SGB VIII - Online-Handbuch

herausgegeben von Ingeborg Becker-Textor und Martin R. Textor

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Aus: KinderTageseinrichtungen aktuell, KiTa BY 1997, Heft 1, S. 12-13

Wie ein "Netz für Kinder" laufen lernt! Bilanz der praktischen Erfahrungen aus Gründung und Betrieb eines "Netz für Kinder"

Michael Schnabel

 

1. Unser Weg zum Netz für Kinder

Beim Seniorentag in Starnberg kommt es zwischen dem Bürgermeister von Gauting und Frau Ursula Bezdek, der Vorsitzenden des Eltern-Kind-Programm e.V. zum Gespräch. Frau Bezdek erzählt von einer neuen Kinderbetreuungsform - dem "Netz für Kinder", das von der Staatsregierung gefördert werde. Der Bürgermeister ist bereits durch die Ausschreibung im Staatsanzeiger unterrichtet und meint: Das Eltern-Kind-Programm e.V. (= EKP-Verein) wäre vortrefflich geeignet, in der Gemeinde Gauting dieses Modell einzurichten. Zugleich verspricht er jegliche Unterstützung, wenn das Angebot wahrgenommen werde.

Die Verantwortlichen des EKP-Vereins hatten sich schon entsprechend informieren lassen: Auf einer Mitgliederversammlung hatte eine Referentin aus dem Sozialministerium über diese neue Form der Pädagogik gesprochen. Entsprechende Unterlagen wurden seitens des EKP-Vereins angefordert und Vorgespräche geführt. Aufgrund der positiven Bereitschaft seitens der Gemeinde konnten die Verantwortlichen des Eltern-Kind-Programm e.V. zügig die Vorbereitungen zur Gründung einer "Netz für Kinder-Gruppe" organisieren.

Da im Ortsteil Buchendorf der Gemeinde Gauting bisher für Kleinkinder kein Kindergartenangebot bestand und in der ehemaligen Schule die Gemeinde geeignete Räume besitzt, lag die Entscheidung nahe, ein "Netz für Kinder" in Buchendorf einzurichten.

Es stellte sich die Frage, wie die Räume so gestaltet werden sollten, dass sie möglichst vorteilhaft mit Kindern unterschiedlichen Alters genützt werden könnten. Die Verantwortlichen im Eltern-Kind-Programm e.V. entschlossen sich, die Räume nach dem motopädagogischen Konzept eines Spielhauses umzugestalten (Bezdek, U. 1995). Unter der Aufsicht einer Architektin und unter Anleitung eines Holztechnikers wurden zusammen mit Eltern in 1500 Arbeitsstunden die Räume altersentsprechend umgestaltet.

Eine Sozialpädagogin, die bereits beim Eltern-Kind-Programm e.V. tätig war, startete im Mai 1994 mit der Gruppe.

Nach zweijähriger Laufzeit zogen die Beteiligten eine kritische Bilanz: Die Vorstandschaft des Trägervereins erörterte eingehend die Erfahrungen aus der bisherigen Arbeit. Die Eltern beschäftigten sich in einem Elternabend mit den Vor- und Nachteilen einer "Netz für Kinder-Gruppe".

Die nachfolgende Beschreibung der Erfahrungen aus der pädagogischen Arbeit im "Netz für Kinder" ist ganz aus der Perspektive des EKP-Vereins formuliert. Gerade diese Einzelfallanalyse lässt geradezu konzentriert die Chancen und Schwierigkeiten dieser Kinderbetreuungsform markant hervortreten. Zugleich können daraus Impulse für die Fortführung und Weiterentwicklung erwachsen.

2. "Das Netz für Kinder" wurde konkretisiert

Das "Netz für Kinder" gibt es seit 1993 in Bayern und eröffnet ganz neue Wege der Kinderbetreuung. Die Richtlinien geben einen variablen und offenen Rahmen vor, so dass optimale Möglichkeiten bestehen, auf die situativen Gegebenheiten und Bedürfnisse der Familien einzugehen. "Das Netz für Kinder schafft den Rahmen für die Betreuung in Gruppen

  • von 12 bis 15 Kinder
  • im Alter zwischen 2 und 12 Jahren
  • durch eine pädagogische Fachkraft
  • bei Mitarbeit (Betreuung und Organisation) der Eltern"

(Bayer. Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit (Hrsg.) 1995). Auch bezüglich der Gründung und Führung einer "Netz für Kindergruppe" gibt es mehrere Möglichkeiten: interessierte Eltern, innovationsfreudige ErzieherInnen oder Träger der Kinder- und Jugendhilfe (Bayer. Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit (Hrsg.) 1995). Demnach gibt es sehr unterschiedliche Träger. Es können sich interessierte Eltern zusammentun und einen Verein gründen oder sich in einen bestehenden Verein eingliedern. In unserem Fall ging vom EKP-Verein die Initiative aus, und das Angebot wurde den Eltern präsentiert.

