unterschiedlicher Bezug auf Politik

Differenziert man die Jugendlichen nach Ihren Einstellungen zur Politik, Demokratie und Gesellschaft, so lassen sich vier Typen in Bezug auf Politik abgrenzen. Knapp ein Viertel (22%) gehören zu den "mitwirkungsbezogenen" Jugendlichen, die von Ihrer Grundhaltung her im weiteren Sinne als "politisiert" bezeichnet werden können. Sie orientieren sich eng an den Normen der Demokratie und stehen für Mitbestimmung und Engagement. Überproportional häufig handelt es sich um etwas ältere und besser gebildete Jugendliche, die studieren oder die gymnasiale Oberstufe besuchen. Das Gegenstück hierzu bilden mit einem weiteren knappen Viertel (24%) die "politik-kritischen" Jugendlichen. Sie weisen die größte Distanz zur Politik auf und charakterisieren sich selber am stärksten als "politikverdrossen". Parteipolitik wird von ihnen abgelehnt. Ihr Interesse an Politik ist gering, obwohl sie sich eigentlich als politisch kompetent einstufen. Auch diese Jugendlichen orientieren sich an den Grundwerten der Demokratie und weisen trotz ihrer Unzufriedenheit eine hohe Akzeptanz gegenüber unserem gesellschaftlichen System auf. Sie sind ebenfalls etwas älter und überproportional häufig erwerbstätig, außerdem vermehrt in Ausbildung, arbeitslos bzw. aus sonstigen Gründen nicht erwerbstätig. Mit 31% bilden die "politisch desinteressierten" Jugendlichen die größte Gruppe innerhalb der Politik-Typologie. Sie reklamieren für sich so gut wie gar kein Interesse an Politik und schreiben sich die geringste politische Kompetenz zu. Überproportional häufig handelt es sich um noch sehr junge "Kids", die in der Regel die Haupt- oder Realschule oder aber zum Teil auch die gymnasiale Unter- oder Mittelstufe besuchen. Sie sind häufig in ihrer Meinung noch nicht festgelegt. Sie sind im Zuge ihres individuellen Reifungsprozesses noch vorrangig mit sich selber und weniger mit der Gesellschaft im Ganzen beschäftigt. Weitere 23% der Jugendlichen können schließlich als im weitesten Sinne "ordnungsorientiert" bezeichnet werden. Die Gruppe ist relativ inhomogen. Zwar bekennt sich diese Gruppe mehrheitlich zur Demokratie. Sie hat jedoch ein weniger intensives Verhältnis zu den demokratischen Freiheiten, etwa zum Recht auf Opposition und zur Meinungsfreiheit. Ihnen kommt es vermehrt darauf an, dass politische Angelegenheiten straff und ohne große Debatten geregelt werden.

Die Ergebnisse der Typologie führen zu einem differenzierterem Bild im Verhältnis von Jugend und Politik. Insgesamt beziehen sich die heutigen Jugendlichen eher sporadisch auf Politik. Selbst bei den "politisierten" mitwirkungsbezogenen Jugendlichen, lässt sich wenig "Faszination" an der großen Politik erkennen. Hinzu kommt die verbreitete Politik-Kritik, die als "Parteienverdrossenheit" zu einer erkennbaren Distanz führt. Bei einem Teil der Jugendlichen, insbesondere bei den ganz jungen "Kids", scheint das geäußerte politische Desinteresse jedoch auch mit der in diesem Alter noch in Entwicklung befindlichen individuellen Reife zu tun haben.

Bei der absoluten Mehrheit der Jugendlichen steht - sowohl in den alten, als auch in den neuen Bundesländern - jedoch der Parteienverdrossenheit eine große Akzeptanz der Demokratie als politischem System gegenüber. Demokratische Normen und Werte sind für die heutige Jugend maßgeblich. Alles in allem stellt Politik für die Mehrheit der Jugendlichen heute keinen eindeutigen Bezugspunkt mehr dar, an dem man sich orientiert, persönliche Identität gewinnt oder sich auch selber darstellen kann. "Politisch sein" ist heute nicht mehr "in". Dies sollte jedoch nicht damit gleichgesetzt werden, dass die Jugendlichen keine eigenen Interessen mehr hätten, für deren Verwirklichung sie sich einsetzen.

