SGB VIII - Online-Handbuch

herausgegeben von Ingeborg Becker-Textor und Martin R. Textor

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Aus: Sozialpädagogisches Institut im SOS-Kinderdorf e.V. (Hrsg.), Heimerziehung aus Kindersicht (S. 40-61). München: Eigenverlag 2000

Mit Struktur und Geborgenheit - Kinderdorffamilien aus der Sicht der Kinder

Wolfgang Graßl/Reiner Romer/Gabriele Vierzigmann

 

Die Kinderdorffamilie als pädagogischer Lebensort

Wenn heute Kinder oder Jugendliche in ein SOS-Kinderdorf kommen, lernen sie eine differenzierte Jugendhilfeeinrichtung kennen, in der es eine Vielzahl stationärer, teilstationärer und ambulanter Angebote gibt. So kann es gut sein, dass sie zusammen mit externen Kindern den dorfeigenen Kindergarten besuchen, den heilpädagogischen Dienst in Anspruch nehmen, sich für eine Wohngruppe entscheiden oder eine Ausbildung in einem der Ausbildungs- und Beschäftigungsprojekte beginnen.

Mit einem breiten Spektrum an Angeboten (siehe Anmerkung), das je nach Kinderdorf unterschiedlich ausdifferenziert ist, wird zum einen auf die regionalen Bedarfslagen und zum anderen auf die Hilfe- und Erziehungsplanung im Einzelfall eingegangen. In jedem Betreuungssetting werden Leitkonzepte wie Ganzheitlichkeit und Lebensweltorientierung umgesetzt; Maßnahmen zu einer pädagogisch fundierten Qualitätssicherung sind im Aufbau.

Eines der Betreuungssettings ist die Kinderdorffamilie, in der Kinder in der Regel mittel- oder langfristig stationär untergebracht werden. In Kinderdorffamilien leben überwiegend Kinder, die aus belasteten familiären und sozioökonomischen Verhältnissen kommen und sehr viel pädagogische Unterstützung und Förderung brauchen. Häufig werden Geschwistergruppen aufgenommen. Kinderdorffamilien verstehen sich als familienähnliche Betreuungsform mit fachlicher Basis. Sie ersetzen nicht die Herkunftsfamilie, sondern ergänzen sie. Wie Wohngemeinschaften, Kinderhäuser und Erziehungsstellen gehören sie zu den Formen stationärer Unterbringung, die aus Kritik an der traditionellen Heimerziehung erwachsen sind.

In dem Setting Kinderdorffamilie arbeiten Erzieherinnen, die Kinderdorfmütter (1) und jeweils eine weitere pädagogische Fachkraft, Hand in Hand mit pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern (2). Aufgabenprofil und Arbeitsweisen in diesem pädagogischen System variieren je nachdem, was die Kinder brauchen und was im Hilfe- und Erziehungsplan im konkreten Fall gemeinsam entwickelt wurde. Die Kinderdorfmütter haben ihren Lebensmittelpunkt in der Kinderdorffamilie und sind im Besonderen für den Lebensalltag und die Erziehung der Kinder verantwortlich. Die pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten mit ihnen zusammen, zum Beispiel in der Arbeit mit der Herkunftsfamilie, bei der Kooperation mit Jugendämtern oder bei der Erstellung der Dokumentationen im Rahmen der Erziehungsplanung. Sie führen zudem spezielle Fördermaßnahmen durch und sind zuständig für die Freizeit- und Feriengestaltung der Kinder. Die Kinderdorffamilie ist ein Betreuungssetting, das hohe Ansprüche an die Qualifikation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellt.

"Dass Heimerziehung mehr ist als ein Job" (Andreas Mehringer) (3), wissen die Kinderdorfmütter längst. Sie haben zum einen den pädagogischen Anspruch, "Familie" zu leben, das heißt, Kinder und Erzieherinnen leben den Alltag zusammen, bewohnen gemeinsam ein Haus, teilen sich ihre Wohnräume so auf, wie sie möchten, und richten sie nach eigenem Geschmack ein, benutzen die gleichen Waschräume, schlafen Tür an Tür, kochen und essen zusammen. Sie entwickeln Alltagsrituale, Gewohnheiten und Vorlieben, zum Beispiel was ihre Essenszeiten und die Art ihrer Ernährung anbelangt. Kinder und Erzieherinnen erleben sich also in vielen alltäglichen Situationen, wenn sie fröhlich oder gut gelaunt, aber auch wenn sie müde sind, abgespannt oder ängstlich. Und zum anderen erbringen die Kinderdorfmütter zielgerichtete pädagogische Leistungen, die sich an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen ausrichten. Der gemeinsame Alltag bietet ihnen dafür eine besondere Plattform, in der pädagogische Situationen nicht künstlich hergestellt werden müssen, sondern sich organisch ergeben. Die Herausforderung besteht darin, diese Situationen pädagogisch zu nutzen, wenn sie eintreten, ungeplant, spontan - und dies nicht nur dann zu können, wenn man voll konzentriert und präsent ist.

Die Betreuung und pädagogische Unterstützung der Kinder innerhalb und außerhalb des familienähnlichen Lebensortes gewährleisten vielfältige Möglichkeiten pädagogischer Einflussnahme. Durch die beziehungsintensive Form des Zusammenseins von Kindern und Erzieherinnen in der Kinderdorffamilie können beispielsweise die Bindungsmuster der Kinder gut eingeschätzt und es kann entsprechend darauf eingegangen werden. In vielen miteinander erlebten Alltagssituationen entwickelt sich ein spezifisches Familien- und Erziehungsklima, das den Boden für pädagogische Aktionen bereitet. Die nicht in der Kinderdorffamilie lebenden pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter blicken mit mehr Abstand auf das Beziehungsgefüge und die Erziehungssituation in der Kinderdorffamilie. So kommt zur Innensicht der Erzieherinnen in den Familien eine weitere fachliche Sicht hinzu. Beide Perspektiven werden in Teamsitzungen zusammengetragen und reflektiert. Bei diesem Zusammenspiel der zwei pädagogischen Ebenen ist entscheidend, dass die Beteiligten sowohl die ihm innewohnende Dynamik als auch die Gesamtheit der pädagogischen Maßnahmen im Blick behalten.