Die Finanzierung wird durch Förderrichtlinien des Freistaates Bayern geregelt. Der Freistaat und die jeweilige Kommune beteiligen sich zu jeweils 40%. Die Restfinanzierung wird durch die Beiträge der Eltern gedeckt (Bayer. Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit (Hrsg.) 1995).

Ein wichtiger Entscheidungsprozeß in dieser Betreuungsform für Kinder ist die jeweilige pädagogische und inhaltliche Ausrichtung der Arbeit. Es gilt, in der Auseinandersetzung zwischen Eltern und Pädagoginnen ein Konzept zu finden, das als Grundlage und Verständigungsbasis für die Zusammenarbeit dient (Bayer. Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit (Hrsg.) 1995).

Im EKP-Verein wurde ein derartiges Konzept erarbeitet und formuliert. Wichtigste Forderungen aus unserem Konzept sind die intensive Beteiligung der Eltern und die regelmäßige und kontinuierliche Mitarbeit der Eltern. "Wenn Väter/Mütter allerdings kein Interesse an einer Mitarbeit haben, also nicht mitarbeiten wollen, dann müssen sie sich für eine andere Betreuungsform entscheiden, die weniger Elternengagement erwartet" (Becker-Textor, I. 1995).

Gemäß dem Grundanliegen des EKP-Vereins sollen in unserem "Netz für Kinder" die Eltern ihre Erfahrungen in der Kindererziehung austauschen und Anregungen für die Gestaltung des Familienalltags erhalten. Zugleich können Eltern die Entwicklung ihrer Kinder erleben und die Eingliederung in die Gruppe beobachten. Unverzichtbare pädagogische Schwerpunkte in unserer Arbeit sind: Elternmitarbeit, Elternbildung, Betreuung und Förderung der Kinder. In unserem "Netz für Kinder" sind diese pädagogischen Intentionen aufeinander abgestimmt und modellhaft eingelöst.

Weiterhin werden im Konzeptpapier organisatorische Fragen geregelt und die Verpflichtung zur Teilnahme an den Teamsitzungen und Elternabenden festgeschrieben. Alle Eltern dokumentieren mit ihrer Unterschrift, dass sie mit diesen Anforderungen einverstanden sind. Die große Nachfrage - es bestehen seit Gründung der Gruppe Wartelisten - beweist, dass eine größere Anzahl von Eltern bereit ist, sich in der institutionellen Kinderbetreuung zu engagieren.

3. Erfahrungen aus der fachlichen Betreuung

Die fachliche Betreuung des "Netz für Kinder" geschieht im Eltern-Kind-Programm e.V. auf mehreren Ebenen: Organisatorische, finanzielle Belange und Fragen des Personals werden in der Vorstandschaft beraten und entschieden.

Zwei pädagogische Fachkräfte aus dem Verein begleiten die Arbeit, unterstützen die Erzieherin und helfen bei der Regelung von Problemsituationen.

Die Leitung der Gruppe liegt in den Händen einer Erzieherin. Sie plant und koordiniert die Arbeit in enger Absprache mit den Eltern. Zweimal im Monat treffen sich die Eltern und Pädagoginnen, um Fragen der Kindererziehung, des Gruppengeschehens und der Organisation zu besprechen.

Dazu gibt es regelmäßig - einmal im Monat - eine Supervision für alle beteiligten Fachkräfte und Eltern durch eine Psychologin der Kinder- Jugend- und Familienberatungsstelle des Landkreises Starnberg.

Aus der Sicht aller Beteiligten gibt es eine uneingeschränkte Zustimmung zu dieser Form der Kinderbetreuung. Auch wenn es im Vorstand Bedenken und Sorgen gab, ob die Finanzierung sich tragen würde, und bei der Zuweisung von Zuschüssen viel Geduld aufgebracht werden muss, weil die Gelder oftmals lange auf sich warten lassen, so ist die Vorstandschaft doch stolz, bei einem derartig neuen pädagogischen Konzept die Vorreiterrolle übernommen zu haben. Der Verein wird von Interessenten am "Netz für Kinder" aufgesucht und sehr oft um Rat und Hilfe gebeten.

Unsere pädagogischen Fachkräfte schwärmen geradezu von dieser Kinderbetreuungsform: Sie gehe weit über das hinaus, was eine Kindergartengruppe bieten kann. Einmal besteht für die Eltern die große Chance, ihre Kinder bei der Eingliederung in eine neue Gruppe zu erleben. Weiterhin werde durch die Mitbetreuung der Eltern eine Vielfalt an Erziehungsformen erreicht, und inhaltlich und methodisch bringen die Eltern ungewöhnliche Ideen ein. Durch die Eltern werden in der Gruppe äußerst anregende Situationen geschaffen: Z.B. eine Mutter bringt ihr neugeborenes Kind mit - Gespräche, Auseinandersetzungen und Spiele haben dies zum Thema. Eine wesentliche Bereicherung für die Gruppe und das pädagogische Geschehen ist die Mitwirkung der Väter. 25% Väter beteiligen sich in unserem "Netz für Kinder". Sie treffen sich auch zu einer eigenen Vätergesprächsgruppe.

