| SGB VIII - Online-Handbuch
herausgegeben von Ingeborg Becker-Textor und Martin R. Textor |
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| Aus: Sozial Extra Heft 7/1992
Warum Jungenarbeit? Zur Begründung von emanzipatorischer Jungenarbeit: eine Kritik am Konzept der antisexistischen Jungenarbeit und einige Beispiele für eine Alternative Michael Schenk
Geschlechtsspezifische Pädagogik mit Mädchen wird mittlerweile in den meisten Institutionen der Kinder und Jugendarbeit betrieben. Verschiedene Ansätze, spezifische Angebote und Methoden wurden entwickelt, um den Mädchen endlich auch in den Bereichen der offenen Jugendarbeit gerecht zu werden. An Begründungen und Konzepten für die Mädchenarbeit besteht kein Mangel. Und auch von den Trägern (Geldgebern) wird die Notwendigkeit der Mädchenarbeit nicht mehr bestritten. Dagegen sind bislang nur wenige Versuche unternommen worden, Ansätze für die Arbeit mit Jungen und männlichen Jugendlichen zu entwickeln und auszuprobieren. Jungen gelten als privilegiert, obgleich anderslautende Untersuchungen (vgl. Schnack/Neutzling 1990:101ff.) vorliegen. Sie haben keine Probleme, sie machen welche - so kann die Einstellung den Jungen gegenüber in der sozialpädagogischen Praxis beschrieben werden. Sie gelten als "Störenfriede" oder "potentielle Täter" (vgl. Baurmann 1990:52) und werden unter dem Focus einer feminisierten Praxis als Problem für die Mädchen beschrieben. Die wenigen Versuche einer "bewußten Jungenarbeit" beziehen hieraus ihre Motivation. Ein Beispiel: In einem Jugendzentrum standen während der allwöchentlichen Mädchengruppe männliche Jugendliche vor dem Fenster des Gruppenraums und störten die pädagogische Arbeit. Die Mitarbeiterinnen forderten daraufhin den männlichen Kollegen auf, sich endlich um die Jungen zu kümmern. Die bald darauf eingerichtete Jungenfreizeitgruppe war "erfolgreich": Die männlichen Jugendlichen gingen zusammen mit dem Mitarbeiter ins Kino, Minigolf spielen oder auf den Fußballplatz. Die Jungen stören und müssen weg vom Fenster. Um die Arbeit mit den Mädchen zu unterstützen, wird "eine korrespondierende antisexistische Jungenarbeit" (Schumacher 1987) eingeklagt. Im folgenden soll deshalb, bevor ich den Ansatz der emanzipatorischen Jungenarbeit vorstellen möchte, dieser Ansatz behandelt werden. "Antisexistische Jungenarbeit" (Frille) Jungenpädagogik ist in der Heimvolkshochschule (HVHS) "Alte Molkerei Frille" eine "Ergänzung zur Mädchenarbeit" (HVHS Abschlußbericht:60). Mit dieser Begründung wird in Frille das Konzept der sogenannten "antisexistischen Jungenarbeit" eingeführt. Wie für das obige Beispiel geschrieben, klingt die Begründung des Friller Teams für Jungenarbeit: "Als naheliegender Schritt mußte eine Betreuung der Jungen installiert werden, um sie von Störungen der Mädchengruppe fernzuhalten" (S.60). Zwar wird gesehen, daß damit "noch keine positive Bewertung der Jungenarbeit" (S.60) möglich ist, doch bleibt auch die nachgeschobene "zweite Ebene der Begründung" negativ: Die "Herrschaft des Mannes" (S.61) erscheint auf Grund gesellschaftlicher Entwicklungen nicht mehr opportun, das "alte Bild vom Mann wird dysfunktional" (S.61) und "die männliche Vorherrschaft gerät unter zunehmenden Legitimationsdruck" (S.61), weshalb die "Veränderung der Dominanz des Männlichen" (S.60) dringlich scheint. Der Junge, "geschlagen mit der Last der Erwartungen an ihn als Mann und gleichzeitig als Mann in einem System, in dem er gegenüber der Frau privilegiert ist" (Klappentext), müsse deshalb Privilegien abgeben. "Sexismus" ist hierbei das tonangebende gesellschaftsanalytische Zauberwort: "Sexismus ist nicht auf bestimmte Bereiche beschränkt, es ist auch nicht das Problem nicht aufgeklärter Randgruppen" (S.74). Auf beiden Begründungsebenen wird das Konzept der "antisexistischen Jungenarbeit" mit einem negativen Männerbild abgesichert. Die ideologische Engführung des Konzeptes stellt den pädagogischen Focus einseitig auf einen Aspekt der männlichen Lebensrealitäten ein. Daß dabei die männlich Klientel nicht positiv