Kinderdorffamilien orientieren sich in besonderem Maße an dem "Beziehungsideal der Fremderziehung" (Bühler-Niederberger 1999, S. 333 ff.). Merkmale, wie Einmaligkeit und Implizitheit, die von hoher erzieherischer Qualität sind, unterscheiden Familien von Institutionen. Solche Merkmale kommen in Kinderdorffamilien zum Tragen, auch wenn sie sich oft nicht ohne weiteres mit den Ansprüchen nach Kontrolle und Verwaltbarkeit verbinden lassen, denen eine Institution der öffentlichen Erziehung zu genügen hat. Kinderdorffamilien sind als Einrichtungen der Jugendhilfe in das rechtliche Regelwerk des Kinder- und Jugendhilfegesetzes ebenso eingebunden wie in den institutionellen Rahmen des Verbundsystems Kinderdorf. In ihrem Kern aber sind die familienähnlichen Merkmale stark ausgeprägt: Die Kinder leben mit den Kinderdorfmüttern zusammen, sie kümmern sich gemeinsam um den Haushalt, die Frauen sorgen für das physische und psychische Wohl der Kinder. Die Mitglieder dieser Lebensgemeinschaft sind nicht beliebig austauschbar, privates und berufliches Leben sind nicht strikt voneinander getrennt, Anlässe und Situationen für erzieherisches Handeln ergeben sich im gemeinsamen Alltag.

Über das Beziehungsideal der Fremderziehung wird oft so diskutiert, als stehe es im Widerspruch zu pädagogisch fundiertem Handeln. Im Folgenden soll ein kurzer Exkurs in die neuere Fachliteratur zeigen, dass pädagogisches Handeln im Kontext der Heimerziehung erst auf der Basis von Beziehungen und durch die Arbeit an und mit Beziehungen möglich wird. In der Literatur finden sich bislang jedoch wenig Aussagen darüber, wie Kinder ihre Lebenswelt im Kinderdorf konstruieren. Was sagen Kinder, wenn sie nach ihren Erfahrungen im Kinderdorf gefragt werden? Wie äußern sie sich über ihre Bezugspersonen in der Kinderdorffamilie? Darum wird es in einem weiteren Teil dieses Beitrages gehen.

Die Bedeutung von Beziehungen aus fachlicher Sicht

Menschen sind Beziehungswesen, sie leben, lieben, lernen und arbeiten in Beziehung zu anderen Menschen (Hantel-Quitmann 1996, S. 7 ff.). Beziehungen spielen nicht nur im familiären Raum eine wichtige Rolle. Auch die Beziehungen einzelner Familienmitglieder oder der Familie als Ganzes zu Einzelpersonen und Gruppen in ihrem Umfeld sind von Bedeutung für die individuelle Entwicklung. Entscheidend für das seelisch-körperliche Wohlbefinden und eine förderliche Entwicklung sind die Kontinuität und die Qualität dieser Beziehungen. Als Kriterien dafür gelten nach Hanselmann und Weber (1986, S. 23) unter anderem Verlässlichkeit, Verantwortlichkeit, Zugehörigkeit sowie eine Kontinuität der Umgebung beziehungsweise Vertrauen, Autonomie und Initiative.

In der psychologischen Fachdiskussion ist die Bedeutung von Familienbeziehungen (4) respektive Eltern-Kind-Beziehungen unbestritten. Familiäre Beziehungen gelten als Grundlage und Bedingung für die Ausbildung der Persönlichkeit (Nienstedt & Westermann 1999; Oerter & Montada 1998). Sie prägen nicht nur den einzelnen Menschen, seine Eigenart und sein Selbstverständnis, sondern sie beeinflussen und gestalten auch seine Beziehungsfähigkeiten und die Art seines Umgangs mit anderen Menschen.

Kinder brauchen "stabile Beziehungsangebote und Verlässlichkeit im Umgang miteinander" (Baur, Finkel, Hamberger & Kühn 1998, S. 572; Lösel & Bender 1999). Damit sind wichtige Bedingungen für den Aufbau einer sicheren Bindungsqualität genannt. Eine emotional sichere Bindung an verlässliche Bezugspersonen ist eine wesentliche Ressource für eine gesunde psychische Entwicklung und trägt dazu bei, dass Lebensprobleme bewältigt werden können (Spangler & Zimmermann 1999; Ziegenhain et al. 1998). Gelingt es nicht, im Laufe der frühen Kindheit eine solche Bindung aufzubauen, steigt das Risiko, dass sich längerfristig Verhaltensprobleme entwickeln (Brisch 1999). Neuerdings untersucht die Bindungsforschung, wie sich Bindungsmuster über die gesamte Lebensspanne hinweg entwickeln und wie familiäre Bindungsmuster über Generationen hinweg weitergegeben werden (ebd., S. 9 ff.). Bindungserfahrungen und Bindungsmuster können offenbar lebenslang negativ wie positiv beeinflusst werden, beispielsweise durch belastende Lebensereignisse beziehungsweise durch neue positive Beziehungserfahrungen. Eine Voraussetzung für den Aufbau korrigierender Bindungen ist die Kontinuität im Kontakt mit den Bindungspersonen (Heller-Hédervári 1998). Wiederholte, schwer wiegende Traumatisierungserfahrungen dagegen führen zu Schutz- und Abwehrmechanismen: "Macht das Kind wiederholt die Erfahrung, von seinen Bezugspersonen verlassen zu werden, so wird es möglicherweise das Vertrauen in die emotionale Verfügbarkeit der Erwachsenen verlieren und das Risiko, überhaupt neue Bindungen aufzubauen, nicht mehr eingehen" (ebd., S. 18).

