SGB VIII - Online-Handbuch

herausgegeben von Ingeborg Becker-Textor und Martin R. Textor

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Aus: http://www.gmk-net.de (Pressemitteilung der GMK)

Erfurt - Medienkompetenzförderung - Gebot der Stunde

Jürgen Lauffer


Unterschiedliche Faktoren spielen eine Rolle

Ob Computerspiele eine wesentliche Ursache für Jugendgewalt sind, lässt sich auf dem Hintergrund des aktuellen Forschungsstandes nicht einfach beantworten. Der Fall von Robert Steinhäuser in Erfurt zeigt deutlich - wie bereits andere Fälle davor: Die Beschäftigung mit Computer-, Video- und Internetspielen war möglicherweise ein Baustein in einem Mosaik verschiedener Ursachen in der Vorgeschichte seiner Tat. (Entsprechend sind sicher auch seine Aktivitäten im Schützenverein, seine Begeisterung für Waffen zu bewerten). Ein komplexes Geflecht von Faktoren hat zusammengewirkt und in letzter Konsequenz (wahrscheinlich) zur Tat geführt haben.

Wenn der Bielefelder Soziologieprofessor Heitmeyer, der sich seit Jahren mit rechtsorientierten Jugendszenen befasst, in Spiegel-Online am 30.4.02 konstatiert, dass dem Jugendlichen Anerkennung fehlte, ist dies bei dem Erfurter Täter sicher nachvollziehbar. Der Schulverweis erscheint als Kränkung und deutliches Zeichen der gesellschaftlichen Stigmatisierung. Sein Unvermögen, seinen Frust, seine Verletzung zu kommunizieren spielen aber sicher auch eine wichtige Rolle.

Auch die These der gewünschten Selbstinszenierung in den Medien bei dieser Tat ist in diesem Fall sehr plausibel. Die Medien haben auch diesmal sicher ihren Teil dazu beigetragen eine vielleicht vom Täter gewollte posthume Popularität zu erzeugen, so makaber diese erscheinen mag - frühere Amoktaten dienten dem Täter möglicherweise als Modell.

Aus medienpädagogischer Sicht ist es daher zu begrüßen, dass die Bundesjustizministerin prüfen lässt, ob die Strafvorschriften zu exzessiven Gewaltdarstellungen in Filmen oder Computerspielen verschärft werden müssen (Spiegel-Online 5.5.02). Auch ein runder Tisch zur Gewaltdarstellung in den Medien, den der Bundeskanzler einberufen möchte, ist sicher sinnvoll. So wie jede Auseinandersetzung über das, was medial, gesendet oder ins Internet gestellt wird, nur helfen kann, sich über ethische und moralische Standards unserer Gesellschaft zu verständigen. Dasselbe gilt natürlich auch für die Diskussion über eine weitere Verschärfung des Waffenrechts.

Das alles sind wichtige Impulse für die Auseinandersetzung von Eltern mit ihren Kindern. Eltern sollten sich für das interessieren, was ihre Kinder am Rechner machen und wie sie die Eindrücke des Fernsehprogramms verarbeiten. Jeder öffentliche Diskurs, der dies unterstützt, ist hilfreich.

Verbote nützen wenig

Regulierungen, Gesetze und Verbote werden unsere Welt sicher nicht gewaltfrei machen - allein schon die Berichterstattung in den Medien über die reale tägliche Gewalt, Kriegsgeschehen, Attentate oder Unfälle produziert schon massenhaft Bilder und Texte, die für Kinder und Jugendliche schwer zu verarbeiten sind.

Hier gibt es sicher auch Diskussionsbedarf zu einer journalistischen Ethik - welche Bilder soll man zeigen welche nicht? Doch auf dem Hintergrund des Amoklaufs in Erfurt stellen sich doch sowohl für den fictionalen wie für den nonfictionalen Bereich noch folgende Fragen zur Vorgeschichte der Tat:

Warum hat denn Robert Steinhäuser seine Kränkung, seinen Frust und seine Wut nicht kommuniziert? Falls dies mit seinen Eltern und Freunden nicht möglich war, wo wäre denn eine Anlaufstelle gewesen, an die er sich hätte wenden können?