Die für die pädagogische Arbeit verantwortliche Erzieherin sieht im "Netz für Kinder" viele pädagogische Chancen - aber auch neue und ungewohnte Anforderungen, die ein hohes Maß an Einsatz und Handlungskompetenz erfordern. Für die Gruppenleiterin ist es nicht immer leicht, die verschiedenen Bedürfnisse und Erwartungen der Eltern zu koordinieren. Es ist nicht einfach, ein gleichberechtigtes Team mit den betreuenden Eltern zu bilden. Einerseits sollen die Eltern voll in ihrer Kompetenz einbezogen werden, zum anderen hat die Gruppenleiterin die Leitungsverantwortung und muss den Eltern auch Anweisungen geben. Die pädagogische Fachkraft sollte deshalb reichlich Erfahrungen in der Elternarbeit mitbringen, sonst türmen sich allzu schnell unüberwindliche Schwierigkeiten auf.

4. Resümee

Im Gesamturteil muss unsere Grundhaltung genannt werden: Dem Eltern-Kind-Programm e.V. ist die Bildung und Betreuung der Eltern zur Stabilisierung der Familien ein Hauptanliegen. Familienbildung ist dabei kein Aufdrängen von Wissen und kein Eintrainieren von Fertigkeiten, sondern konkrete und alltagsorientierte Auseinandersetzung zum Umgang zwischen Eltern und Kindern und zur kindgerechten Gestaltung des Familienlebens. Diese Anliegen können im "Netz für Kinder" voll zum Tragen kommen.

Es soll nicht schön geredet werden: Die Gründung und der Betrieb eines "Netz für Kinder" brachten unserem Verein viele zusätzliche Arbeit, manchen Ärger und Konflikt. Aber das Engagement hat sich gelohnt!

Das "Netz für Kinder" eröffnet Eltern und Kindern vielfache Chancen der Bildung. Die Kinder haben die Möglichkeit, sich frühzeitig in eine Gruppe einzugliedern, und sie erhalten durch die Angebote viele Anregungen. Eltern können ihr Kind in einem wichtigen Lebensabschnitt noch begleiten und erhalten durch diese Arbeit viele Impulse für die Erziehung zu Hause.

Für Pädagoginnen ist es ein interessantes Arbeitsfeld, das besondere Anforderungen stellt und bisher kaum gesehene Bildungschancen eröffnen kann.

5. Was bleibt noch zu tun?

Nach den ersten Publikationen über die Erfahrungen aus dieser Arbeit sollte das Engagement und der Schwung aus der Anfangsphase nicht verflogen sein.

Für die Weiterentwicklung und Multiplikation des Anliegens "Netz für Kinder" sollten die bisherigen positiven Erfahrungen eindrucksvoll dargestellt werden und die innovativen Möglichkeiten für zukünftige Bildung aufgezeigt werden.

In enger Kooperation mit den Praktikerinnen könnten Wissenschaftler die subtilen Prozesse der Interaktion in den Gruppen beschreiben und Chancen für eine aktualisierte Bildung aufzeigen. Weiterhin sollten Möglichkeiten der Übertragung ausgekundschaftet werden. Gerade für Pfarrgemeinden könnte die Einrichtung eines "Netz für Kinder" vielversprechend sein, denn damit wäre ein diakonischer Auftrag der Kirchen einzulösen und zugleich wären diese Gruppen eine Basis zur Bildung einer Kerngemeinde in der Pfarrei.

Weiter steht an, dass das pädagogische Fachpersonal gezielter auf die Elternarbeit vorbereitet wird und eine durchdachte Fortbildung zum Schwerpunkt "Netz für Kinder" erhält.

Auch wenn die anstehenden Forderungen vorbildlich eingelöst werden, wird das "Netz für Kinder" nur für den Teil der Eltern attraktiv sein, der sich besonders in der Erziehung der Kinder einbringen will. Dafür wirkt dieses Angebot nachhaltig und über einen weiten Zeitraum in die Familien hinein, wie kaum eine andere pädagogische Initiative.

Literatur

Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit (Hrsg.): Netz für Kinder. Eltern und Erzieher/innen Hand in Hand. Ein Ratgeber für Initiativen, München 1995, S. 6. - vgl. ebd. S. 8. - vgl. ebd. S. 47 - vgl. ebd. S. 37.

Becker-Textor, Ingeborg: Netz für Kinder. Wie Eltern Kindergruppen auf die Beine stellen können. Erfahrungen - Anregungen - Leitlinien, Freiburg Basel Wien 1995, S. 10.

Bezdek, Ursula: Eine Bewegungswohnwelt für Kinder in einer "Netz-für-Kinder-Gruppe"- Entstehung und Nutzung eines Spielhauses - eine Bewegungsbaustelle im Sinne der Moto-Pädagogik, in: Becker-Textor, Ingeborg (Hrsg.): Netz für Kinder, Freiburg Basel Wien 1995, S. 65-68.

Institut für soziale und kulturelle Arbeit (Hrsg.): Netz für Kinder. Rahmenbedingungen - Soziale Daten - Erfahrungen, Nürnberg 1995.