Kinder und Jugendliche, die fremduntergebracht werden, bringen ihre Familie mit in die Einrichtung - durch ihre Persönlichkeit, durch ihre Art, mit anderen in Beziehung zu treten, durch ihr Familienbild und ihre Erwartungen an die Betreuungspersonen. Sehr viel Wissen über und Verständnis für das Beziehungsgefüge, aus dem das Kind kommt, sind also eine erste Voraussetzung, wenn pädagogisches Handeln im Heim gelingen soll. Nehmen die Fachkräfte seine einzigartige Biografie, Familiengeschichte und Familiendynamik nicht ausreichend zur Kenntnis und stellen ihr Handeln nicht darauf ein, kann sich ein Kind nicht angenommen und ernst genommen fühlen, und den pädagogischen Aktionen fehlt es an Basis und Substanz.

Zudem ist es ganz entscheidend, dass die Fachkräfte der Heimerziehung den Kindern und Jugendlichen authentische Bindungsangebote machen und dass sie wissen, wie sie den Verletzungen und der Trauer der Kinder begegnen können. Denn die emotionale Bindung an die Eltern bleibt ja auch nach der Herausnahme eines Kindes aus seiner Herkunftsfamilie und auch bei Kontaktabbruch erhalten und weiterhin wirksam (Heller-Hédervári 1998, S. 19). Die Trauer um den Verlust der vertrauten Bindungspersonen will gelebt werden. Dies ist eine notwendige und wichtige Voraussetzung dafür, um neue Bindungen eingehen zu können.

Heimgruppen bilden - wie andere soziale Gruppen auch - explizite und implizite Regeln und Muster aus, die für ihr Zusammensein charakteristisch sind. Je familienähnlicher eine Gruppe strukturiert ist, desto mehr identifizieren sich die Kinder unserer Erfahrung nach mit dieser Gemeinschaft, desto loyaler verhalten sie sich ihr gegenüber und desto stärker akzeptieren sie Regeln als verbindlich für alle, die dazu gehören.

Kontinuierliche Interaktionen zwischen den Kindern untereinander und zwischen Kindern und Bezugspersonen in vielen alltäglichen Situationen sind die Basis dafür, dass sich ein gruppen- oder familienspezifisches Klima herausbildet. Ein solches Familienklima wird unter anderem durch die Art des Zusammenhalts zwischen den Beteiligten, den Grad an Offenheit, den Umgang mit Konflikten und die bevorzugten Konfliktlösungsstrategien gekennzeichnet. Auch die Art und Weise der Aufgabenteilung, die Freizeitgestaltung und die vorherrschenden Wertorientierungen tragen zu einer bestimmten Atmosphäre in der Gruppe oder der Familie bei (Ratzke, Gebhardt & Zander 1996, S. 268).

Das Familienklima steht in engem Zusammenhang mit der Qualität der Beziehungen in der Familie und mit dem dort gepflegten Erziehungsstil. Förderlich ist ein offenes, auf wechselseitigem Verständnis und emotionaler Zuwendung beruhendes Klima, in dem Konflikte nicht weggedrängt, sondern angemessen geregelt werden, in dem Anregungen und neue Erfahrungen aktiv gesucht und begrüßt werden, in dem es feste, aber nicht überzogene Verhaltensregeln und klare Strukturen gibt (Lösel & Bender 1999). In einem solchen Klima kann ein partnerschaftlich-demokratischer Erziehungsstil wachsen, der die Fähigkeiten des Kindes fördert und seine individuelle Persönlichkeit respektiert (Hamann 1992). Die große Herausforderung für Erzieherinnen und Erzieher besteht darin, die Balance zwischen Emotionalität und Kontrolle zu wahren, nämlich den Kindern gegenüber eine hohe Wertschätzung zu zeigen, auf die Bedürfnisse und Wünsche der Kinder einzugehen und zugleich alters- und situationsadäquate Grenzen zu setzen.

Pädagogisches Handeln im Kontext der Heimerziehung kann also nicht umhin, sich mit den Themen Beziehung und Bindung auseinander zu setzen. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt das Forschungsprojekt Jule (Baur, Finkel, Hamberger & Kühn 1998), in dem Interviewaussagen von Jugendlichen ausgewertet wurden, die Erfahrungen mit stationärer Fremdunterbringung gemacht hatten. Als zentrale Aspekte förderlichen pädagogischen Handelns werden unter anderem genannt: tragfähige Beziehungen aufbauen, Normalität in der Gruppe ermöglichen, Anregungen bieten, gemeinsam den Alltag gestalten und leben, Verletzungen erkennen und anerkennen, Verständnis entgegenbringen und Eigenkräfte stärken (ebd., S. 569 ff.).

Und noch eine Beziehungsebene gilt es zu berücksichtigen. Systemische Ansätze in der Heimerziehung weisen seit längerem auf die Bedeutung des komplexen Beziehungsgeflechtes zwischen allen an der Unterbringung und an der Betreuung des Kindes beteiligten Personen und Institutionen hin (Brunner 1999). Besonderes Augenmerk wird auf die Situation des Kindes gelegt, das Teil seiner Herkunftsfamilie bleiben und sich zugleich - zumindest temporär - in eine außerfamiliäre Erziehungs- und Lebensgemeinschaft integrieren soll. Aus Herkunftsfamilie und Pflegefamilie entsteht also ein neues Gesamtsystem, dessen Dynamik und Komplexität eine weitere Herausforderung für die Pädagogik der Heimerziehung darstellt.