Problemsicht und zukünftige gesellschaftliche Aufgabenfelder

Vor dem Hintergrund des Anschlags auf das New Yorker World Trade Center vom 11. September 2001 dominieren bei den Jugendlichen Ängste vor möglichen Terroranschlägen. Auch Sorgen um die schlechte wirtschaftliche Situation sind weit verbreitet. Darüber hinaus wird von einer Mehrheit der Jugendlichen auch auf die Umweltverschmutzung als Problem hingewiesen. Mit 52% gibt eine Mehrheit der Jugendlichen an, im Fall von Risiken für den Menschen lieber auf technische Entwicklungen verzichten zu wollen. Das Thema "Ökologie" ist von daher bei der Jugend offensichtlich nicht grundsätzlich "out", hat allerdings nicht mehr die Brisanz der 80er Jahre. Gefragt nach den wichtigsten gesellschaftlichen Zukunftsaufgaben nennen Jugendliche - genau wie auch die Gesamtbevölkerung - nicht zuerst die Ökologie, sondern die Bereiche Arbeitsmarkt, Kinder und Familie sowie Bildung.

Einstellungen gegenüber besonderen Bevölkerungsgruppen

Jugendliche sind nach wie vor eine tolerante Bevölkerungsgruppe. Rund die Hälfte hätte nichts gegen die in der Shell Jugendstudie genannten, oftmals stigmatisierten Bevölkerungsgruppen als Nachbarn einzuwenden. Etwa ein Viertel der Jugendlichen hat allerdings entsprechende Vorbehalte gegenüber Aussiedlerfamilien, 18% gegenüber (deutschen) Familien mit vielen Kindern oder jeweils 15% gegenüber einem homosexuellem Paar oder einer Familie, die auf Sozialhilfe angewiesen ist. Alles in allem sind die Vorbehalte in den neuen Ländern höher ausgeprägt. Auffällig ist darüber hinaus wieder der Einfluss des Bildungsniveaus: je höher die Bildung, desto geringer die Vorbehalte gegenüber bestimmten Gruppen.

Hinsichtlich des weiteren Zuzugs von Ausländern nach Deutschland dominiert hingegen bei der Mehrheit der Jugendlichen eine eher ablehnende Haltung. Auch in dieser Frage gibt es bei Jugendlichen in den neuen Bundesländern mit 56% eine deutlichere Mehrheit gegen den weiteren Zuzug von Ausländern gegenüber 46% in den alten Ländern.

Internationale Aspekte

Mit 47% spricht sich eine relative Mehrheit der Jugendlichen dafür aus, dass sich die europäische Union perspektivisch zu einem eigenen Staat entwickeln sollte. 26% sind dagegen und 27% haben hierzu (noch) keine Meinung. Ähnliches gilt für die vorgesehene EU-Osterweiterung, also die Aufnahme von Ländern wie Tschechien, Ungarn oder Polen in die EU. Mit 48% ist die Befürwortung bei Jugendlichen aus den neuen Ländern sogar höher als mit 42% in den alten Ländern. Europa ist für die Jugend eine Realität und wird ganz offensichtlich als persönliche Chance betrachtet.

Die neue Rolle, die dem vereinigten Deutschland in der Welt international mehr und mehr zukommt, wird von den Jugendlichen pragmatisch und ohne "ideologische Scheuklappen" angenommen. Mit 42% ist eine relative Mehrheit der Jugendlichen der Meinung, dass Deutschland seine Interessen in der Welt gerade richtig zum Ausdruck bringt. Ein knappes Drittel fordert sogar noch mehr Einfluss. Hinsichtlich der internationalen Zusammenarbeit mit den USA sprechen sich 36% dafür aus, die gegenseitige Kooperation so wie bisher zu gestalten. Mit 23% hält sich die Befürwortung einer weniger engen Zusammenarbeit etwa die Waage mit den 21%, die eine engere Kooperation fordern. Die Meinungen hierzu sind also ambivalent. Auffällig ist, dass die Position zur Zusammenarbeit mit den USA nicht so stark, wie zu vermuten wäre, mit der politischen "Links-Rechts" Positionierung von Jugendlichen zusammen hängt. Zwar sind die "US-Kritiker" bei den Linken im Vergleich zur Mitte bzw. zu den eher rechts orientierten Jugendlichen anteilig stärker vertreten. Dennoch gehen die Meinungen auch innerhalb der eher links positionierten Jugendlichen deutlich auseinander.