Und warum konnte er nicht schon viel früher das, was mit ihm beim Videospiel passierte - kommunizieren? Seine Eltern berichten heute von seinem problematischen Medienkonsum. Offensichtlich fanden sie keinen Zugang zu ihm, um dieses Thema zu bearbeiten. Doch wo war die Beratungsstelle, die hier die Familie unterstützt hätte? Existierte sie, und falls es sie gab, bestand vielleicht eine zu hohe Schwelle, um sie in Anspruch zu nehmen?

Medienkompetenzförderung Gebot der Stunde

Deutlich wird doch: Verbote werden nicht wirklich weiterhelfen - was nicht heißt, dass gewaltverherrlichende Computerspiele nicht verboten werden sollten. Allerdings waren die von Robert Steinhäuser bevorzugten Spiele längst indiziert. Wir brauchen eine neue Kultur der Kommunikation zwischen den Generationen. Diese Kommunikation muss sich natürlich auch mit den Medien befassen aber ebenfalls mit den Chancen junger Menschen in unserer Gesellschaft, mit Leistungsdruck (besonders aktuell auf dem Hintergrund der Pisastudie) und mit friedlichen Formen des Zusammenlebens, mit der Achtung und der Respektierung des Anderen. Junge Menschen brauchen Freiräume, in denen sie kulturell agieren und sich die Angebote der Gesellschaft - auch die medialen Angebote, aktiv aneignen können.

Leider wissen wir aber aus eigener Erfahrung, dass Verbote mitunter den Reiz sogar erhöhen. Und Verbote werden besonders dann obsolet, wenn sie nicht durchsetzbar sind - und dies betrifft den gesamten Bereich des Internet. Jede gesperrte Seite, kann sofort in einem anderen Land wieder ins Netz gehen. Filtersoftware oder die Zertifizierungen von Internetseiten haben sich bis heute als untauglich erwiesen - weil Kinder häufig besser wissen als ihre Eltern, wie diese zu umgehen sind - und so manche Filtersoftware filtert gerade die positiven Angebote für Kinder heraus.

Die Position der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) ist daher eindeutig. Die Förderung von Medienkompetenz von frühester Kindheit an versetzt Kinder in die Lage, zu lernen mit Medien kreativ umzugehen, ihre Chancen für sich zu nutzen und sich nicht von einer Medienflut berauschen zu lassen.

Die GMK fordert daher schon seit Jahren, Medienkompetenz als Bildungsziel in Kindergarten, Schule und außerschulische Jugendarbeit fest zu integrieren. Mit Projekten im Kindergartenbereich (http://www.kindergarten.medienpaed.de/), im Jugendhilfebereich (http://www.webmobil.jugend-nrw.de/), für Familien, Kinder und Jugendliche (http://www.mediageneration.net/) und auf europäischer Ebene (http://www.sifkal.org/) demonstriert sie beispielhaft neue Wege der Förderung von Medienkompetenz.

Erfurt muss daher erneut Anlass sein, über Wege der Förderung von Medienkompetenz nachzudenken, um Kinder, Jugendliche und ihre Familien zu befähigen, die Angebote der Medien zur Entwicklung ihrer Kreativität und Ausdrucksfähigkeit zu nutzen. Der Rückzug in virtuelle Welten oder der exzessive Videokonsum sowie die grenzenlose Internetnutzung sind immer ein Signal. Es weist zumeist auf Schwierigkeiten in anderen Bereichen hin (Kontakt, Freundschaften, Leistungsdruck etc.). Wird es rechtzeitig erkannt, können Entwicklungen wie in Erfurt vielleicht verhindert werden. Doch gerade hier brauchen Familien Unterstützung und Beratung. Es muss eine professionelle Struktur zur Stärkung von Medienkompetenz geschaffen werden, die Eltern, Kinder und Jugendliche nicht alleine lässt.

1) Der Begriff Medienkompetenz umfasst die Bereiche Sachkompetenz - technische und dramaturgische Kenntnisse zu Medien, Selbstkompetenz - wo stehe ich in dieser Medienlandschaft, wie kann ich agieren, was passiert mit mir sowie soziale Kompetenz - Medien als Kommunikationsmittel und damit als Bindeglied zu Anderen.

Adresse

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33602 Bielefeld
Telefon: 0521.67788
Fax: 0521.67727
Homepage: http://www.gmk-net.de
E-Mail: gmk@medienpaed.de