Die Heimerziehung kann aus einem familienähnlichen Setting viele Vorteile ziehen. Die beziehungsintensive Form der Pädagogik bietet spezifische Möglichkeiten der Einflussnahme. Sie trägt darüber hinaus einem Erziehungsbegriff Rechnung, der Erziehen als interaktives Geschehen begreift, an dem der zu Erziehende Teil hat und für das er gewonnen werden muss (Rotthaus 1999). Sie hat allerdings auch mit den Nachteilen dieses Settings zu rechnen. Je intimer das Beziehungssystem, desto eher entstehen bewusste und unbewusste Wünsche, Ängste, Übertragungen und Abwehrmechanismen. Fachkräfte in familienähnlichen Betreuungsformen brauchen die Fähigkeit, den eigenen Anteil an den Entwicklungsprozessen von Kindern und Jugendlichen erkennen und die Beziehungsdynamik reflektieren zu können.

Kinderdorffamilien aus der Sicht der Kinder

Im Rahmen der Erarbeitung von Qualitätsstandards für die deutschen SOS-Kinderdörfer, insbesondere die Kinderdorffamilien, haben wir 1997 und 1998 Gespräche mit Betroffenen geführt: mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in verschiedenen Kinderdörfern, mit Wissenschaftlern aus den Bereichen Familienforschung und Heimerziehung und mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die derzeit in einem SOS-Kinderdorf leben beziehungsweise ihre Kindheit und Jugend in einem SOS-Kinderdorf verbracht haben (5).

Zu den Sichtweisen der Kinder, die in einer Kinderdorffamilie aufwachsen, gibt es bislang noch nicht viele Untersuchungen. Wie setzen sich Kinder zu dem komplexen Setting im Kinderdorf in Beziehung, welche Bedeutungen geben sie ihren Erfahrungen dort, welchen Sinn und welche Orientierungsmöglichkeiten leiten sie daraus ab? Wir verstehen die Auswertung unserer Gespräche als erste Annäherung an derartige Fragestellungen (6) und haben versucht, aus den Antworten Aspekte herauszufiltern, die Aufschluss darüber geben können, wie Kinder ihre Lebenswelt in einem Kinderdorf konstruieren.

Auffallend ist, dass die meisten der befragten Kinder - und das gilt sowohl für diejenigen, die derzeit im Kinderdorf leben, als auch für die ehemaligen Kinderdorfkinder - die Normalität ihres Lebens im Kinderdorf betonen. Sie legen großen Wert darauf, Kinderdorffamilien mit ihrem Bild von Familien zu vergleichen und die aus ihrer Sicht familiäre Normalität des Alltagslebens im Kinderdorf in den Vordergrund zu rücken. Was die Kinder wollen, sind emotionale Nähe und sicherer Halt, vertrauensvolle und lebensbejahende Bezugspersonen, eine kontaktfreudige Lebensgemeinschaft und ein intaktes Umfeld. Diese Merkmale des Geborgenseins stellen sie in ihren Antworten heraus. Merkmale, die die Struktur oder den Erziehungsauftrag der Kinderdorffamilie berühren, spielen eine eher untergeordnete Rolle.

Dennoch sehen die Kinder sehr wohl, inwiefern sich ihre Lebenssituation von der ihrer Altersgenossen unterscheidet, auch wenn sie versuchen, die Unterschiede eher zu nivellieren. Sie wissen, dass sie im Rahmen von Hilfen zur Erziehung beziehungsweise auf Antrag des zuständigen Jugendamtes fremduntergebracht sind, und sie ringen mit dem Problem, zwischen Herkunftsfamilie und Kinderdorffamilie zu stehen. Sie nehmen wahr, dass Kinderdorffamilien nicht nur familiären, sondern auch institutionellen Regelungen unterworfen sind, dass es also neben der Familiennormalität, die sie sich wünschen, noch eine andere Normalität gibt, nämlich die einer Einrichtung der Jugendhilfe.

Ihr Familienbild orientiert sich dabei zum einen an den in ihrem Umfeld gängigen Vorstellungen darüber, was eine Familie ausmacht. Zum anderen gehen in dieses Bild Vorstellungen und Bedürfnisse ein, die erst aus den lebensgeschichtlichen Erfahrungen der Kinder heraus verstanden werden können. Kinderdorfkinder haben eine gewaltige Anpassungsleistung zu vollbringen. Sie müssen sich in Beziehung setzen zu der Normalität, wie sie eine Einrichtung der Jugendhilfe vorgibt, und zu der Normalität, die in einer Kinderdorffamilie gelebt wird und dem Wunsch der Kinder nach Geborgenheit entgegenkommt. Und sie müssen dies alles in Einklang bringen mit den Erfahrungen, die sie in ihren Herkunftsfamilien gemacht haben und die oft in krassem Widerspruch zu ihrem Wunschbild von Familie stehen.

In den Gesprächen mit den Kindern wurde dieses Spannungsfeld sehr deutlich. Viele Antworten oszillieren zwischen der Sehnsucht nach einem normalen, das heißt stabilen und liebevollen Familienleben und dem Wissen um die vielschichtige Realität im Kinderdorf.

Aspekte familiärer Normalität

Normalität heißt für die Kinder zuallererst, dass sie und ihre Bezugspersonen zusammen leben und dass diese Lebensgemeinschaft verlässlich und von gegenseitigem Vertrauen geprägt ist. Eine Lebensgemeinschaft sehen viele Kinder erst dann wirklich gegeben, wenn der Arbeitsplatz auch der Lebensort der Bezugsperson ist. Ihr Verhältnis zu der Kinderdorfmutter beschreiben sie deutlich anders als das zu den pädagogischen Mitarbeitern. In etlichen Äußerungen wird deutlich, dass die Kinderdorfmutter nicht als Mitarbeiterin wie jede andere gesehen wird. Die Kinder scheinen zu befürchten, dass die Kinderdorfmutter, würde sie einfach nur ihren Job machen, sich nicht so intensiv auf sie einlassen und nicht zu ihnen stehen würde, wenn es darauf ankommt.