Für eine Beteiligung der Bundeswehr an internationalen Einsätzen sprach sich eine relative Mehrheit von 46% der Jugendlichen aus. Dagegen waren 29% und 25% waren unschlüssig oder äußerten hierzu keine Meinung. Die Zustimmung in den alten Ländern war mit 49% im Vergleich zu 38% in den neuen Ländern deutlich höher. Aus der Sicht vieler Jugendlicher sollte Deutschland seine neuen internationalen Verpflichtungen also annehmen. Interessant ist allerdings, dass sich gleichzeitig 48% der Jugendlichen dafür aussprechen, die allgemeine Wehrpflicht abzuschaffen und stattdessen eine Berufsarmee einzuführen. Dies gilt insbesondere für männliche Jugendliche, von denen sogar 53% für eine Berufsarmee sind.

Globalisierung

Der Prozess der Globalisierung wird von den Jugendlichen weder einseitig ablehnend noch besonders euphorisch beurteilt. Aus der Sicht der Jugendlichen halten sich vielmehr Vorteile und Nachteile etwa die Waage. Gymnasiasten und Studierende verwiesen geringfügig stärker auf die Vorteile, während erwerbstätige Jugendliche und Arbeitslose etwas stärker die Nachteile wahrnehmen. Im Einzelnen werden sowohl neuen Chancen gesehen, z.B. für Studium und Karriere im Ausland. Aber auch mögliche Risiken haben die Jugendlichen im Blick, etwa in Gestalt verstärkter Zuwanderung aus armen Ländern bzw. eines möglichen Verlusts von Arbeitsplätzen, die in Niedriglohnländer verlagert werden. Die überwiegende Mehrheit ist sich der starken Stellung der großen Konzerne bewusst und geht von einer weiteren kulturellen "Amerikanisierung" aus. Dennoch finden die Jugendlichen auch, dass das Leben durch die Globalisierung interessanter und vielfältiger wird.

Die Meinungsbildung der Jugend zur Globalisierung vollzieht sich heute realitätsnah und pragmatisch und ist wenig von ideologischen Positionen geprägt. Sie sind sich der neuen internationalen Herausforderungen bewusst, Schwierigkeiten werden nicht verdrängt, Chancen durchaus gesehen. Natürlich gilt dies für die noch ganz jungen "Kids" nur mit Einschränkung. Es gibt jedoch keinen Grund, dass auch sie im Zuge ihres Heranwachsens nicht ebenfalls Position beziehen werden.

Zwischenfazit: Ideologie ist "out"

"Ideologie" ist bei den Jugendlichen als Orientierungsrahmen offensichtlich "out". Die auch heute noch häufig geforderte "neue Jugendbewegung" wirkt in diesem Lichte geradezu anachronistisch. Die Idee von einem selbstbestimmten Leben jenseits von gesellschaftlichen Zwängen, die mit dem Begriff der "neuen Jugendbewegung" verbunden wurde, passt offenbar immer weniger mit der Lebensrealität und den tatsächlichen Vorstellungen der heutigen Jugend zusammen. Es wäre dennoch falsch, die heutige Jugend pauschal als unpolitisch zu bezeichnen, obgleich die Prioritäten heute anders gesetzt werden als früher. Nur: Politisches Engagement ist heute kein Selbstzweck mehr und schon gar kein Königsweg zur "persönlichen Emanzipation".

Gesellschaftliche Aktivität der Jugendlichen

Um die gesellschaftliche Aktivität der Jugendlichen zu erfassen, wurde in der aktuellen Shell Jugendstudie ein jugendgemäßes Instrument entwickelt. Gesellschaftliche Aktivität von Jugendlichen findet in der Freizeit statt, ist auf soziale oder politische Ziele ausgerichtet bzw. kommt anderen Menschen zugute. Es wurde ein breiter Ansatz gewählt, der weit über den Begriff des politischen Engagements, aber auch über den des "freiwilligen Engagements" hinausgeht. Es sollten damit auch Aktivitäten erfasst werden, die als "sozial" in einem weiteren Sinne einzustufen sind, obwohl sie z.B. individuell ausgeübt werden. Obwohl die Jugendlichen heute der großen Politik fern stehen, sind viele in ihrem näheren und weiteren Lebensumfeld gesellschaftlich aktiv. Der Einsatz für gesellschaftliche Angelegenheiten und für andere Menschen gehört zu ihrem Lebensstil ganz selbstverständlich dazu. Es dominieren dabei die jugendbezogenen Angelegenheiten, d.h. der Einsatz für die Interessen sowie für die sinnvolle Freizeitgestaltung der Jugend. Dafür ist etwa die Hälfte der Jugendliche zumindest gelegentlich aktiv.