wahrgenommen werden kann, liegt auf der Hand. Besonders in der konkreten Beschreibung der pädagogischen Arbeit des Friller Teams kann man das Fürchten lernen. Die Jungen werden nahezu durchgehend als Feinde beschrieben. So verhalten sich die Jungen meist "erwartungsgemäß": "dominant" (S.90), "schwatzen und machen Witze" (S.89), müssen "in irgendeiner Weise auf sich aufmerksam machen" (S.90) und ziehen "aufgrund pädagogischer Interventionen beleidigt" (S.90) ab. "Das Pinkeln der Jungen im Stehen" (S.88) ist genauso Thema der männlichkeitskritischen Pädagogen wie "die Spielmüdigkeit der Jungen" (S.97). Seltsam nur, daß den Erziehern nicht auffällt, daß sie mit ihrem Konzept die Jungen scheinbar nicht ansprechen und erreichen können und "nach 2,5 Stunden (!) das Ganze" (S.96) abgebrochen werden mußte. Wenn die Jungen nicht mitmachen, "interpretieren wir (das) als Ausdruck und Kompensation von Unsicherheit" (S.95). Die Jungen werden in dem "Modellprojekt" Frille mit Erwartungen konfrontiert, die auf das "Hineindenken in Mädchenrealitäten" (S.101) abgestellt sind. Wer den jungenpädagogischen Teil des Abschlußbericht der HVHS zu ihrem Projekt "Was Hänschen nicht lernt ...ändert Clara nimmermehr" liest, wird sich des Eindrucks nicht erwehren können, daß hier Jungen nicht spezifisch oder gar liebevoll wahrgenommen, sondern vor allem mit negativen Botschaften über sich selbst konfrontiert werden. Die Jungen werden nicht ernst genommen. ihre Gefühle mißachtet und überhört, und die Schuld für mißglückte Gruppenstunden wird einseitig ihnen angelastet. Diese Kritik an dem Friller Konzept möchte ich anhand der Beschreibung einer Vertrauensübung verdeutlichen. Da die Autoren selbst davon sprechen, daß der Bericht "als Beispiel unserer Arbeitsweise dienen" (S.7) kann, soll hieran exemplarisch gezeigt werden, wie in Frille Jungenarbeit vor sich geht. "Blinde Schlange" Die Vertrauensübung "Blinde Schlange" wurde laut Bericht auf dem Friller Sommercamp als Warm-up in einer Jungengruppe eingesetzt. Bei dieser Übung ging es darum, daß "Jungen vorbereitete Augenbinden umlegten und, sich in einer Reihe hintereinander auf die Schulter fassend, vom Vordermann (ohne Augenbinde) über die Wiese geführt wurden" (S.94ff.). Der Einsatz der Augenbinden wird in dem Bericht nicht reflektiert. Augenbinden sind jedoch gerade bei Übungen zum Thema Vertrauen mehr als überflüssig. Mit der Augenbinde wird den Jungen unmöglich, was sie eigentlich bei einer Vertrauensübung hätten lernen können: das sich Einlassen auf den anderen Menschen, das Vertrauengeben und Vertrauenhaben. Die selbe Übung ohne Binde brächte die Chance, daß die Jungen tatsächlich etwas wissen und erfahren wollen. Sie könnten aus eigener Motivation die Augen schließen und im richtigen Moment (bei Angst, Unsicherheit etc.) auf ihren Durchblick setzen. Und diesen könnten die Jungen brauchen, denn bei einer siebenköpfigen "Schlange" kommt man leicht ins Stolpern! Zusätzlich zu diesem methodischen Fehler wird die Übung auch noch unnötig mit Hindernissen erschwert. Damit verkommt die Vertrauensübung dann entgültig zur Mutprobe. Wer nimmt als erster die Binde ab? Wer zeigt Angst, sich im aufgezwungenen Dunkel die Beine zu brechen? (Siehe hierzu auch das Bild, S. 95 der Dokumentation). Den Jungen wird "die Aufgabe gestellt, während der Übung weder zu sprechen noch zu lachen und ganz darauf zu achten, wie das Gefühl, die Stimmung und die Bereitschaft des Einlassens zu Beginn der Übung sind (...)"