"Die Kinderdorfmutter sollte eine souveräne Person sein, die Struktur und Geborgenheit vermittelt. Sie sollte auf alle Probleme eingehen und für das Emotionale zuständig sein. Sie sollte ihre Arbeit nicht nur als Arbeit sehen. Wenn eine das als Arbeitsplatz sieht, machtsie es sich etwas einfach; sie versucht dann, die Probleme auf andere (Mitarbeiter) (7) abzuschieben und nicht selbst zu lösen". Karl, 32 Jahre, lebte 16 Jahre im Kinderdorf. Er kam mit sechs Jahren gemeinsam mit drei leiblichen Geschwistern in eine Kinderdorffamilie. Der Vater war früh verstorben. Die Mutter, psychisch krank, verstarb im Laufe von Karls Kinderdorfzeit.

Die Kinder wünschen sich eine Bezugsperson, die sie so annimmt, wie sie sind, und fest zu ihnen steht. Sie akzeptieren diese dann, wenn sie sich ihnen gegenüber so gibt und verhält, wie es ihrer Vorstellung nach eine richtige Mutter auch tun würde. Dass die Kinderdorfmütter nicht ihre leiblichen Mütter sind, ist den Kindern dabei sehr wohl bewusst, verliert aber offenbar an Bedeutung, wenn sie sich sicher, geborgen und verstanden fühlen können.

"Meine Kinderdorfmutter benimmt sich wie eine richtige Mutter, das ist gut. Zu ihr hab ich volles Vertrauen; sie ist nett und oft lustig". Paul, 15 Jahre, kam mit fünf Jahren ins Kinderdorf aus einer Familie mit sieben Kindern. Die Eltern leben getrennt; der Vater hat eine neue Partnerin, mit der er wiederum Kinder hat. Paul und vier weitere Geschwister leben in einer Kinderdorffamilie zusammen, die zwei ältesten Geschwister sind schon lange selbstständig.

"Mit zwölf sagt man nicht mehr Mutter zu einer Pflegemutter, aber für mich war es immer wichtig, dass ich mich angenommen fühlen konnte, meine Kinderdorfmutter hat mich verstanden; es war einfach o.k., da zu sein". Thomas, 28 Jahre, lebte zwischen seinem 12. und 18. Lebensjahr im Kinderdorf. Die Mutter verstarb, als er zwölf Jahre alt war, der Vater ist unbekannt.

Ein lebendiger Alltag gehört für die Kinder ebenfalls zu einem richtigen Familienleben: Familien streiten sich, aber sie halten auch zusammen, wenn es darauf ankommt. Sofern die Kinder eine gewisse Zeit in der Kinderdorffamilie verbracht haben, wächst offenbar ihr Zugehörigkeitsgefühl, sie sprechen von "wir" und "uns". Es scheint sich eine eigene Familienidentität auszubilden.

"Man fühlt sich wie in einer richtigen Familie. Wir halten alle zusammen. Streit gehört auch dazu, aber das ist o.k. Es ist eben nie langweilig. Es gab mal eine Kinderdorfmutter im Dorf, die eine eigene Tochter hatte. Da gab es viele Probleme und Ungerechtigkeiten. Das eigene Kind wurde bevorzugt. Die Kinder hauten dann ab. Die Kinderdorfmutter ging weg, und es kam eine neue (Kinderdorfmutter)". Paul, 15 Jahre.

"Die Kinderdorffamilie war wie eine Familie, eigentlich nicht wie eine Ersatzfamilie. Uns ging es oft besser als anderen. Wir waren stolz darauf, im Kinderdorf zu leben. Viele Leute kannten das Kinderdorf gar nicht, und wir mussten sie aufklären, dass das nicht so wie in einem Heim ist. Wir hatten gar kein Bewusstsein, dass das Fremderziehung ist". Karl, 32 Jahre.

Sozialkontakte sind den Kindern sehr wichtig. Es scheint für sie ein weiteres Zeichen normalen Familienlebens zu sein, dass alle gemeinsam etwas unternehmen, sei es im Kinderdorf oder außerhalb. Die Integration in den Bekannten- und Freundeskreis der Kinderdorfmutter, also das Fehlen einer Trennlinie zwischen den privaten Kontakten der Kinderdorfmutter und denen der Kinderdorffamilie, eröffnet den Kindern ein erweitertes Netz an Beziehungen und Unterstützungsmöglichkeiten.

"Es ist gut, dass unsere Kinderdorfmutter viel mit uns unternimmt. Wir haben auch sehr viel Kontakte nach außen und bringen unsere Freunde mit. Wir haben ein offenes Haus". Stefan, 17 Jahre, stammt aus einer Familie mit fünf Kindern, die heute alle in der gleichen Kinderdorffamilie leben. Eines seiner Geschwister ist ein Halbbruder.

"Wichtig ist schon, wie die anderen reagieren. Ich hatte in meiner Kinderdorfzeit keine Probleme, und auch von Schulkollegen oder Freunden kam da nichts Negatives. Gut war für mich auch, dass wir viel Kontakt nach außen hatten und auch viel gemeinsam im Kinderdorf gemacht haben. Meine Kinderdorfmutter hatte selbst auch viele Kontakte nach außen, da kamen auch viele Besucher ins Haus, und wir waren auch bei Freundinnen (der Kinderdorfmutter) manchmal dabei". Klaus, 25 Jahre, lebte 16 Jahre im Kinderdorf. Er kam als einzelnes Kind zu einer sechsköpfigen Geschwistergruppe hinzu. In den ersten drei Lebensjahren wechselte er zwischen der Mutter, einem Säuglingsheim und einer Pflegefamilie hin und her. Die Eltern hatten sich kurz nach seiner Geburt scheiden lassen.