Jugendliche kümmern sich in ihrer Freizeit jedoch auch um ältere Menschen, die Hilfe brauchen. Sie setzen sich für den Umwelt- und Tierschutz ein, für sozial schwache Menschen und für ein besseres Zusammenleben mit Ausländern. An ihrem Wohnort sind sie außerdem für ein besseres Zusammenleben und für Sicherheit und Ordnung aktiv. Menschen in armen Ländern und Behinderte sind ebenfalls Zielgruppen jugendlicher gesellschaftlicher Aktivität. Übergreifende Ziele wie die Pflege des nationalen Erbes ("Pflege deutscher Kultur und Tradition") bzw. die Gesellschaftsveränderung ("Einsatz für soziale und politische Veränderungen in Deutschland") sind für die jugendliche gesellschaftliche Aktivität nicht typisch. Der Schwerpunkt liegt eindeutig in der jugendlichen Lebenssphäre sowie beim sozialen Einsatz für konkrete bedürftige Zielgruppen.

Mit dem Alter nimmt bei Jugendlichen die Aktivität für übergreifende gesellschaftliche Angelegenheiten deutlich zu, die spezifisch jugendbezogene Aktivität ab. Ein knappes Viertel der volljährigen Jugendlichen setzt sich zumindest gelegentlich für die Gesellschaftsveränderung ein, ein reichliches Fünftel für die Pflege deutscher Kultur und Tradition. Weibliche Jugendliche sind ökologisch und in sozialen Feldern stärker aktiv. Sie kümmern sich vermehrt um den Umwelt- und Tierschutz sowie um Menschen in armen Ländern. Männliche Jugendliche sind vermehrt für ein besseres Zusammenleben und für Ordnung und Sicherheit im Wohnort aktiv sowie für die Pflege deutscher Kultur und Tradition.

Die Shell Jugendstudie erfasste auch den organisatorischen bzw. institutionellen Zusammenhang der gesellschaftlichen Aktivität von Jugendlichen. Die vier verbreitetsten Organisationsformen bzw. Institutionen gesellschaftlicher Aktivität (Vereine, Bildungseinrichtungen, Jugendorganisationen, Kirchen) binden 76% der nur gelegentlich aktiven Jugendlichen und sogar 85% der regelmäßig ("oft") aktiven. Dabei sind die Vereine und die Bildungseinrichtungen quantitativ en am bedeutsamsten. Individuelle Aktivität außerhalb von Gruppen, Vereinen, Organisationen und Institutionen ist ebenfalls weit verbreitet, stellt für Jugendliche jedoch nur eine zusätzliche Option dar. Individuelle Aktivitäten gehen oft mit Aktivitäten in selbstorganisierten Gruppen und anderen Aktionsformen einher. Diese Aktivitätsformen sind gerade bei initiativreichen und eigenständigen Jugendlichen verbreitet. Die Jugend ist allerdings im klassischen Kontext gesellschaftlicher Aktivität, also bei Gewerkschaften und Parteien weniger aktiv. Auch die neueren Formen der Aktivität in Bürgerinitiativen und Bürgervereinen, bei Greenpeace, Amnesty International oder in anderen Hilfsorganisationen sind in der Jugend weniger verbreitet.

Erwachsene Jugendliche sind in den klassischen und den neueren Aktivitätsformen allerdings deutlich aktiver sind als jüngere, eine Parallele zur übergreifenderen Ausrichtung der Aktivität älterer Jugendlicher. Jungen und junge Männer sind mit 59% viel mehr in Vereinen aktiv als Mädchen und junge Frauen mit 45%. Das betrifft auch die Freiwillige Feuerwehr und die Rettungsdienste mit 12% gegenüber 5%. Während männliche Jugendliche vermehrt bei den Parteien aktiv sind, sind weibliche Jugendliche öfter in Bürgerinitiativen und Bürgervereinen zu finden. Weibliche Jugendliche sind auch etwas vermehrt in individuellen oder anderen Aktionsformen aktiv als männliche.