! Paradoxerweise sollen die Jungen ihre Gefühle im Zaun halten, um sie zu spüren. Freilich versagen die Jungen auch bei dieser Aufgabe: "Leider kam es zu sehr viel Lachen und auch Sprechen". Hier wird die Problematik des Frille Ansatzes deutlich. Das pädagogische Personal der HVHS zwingt durch seine Methoden und die paradoxen Handlungsaufforderungen die Jungen in die Rolle der Versager, die selbst durch "mehrmaliges Auffordern, sich still zu verhalten", nicht "erreicht" werden konnten. Weil die Jungen offensichtlich zu blöd für das Programm des Sommercamps sind, muß ihnen bei der Auswertung der "Sinn der Übung erklärt" werden. Die Übung in der geschilderten Form ist entlebendigend: Angst, Lachen, Weinen, Wut und Ärger dürfen nicht vorkommen. Der Körper wird hier, wie so oft in der Jungenbiografie, ausgeblendet und verleugnet. Die Jungen sollen diszipliniert ihre Gefühle wahrnehmen und beschreiben. Das Konzept des "Antisexismus" ist abgesehen von der Dogmatik der Namensgebung nicht entwickelt und bringt auch für die Arbeit mit Jungen nichts wirklich Neues. Der Ansatz kann hinsichtlich des tradierenden Effektes nicht als ein Konzept der Emanzipation eingestuft werden. Die Jungen bleiben Täter und die Mädchen bleiben Opfer. Die männliche Sozialisation ist nicht durchschaut worden. Der Ansatz der "antisexistischen Jungenarbeit" bietet keinen Zugang zu einer spezifischen, die Jungen und ihre Lebenslagen wahrnehmenden Pädagogik. Grundzüge einer emanzipatorischen Arbeit mit Jungen Es gilt, andere, positive Zugänge für eine parteiliche (=liebevolle) Jungenarbeit zu finden. Das paradoxe Setting der "neuen Männer" kann die Lebenswelt der männlichen Jugendlichen nur moralisch und damit sehr unzureichend wahrnehmen und pädagogisch bearbeiten. Der "double-bind", der infolge des "männlichkeitskritischen" Ansatzes entsteht, bringt die Jungen in eine unhaltbare Situation. Sie sind verfangen in der Zwickmühle der Ansprüche und Aufforderungen, die an sie gestellt werden. Als Mitarbeiter in einem Nürnberger Jugendzentrum habe ich mich in den letzten Jahren mit der Entwicklung und Umsetzung eines an den Lebenswelten männlicher Jugendlicher orientierten pädagogischen Ansatzes beschäftigt. Grundlage für pädagogische Interventionen sind die Jungen selbst und nicht ideologisch gewonnene Zuschreibungen. Es geht nicht darum, sogenanntes "Macho-Verhalten" (Sexismus) der Jungen zu bearbeiten. Motivation der emanzipatorischen Jungenarbeit ist vielmehr die konkrete Lebenssituation der Jungen und männlichen Jugendlichen, ihre defizitäre Sozialisation und Rollenfixierung, auf Grund derer sich bei ihnen eine Reihe von Symptomen entwickelten, die zu spezifischen Schwierigkeiten, Problemstellungen und Bedrohungen führten. Es gibt, sobald Jungen und männliche Jugendliche wirklich in den Blick kommen, überraschend viele Jungenprobleme, die pädagogischen Handlungsbedarf hervorrufen. Eine spezifische Jungenarbeit muß die Jungen und männlichen Jugendlichen zum Thema haben und nicht wie im Friller Ansatz "Mädchenrealitäten". Der mögliche Vorwurf der "Kumpanei mit den Jungen" ist insoweit richtig, als nur mit liebevoller Zuwendung wirkliche Änderung möglich sein wird. Das maskuline Syndrom Die Jungensozialisation ist bislang kaum erforscht. Jungen und männliche Jugendliche gelten als Norm, obgleich sie häufig die Problemlieferanten für die Sozialarbeit sind. Der Zusammenhang zwischen den "Devianzen" der Jungen und ihrer spezifisch männlichen Biografie wird übersehen. Jungen werden in der Fachliteratur oft genug als "Jugendliche" oder "Kinder" beschrieben. Eine spezielle Sicht auf männliche Jugendliche wurde dabei nicht entwickelt. Ich habe hierfür provisorisch den Begriff des "maskulinen Syndroms" (vgl. Schenk. 1991) vorgeschlagen. Das "maskuline Syndrom" faßt die Vielzahl der vermeintlichen Einzelsymptome von Jungen und männlichen Jugendlichen zusammen und behauptet deren Determination durch die männliche Sozialisation. Die Identifizierung verschiedener Verhaltensweisen als "typisch männlich" ist hierbei allerdings nicht gemeint. Die mit dem Begriff des "maskulinen Syndroms" verbundene Generalisierung ermöglicht die geschlechtsspezifische Analyse, ohne die individuellen Verschiedenheiten der Jungen zu verleugnen. Zentrale These ist, daß den Jungen während ihrer Sozialisation der eigene Körper genommen wird. Die Unfähigkeit vieler Männer zu weinen, symbolisiert diesen Verlust. Der Körper wird funktionalisiert und als "Maschine der Leistung" zur Verfügung gehalten. Ergebnis dieses Prozesses ist der entlebendigte, körperlose Mann. Die einzelnen Bestandteile des Syndroms sind bezogen auf