Familiäre Normalität in der Sicht der Kinder entsteht offenbar auch darüber, dass Kinderdorffamilien - wie andere Familien auch - nicht alle über einen Kamm zu scheren sind, sondern dass zwischen ihnen Unterschiede bestehen. Dass in den Kinderdorffamilien der Alltag unterschiedlich gestaltet wird und die Kinderdorfmütter ihre persönlichen Vorstellungen einbringen, zum Beispiel was den Umgang mit Geld anbelangt, begreifen die Kinder als familiäre Eigenart, über die sie sich vergleichen und abgrenzen können.

"Gut war, dass wir immer mit denselben bestimmten Personen zusammen waren. Schwierig war manchmal, dass unsere Kinderdorfmutter uns immer die Kleidung ausgesucht hat; alle anderen hatten Markenkleidung, wir aber nicht. Unsere Kinderdorfmutter war eben eine sparsame Version, andere Kinderdorfmütter machten das großzügiger. Aber man kann sich seine Familie doch nie aussuchen. Für uns war das immer o.k., dass es in den Familien Unterschiede gab". Karl, 32 Jahre.

Ein wichtiger Unterschied zu anderen Familien liegt für die Kinder auf der Hand: Es gibt keine Kinderdorfväter, und in den wenigsten Kinderdorffamilien leben Ehepaare mit den Kindern zusammen. In diesem Punkt weichen Kinderdorffamilien von dem immer noch gängigen idealtypischen Familienbild ab - wie im Übrigen eine große und weiter anwachsende Anzahl von Familien. Etliche Kinder gehen von der klassischen Rollenaufteilung aus und schreiben dem fehlenden Vater Durchsetzungskraft und eine starke Hand zu.

"Wenn es Ehepaare gäbe, gäbe es eventuell eine Chance, mehr zu erreichen. Aber eigentlich kann ich mir das nicht vorstellen. Die meisten Kinderdorfmütter haben keinen Partner. Manchmal wäre es gut, wenn ein Mann da wäre, damit er sich bei den Jungs durchsetzen kann". Paul, 15 Jahre.

"Es fehlt ab und zu jemand, der ein starkes Glied in der Familie ist, jemand, der mal auf den Tisch haut. Warum gibt es eigentlich keine Kinderdorfväter? Ich würde das gerne mal später selber machen". Peter, 17 Jahre, lebt seit 13 Jahren in einem SOS-Kinderdorf. Er ist Einzelkind und kam in eine Kinderdorffamilie, in der bereits fünf Jungen aus zwei verschiedenen Herkunftsfamilien lebten.

Zwischen zwei Familien

Kinderdorfkinder pendeln - manchmal im Wortsinn, manchmal im übertragenen Sinn - zwischen ihrer Herkunftsfamilie und ihrem Lebensort im Kinderdorf. Reale Kontakte zu den Eltern, aber auch die Gedanken und Erinnerungen an sie stellen die Normalität des Familienlebens in der Kinderdorffamilie deutlich infrage. Sind im nahen Umfeld Kinder, die rückgeführt werden, so lässt sich das Thema endgültig nicht mehr wegschieben. Den Kindern wird dadurch vor Augen geführt, dass sie eben nicht in ihrer eigenen Familie leben, so sehr sie auch versuchen, die Kinderdorffamilie als solche zu begreifen und sie sich zu Eigen zu machen. Manchen wird klar, dass ihr Wunsch nach einem stabilen und liebevollen Umfeld außerhalb der Herkunftsfamilie sie letztlich sogar noch ein Stück weiter von ihren leiblichen Eltern entfernt. Was das Thema Herkunftsfamilie anbelangt, sind die Äußerungen der Kinder, die langfristig in einer Kinderdorffamilie leben beziehungsweise gelebt haben, erstaunlich homogen. Ihren Äußerungen merkt man an, wie verletzbar sie in diesem Punkt sind, obwohl sie sich alle Mühe geben, dies nicht zu zeigen.

"Ich finde, dass der Kontakt zu den Familienangehörigen individuell gestaltet sein sollte. Und es wäre gut, wenn der Kontakt (zu den Eltern) erhalten bliebe. Es gibt aber manchmal Situationen bei Elternkontakten im Kinderdorf, die schwierig sind. Oft ist es den leiblichen Eltern peinlich, und manche Kinder mussten auch wieder (zu ihren Eltern) zurück. Das sehen natürlich die anderen (Kinder); das löst manchmal Angst aus, aber auch manchmal den Wunsch, selber wieder zurückzukönnen".

"Mein Vater ist eigentlich o.k. Ich sehe ihn so zwei oder dreimal im Jahr. Er ist froh, dass die Kinder im Kinderdorf sind. Er hat halt eine neue Familie, und das ist auch gut so. Dort leben will ich da nicht mehr. Ich bin jetzt zehn Jahre im Kinderdorf, und meine Mutter hat mich erst ein einziges Mal besucht. Sie redet immer nur von sich. Eigentlich geht's ihr nicht gut, aber sie soll bleiben, wo der Pfeffer wächst". Paul, 15 Jahre.

"In meinen 16 Jahren im Kinderdorf gab es nur zweimal einen Besuch von meinem Vater, und auch meine Mutter kam nur ein- oder zweimal. Ich bin auch heute nicht scharf darauf, meine Eltern zu sehen". Klaus, 25 Jahre.

"Meine Mutter kommt ab und zu ins Kinderdorf. Ich war bei Gesprächen nie dabei; vieles läuft eigentlich über das Jugendamt. Zu den Gesprächen habe ich auch keine Lust. Von meiner Mutter habe ich mich total abgekoppelt". Hans, 15 Jahre, kam mit drei Jahren in eine Kinderdorffamilie. Sein Vater ist unbekannt. Die älteren zwei Geschwister wurden als Kinder in Jugendhilfeeinrichtungen untergebracht; zu ihnen besteht kein Kontakt. Hans lebt mit drei Kindern aus zwei anderen Herkunftsfamilien in einer Kinderdorffamilie.