Über alle Bereiche hinweg gesehen, sind insgesamt 35% der Jugendlichen regelmäßig gesellschaftlich aktiv ("oft"). Davon sind 22% in einem oder zwei Aktivitätsbereichen tätig, 13% sogar in 3 und mehr Bereichen. Nicht regelmäßig, aber zumindest "gelegentlich" sind weitere 41% der Jugendlichen aktiv. Nur 24% der Jugendliche gehen überhaupt keiner gesellschaftlichen Aktivität nach. Die Intensität der gesellschaftlichen Aktivität ist abhängig von der sozialen Schicht aus der die Jugendlichen stammen. Sie steigt von 25% in der Unterschicht auf 39% in der Oberschicht an. Studenten halten mit 44% regelmäßiger gesellschaftlicher Aktivität den Rekord, Arbeitslose haben mit 23% die niedrigste Aktivitätsquote. Wichtig ist allerdings, dass der eigentliche "Bruch" in der gesellschaftlichen Aktivitätsquote an der Grenze vom unteren Drittel zu den beiden oberen Dritteln der Herkunftsschicht liegt. Einer Quote von 28% regelmäßiger gesellschaftlicher Aktivität im unteren Drittel stehen 38% in den oberen zwei Dritteln gegenüber.

Der trennende Effekt der gesellschaftlichen Schichtung und damit im Zusammenhang auch der Werthaltungen "pragmatischer Idealismus" versus "robuster Materialismus" wird allerdings teilweise durch die Schule, die Vereine sowie (mit geringerer quantitativer Bedeutung) durch die Freiwillige Feuerwehr und die Rettungsdienste durchbrochen. Hauptschüler haben trotz niedriger Schichtherkunft immerhin eine gesellschaftliche Aktivitätsquote von 31%, Realschüler sogar von 38%. Die Schule, die Vereine und die freiwillige Feuerwehr bzw. die Rettungsdienste integrieren auch robuste Materialisten und zögerliche Unauffällige in die gesellschaftliche Aktivität.

Schichtunterschiede erlangen im älter Werden der Jugendlichen und im Übergang ins Berufsleben stärkere Bedeutung. Jugendliche, die früh berufstätig oder auch arbeitslos werden oder in Ausbildung sind, setzen sich weniger gesellschaftlich ein. Die integrierende Wirkung der Schule und auch der Vereine reißt ab. Bei den Studenten stabilisiert die Hochschul- und universitäre Umgebung sowie die idealistische Werthaltung die gesellschaftliche Aktivität. Auch nicht Erwerbstätige, die weder Schüler noch Studenten sind, sind verstärkt gesellschaftlich aktiv, wohl wegen bereits vorhandener Kinder oder der Sinn- und Jobsuche.

Portraits engagierter Jugendlicher

Warum und wie sich Jugendliche engagieren, wird in der diesjährigen Shell Jugendstudie ebenfalls exemplarisch anhand von 20 ausgewählten Portraits dargestellt. Um besonders aktuellen Formen gesellschaftlicher Beteiligung nachzugehen, kommt hierbei der Nutzung des Internets eine spezielle Bedeutung zu ("Politik per Klick"). Die Bandbreite der präsentierten Aktivitäten reicht von einer engen Anbindung an etablierte politische Strukturen bis zum reinen Internetengagement. Sichtbar wird, dass sich mit Hilfe des Internets neue Formen und neue Zugänge zur gesellschaftlichen Teilhabe junger Menschen entwickelt haben. Diese Art des Engagements kommt ihrem Bedürfnis entgegen, "nicht zur zu meckern", sondern "was zu tun". Pragmatisch und wenig ideologiebeladen, aber mit zum Teil hohen gesellschaftlichen Ansprüchen und globaler Perspektive versuchen die befragten Jugendlichen, mit ihren Anliegen Gehör zu finden. So schaffen sie es, sich wie z.B. die Globalisierungskritiker von Attac in weltumspannenden Netzwerken zu koordinieren. Ähnliches gilt allerdings auch für die rechtsradikale Szene, die sich inzwischen ebenfalls stark in diesem Sektor profiliert. Die unterschiedlichen Formen der Nutzung des Internets werden im qualitativen Teil der diesjährigen Shell Jugendstudie in ihrer (auch geschlechtspezifischen) Unterschiedlichkeit dargestellt, ohne dass eine Verengung auf bestimmte gesellschaftliche Bereiche oder politische Richtungen vorgenommen wird.

Methodik

Die 14. Shell Jugendstudie stützt sich auf eine repräsentativ zusammengesetzte Stichprobe von 2.515 Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren aus den alten und neuen Bundesländern, die von geschulten Infratest-Interviewern zu ihrer Lebenssituation und zu ihren Einstellungen und Orientierungen persönlich befragt wurden. Die Erhebung fand auf Grundlage eines standardisierten Fragebogens im Zeitraum von Anfang März bis Mitte April 2002 statt. Zur spezifischen Vertiefung wurden darüber hinaus 20 qualitative Portraits von systematisch ausgewählten Jugendlichen, die besondere Formen von persönlichem Engagement ausweisen, erstellt.