Das pädagogische Setting: Aspekte institutioneller Normalität

In den Antworten der Kinder wird deutlich, dass sich die andere, die institutionelle Normalität im Kinderdorf nicht ausgrenzen lässt. Im Spannungsfeld zwischen Familie und öffentlicher Erziehung versuchen die Kinder, sich das Bild eines normalen Familienlebens zu erhalten und zugleich die Besonderheiten und Schwierigkeiten des Lebens in einer Jugendhilfeeinrichtung biografisch zu verarbeiten.

Die institutionelle Normalität der Kinderdorffamilie wird manifest in dem pädagogischen System, also im fachlichen Austausch und Zusammenspiel zwischen Kinderdorfmutter und pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Kinder trennen klar zwischen der Kinderdorfmutter und den pädagogischen Mitarbeitern und haben konkrete Vorstellungen darüber, welche Rollen die eine und welche die anderen einnehmen sollen. Während sie - wie bereits ausgeführt - von der Kinderdorfmutter eine verlässliche und intensive Beziehung erwarten, sollen die Mitarbeiter, die nicht mit ihnen zusammenleben, eher eine externe Beratungsrolle einnehmen und praktische Hilfen bei schulischen oder anderen Problemen geben. Indem sie den Innenraum des Beziehungsgefüges Kinderdorffamilie durch Rollenzuschreibung deutlich markieren, bestehen die Kinder einmal mehr auf familiärer Normalität - auch im Rahmen öffentlicher Erziehung.

"Die pädagogischen Mitarbeiter (PM) sind hier schon wichtig. Mit ihnen kann ich über alles reden, auch über Konflikte, schulische und berufliche Angelegenheiten, sie schreien nicht herum, und sie behandeln unsere Gespräche vertraulich. Außerdem kann ich mit ihnen viel Sport machen. Die PMs sind o.k., aber sie haben eigene Familien und gehen wie zur Arbeit ins Kinderdorf". Peter, 17 Jahre.

Manche Kinder entwickeln ein feines Gespür dafür, dass sich insbesondere in der Person der Kinderdorfmutter die vielschichtigen Realitäten treffen. Vor allem ältere Kinder wissen darum, dass auch die Kinderdorfmütter im Rahmen der Jugendhilfe agieren und einen Erziehungsauftrag zu erfüllen haben. Sie erkennen sehr wohl, dass in den Kinderdorffamilien geplant und überlegt erzogen wird, und sie machen sich ihre Gedanken über das Erziehungsverhalten ihrer Kinderdorfmütter und über deren Belastbarkeit. Dabei ist für sie oft nicht einfach einzuschätzen, ob sich ein Verhalten aus der Persönlichkeit der Kinderdorfmutter oder aus den Vorgaben des Erziehungsplanes erklären lässt. Manche Kinder meinen auch, dass eine Person alleine diese Art des Zusammenlebens kaum bewältigen kann. Ihrer Ansicht nach brauchen Kinderdorfmütter Kolleginnen und Kollegen, mit denen sie ihren Auftrag reflektieren können und von denen sie entlastet werden.

"In einer idealen Kinderdorffamilie gibt es ein klares Erziehungsverhalten. Klare Regeln und auch Sanktionen nach Fehlverhalten sind nötig, aber kein Geschrei oder so etwas. Eine wichtige Grundhaltung der Erzieher muss Verständnis sein. Die Kinderdorfmutter sollte in der Familie leben und feste Bezugsperson für die Kinder sein. Sie braucht natürlich auch Ansprechpartner und ab und zu Entlastung. Sofern ein Partner der Kinderdorfmutter vorhanden ist, sollte er ebenfalls ein verlässlicher Beziehungspartner sein". Karl, 32 Jahre.

"Die Kinderdorfmütter sollten im Durchschnitt jünger sein und nicht alles so eng sehen. Mit meinen 17 Jahren will die Kinderdorfmutter nicht, dass ich eine Freundin habe, auf der anderen Seite ist sie sehr leistungsorientiert. Mit 17 habe ich immer noch keinen eigenen Haustürschlüssel; wenn ich alleine weggehe, bleibt die Kinderdorfmutter auf und wartet auf mich. Wenn sie früher schlafen gehen will, dann kann ich abends nicht weggehen. Es wäre besser, wenn sie denjenigen, denen sie vertrauen kann, auch wirklich vertrauen würde". Peter, 17 Jahre.

Das Bild der familiären Normalität kann auch dadurch getrübt werden, dass Kinder in die Kinderdorffamilie aufgenommen werden, die durch ihr auffälliges Verhalten das Alltagsleben nachhaltig durcheinander bringen und die Aufmerksamkeit der Kinderdorfmutter über Gebühr beanspruchen. Eine professionelle Begutachtung des Verhaltens der Kinder, beispielsweise durch Testverfahren, macht den Kindern die institutionelle Normalität bewusst. Die Kinder verwehren sich gegen diesen Profiblick, sie fühlen sich kategorisiert und nicht mehr als Familienmitglieder behandelt. Kinder, die in besonders schwierige Konstellationen hineinkommen, scheinen mit einem distanzierteren Blick auf ihre Kinderdorffamilie zu schauen.

"Die Kinderdorfmütter sollten nicht so an den Problemfällen festhalten; manchmal wäre es besser, wenn ein Problemfall in eine andere Familie gegeben würde oder in eine andere Einrichtung". Peter, 17 Jahre.

"Manche Kinderdorfmütter versuchen auch, alles auf bestimmte getestete Schäden der Kinder zu schieben. Es wäre aber besser, die Kinderdorfmütter würden auf die Kinder eingehen und ihnen auch den Freiraum lassen, dass sie mal Quatsch machen dürfen". Klaus, 25 Jahre.

Dimensionen von Normalität - Struktur und Geborgenheit

Mit Struktur und Geborgenheit sind zwei wichtige Dimensionen familienähnlicher Betreuungsformen genannt. Diese gestalten einen kindorientierten pädagogischen Lebensort, der von fachlich begründeten Strukturen und Rahmenvorgaben getragen wird und in dem pädagogisch fundiert ein gemeinsamer Alltag hergestellt und gelebt wird. Dieses komplexe Setting bietet den Kindern beides: das Erleben von Struktur (Sicherheit, Halt, Anforderung, Anleitung) und Geborgenheit (Angenommensein, Zusammenhalt, Wertschätzung).

Bezogen auf den erzieherischen Alltag - ob in einer Familie oder in einem familienähnlichen Setting -, weisen die beiden Dimensionen auf eine alte pädagogische Leitidee hin: Ohne Strukturen vorzugeben, ist erzieherisches Handeln nicht denkbar, und erzieherisches Handeln wird nicht angenommen ohne das Erleben von Geborgenheit. Die wesentlichen Merkmale familienähnlicher Betreuung liefern die Basis dafür, dass aus Beziehung und Bindung das Gefühl des Geborgenseins ebenso entstehen kann wie die Akzeptanz pädagogischen Handelns.

Die Kinder jedenfalls wollen und brauchen beides. In ihren Herkunftsfamilien haben sie oft weder Geborgenheit erlebt noch sich an Strukturen orientieren können. Ihre Eltern haben meist große Schwierigkeiten, die Kinder emotional und materiell ausreichend zu versorgen, ihnen Halt zu geben, eindeutig und angemessen auf sie zu reagieren.

Familienähnliche Betreuungsformen stellen hohe Anforderungen an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie sind es, die den Widerspruch zwischen institutioneller und familiärer Normalität aushalten und austarieren, die den Bedürfnissen der Kinder gerecht werden und die pädagogischen Richtlinien nicht vernachlässigen, die Strukturen herstellen und Geborgenheit bieten, die sich professionell und fachlich angemessen verhalten und dennoch als persönliche Bezugsperson greifbar und ansprechbar bleiben.

Pädagogische Fachkräfte handeln, indem sie mit den Kindern und Jugendlichen kommunizieren und interagieren. Damit kommt einmal mehr die Beziehungsebene ins Spiel. Ohne die Fähigkeit und die Bereitschaft, sich zuzuwenden und einzulassen, ist eine authentische und sozial angemessene Kommunikation kaum denkbar. Beziehungen, wie sie sich in Alltagssituationen natürlich ergeben, sind der Katalysator und das Medium erzieherischen Handelns.

Pädagogisches Handeln gewinnt dann Qualität, wenn die Leitprinzipien Struktur und Geborgenheit gleichermaßen berücksichtigt werden. Diese Selbstverständlichkeit müsste im Grunde gar nicht extra betont werden, würden die Professionalisierungs- und Qualitätssicherungsdebatten nicht genau diese Einheit infrage stellen. Wir jedenfalls sind der Meinung, dass in der Heimerziehung nach wie vor die Fähigkeit gefragt ist, mit den Kindern in Beziehung zu treten und ihnen ganzheitlich zu begegnen.

Anmerkungen

  1. Eingangsqualifikation für SOS-Kinderdorfmütter ist die abgeschlossene Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin. Angehende Kinderdorfmütter werden - sofern sie diese Qualifikation nicht mitbringen - in einer praxisnahen berufsbegleitenden Ausbildung zur staatlich anerkannten Jugend- und Heimerzieherin ausgebildet. Bis 1999 wurden Kinderdorfmütter unabhängig von ihrer Eingangsqualifikation an der vereinseigenen Berufsfachschule zur Fachkraft in der Heimerziehung für die Tätigkeit in einem SOS-Kinderdorf ausgebildet (Ruoff & Gollwitzer 1999).
  2. Die pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in der Regel Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen oder Diplom-Pädagoginnen und Diplom-Pädagogen.
  3. Zitiert nach "Unsere Jugend", 1996, Heft 3, Editorial.
  4. Der Familienbegriff im psychologischen Sinn bezieht sämtliche bedeutungsvollen und prägenden Beziehungen ein, in denen und mit denen ein Kind aufwächst (Hantel-Quitmann 1996, S. 9). Die neuere Erziehungs- und Sozialisationsforschung geht von einer systemischen Perspektive aus, die die "gegenseitige transaktionale Beeinflussung der Mitglieder eines Systems" und dessen Einbettung in sozioökologische Umwelten berücksichtigt (Montada 1998, S. 33).
  5. Wir haben mit sechs Kindern beziehungsweise Jugendlichen und zehn Erwachsenen gesprochen, die in einem SOS-Kinderdorf leben beziehungsweise gelebt haben. Die Auswahl der Gesprächsauszüge für diesen Beitrag haben wir nach inhaltlichen Gesichtspunkten durchgeführt, wobei wir typische Äußerungen sinngemäß wiedergegeben haben. Alle Namen wurden selbstverständlich geändert. Da es sich weder bei der Auswahl der Personen noch der Aussagen um eine Zufallsstichprobe handelt, kann die Darstellung keinen Anspruch auf Repräsentativität, Vollständigkeit und Vergleichbarkeit erheben.
  6. Das Sozialpädagogische Institut im SOS-Kinderdorf e.V. plant zusammen mit der Fachhochschule Neubrandenburg (Dr. Simone Kreher, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit) eine Pilotstudie zu den lebensgeschichtlichen Erfahrungen Erwachsener, die in einer Kinderdorffamilie aufgewachsen sind.
  7. In Klammern gesetzte Einfügungen in den Äußerungen der Kinder sind Anmerkungen der Verfasser.
  8. Die SOS-Kinderdörfer bieten Tagesgruppen, Tagespflegegruppen, Kindertagesstätten, Ausbildungs- und Beschäftigungsprojekte, Kinderdorffamilien, Kinder- und Jugendhäuser, Wohngruppen, offene Treffpunkte und ambulante Hilfen (wie betreutes Wohnen) an.

Literatur

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Autoren

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