diesen "Produkt-Mann". Bei der männlichen Klientel sind diese Symptome unterschiedlich stark ausgebildet. Statistisch können besonders Kriminalität, Gewalt/ Aggression, Suchtproblematiken und politischer Radikalismus als Männerdomänen nachgewiesen werden. Dagegen sind die Symptome "Homophobie", "Sexualität als Machtergreifung" und "Technisierung der Lebenswelt" nur phänomenologisch zu belegen. Auch das Freizeitverhalten der Jungen erscheint in diesem Zusammenhang als Ausdruck eines Unvermögens der männlichen Jugendlichen. sich selbst zu genügen. Das leidige "Rumhängen" in den Institutionen ist Folge des Mangels an eigenem Raum, in dem Zuhause zu sein dem männlichen Jugendlichen verwehrt wird. Das "maskuline Syndrom" hilft, den Verlust des Körpers zu kompensieren. Festzuhalten ist an dieser Stelle die Spezifik bestimmter Verhaltensweisen als "Symptom der Männlichkeit". Die Pädagogik kann jetzt auf einen "tiefergelegten" Ansatz umgestellt werden, der zu den Ursachen der Symptomatik vorzudringen sucht. Für die Jungenarbeit heißt dies, daß die Körperlichkeit Dreh- und Angelpunkt der emanzipatorischen Arbeit ist. Erst wenn Jungen ihren Körper als Körper der Lust (gegen den Körper der Leistung) zurückgewinnen, wird sich auch das maskuline Syndrom auflösen lassen. Körperarbeit Deshalb ist Körperarbeit wichtig. Diese Arbeit wird erschwert durch die Homophobie, die Teil des maskulinen Syndroms ist. Die Jungen wehren in öffentlichen Räumen teils aggressiv jeglichen zärtlichen Körperkontakt mit anderen Jungen oder Männern ab. Die Aggression geht oft einher mit Panik und Ekel. Diese Gefühle sind "wahr" und müssen vom Pädagogen ernst genommen werden. Körperarbeit muß sehr behutsam eingesetzt werden und den Jungen genügend Raum zum Ausagieren dieser Gefühle bieten. Intimität kann zusammen mit den männlichen Jugendlichen in einer Gruppe hergestellt werden, ohne dabei Grenzen zu überrennen. Die emanzipatorische Jungenarbeit bietet Raum und Anregung für einen spielerischen Umgang mit dem eigenen Körper. Die Jungen entscheiden selbst, wie weit sie gehen wollen. Den eigenen Sinnen und Gefühlen soll getraut werden. Wer bei einer Vertrauensübung dem Partner nicht vertraut, hat das Recht, die Übung zu beenden, die Augen zu öffnen und zu lachen. Jugendliche organisieren sich oft selbst ihre "Übungen". In einer Gruppenstunde wurde spontan der Wunsch geäußert, viele Matratzen und Kissen in den Gruppenraum zu bringen. Es entstand eine wüste Kissenschlacht. Erschöpft lagen wir nach kurzer Zeit nahe beieinander im Chaos unseres Jungenzimmers. Das Angebot, jetzt bei leiser Musik und gedämpfter Beleuchtung zur Ruhe zu kommen, wurde von den Jungen angenommen. Dies war für die Gruppe eine völlig neue Erfahrung, die am Ende der Stunde staunend kommentiert wurde. Die Jungen wünschten sich für die nächsten Male mehr davon. Spielerisch fanden die Jugendlichen diese für sie richtige Situation. Die dabei entstandene Nähe und Vertrautheit konnten für den weiteren Gruppenprozeß genutzt werden. Es war nun möglich, Partnerübungen, Traumreisen und Massage anzubieten, ohne die Jungen dabei zu verschrecken. Der Körper ist nicht Widersacher; sondern bringt Lust, ist schön und wird neu wahrgenommen. Voraussetzung für Prozesse wie diese sind besonders zu Beginn der Jungenarbeit thematische Angebote zur Aufklärung über Homosexualität und den eigenen Körper. Die Jungen haben oft einen sehr instrumentalisierten Zugang zu ihrem Körper und zu ihrem Genital. Dies kann Thema der Jungenarbeit sein. In den Gruppenstunden, die ich leite, wird viel gelacht und mit den "aktionsstromstarken Figurationen der Gefühle" (Negt/ Kluge 1981:476) umgegangen. Diese "rebellischen" Potentiale der Jugendlichen werden meist als nicht gesellschaftsfähig ausgeschlossen und verdrängt. In der emanzipatorischen Jungenarbeit werden jedoch gerade diese Fähigkeiten erschlossen: "Nicht weniger antiautoritär als die Gefühle verhalten sich im Arbeitsprozeß der Selbstentfremdung die Befähigungen des Zwerchfells, das Weinen (das gewissermaßen die Härte der Verhältnisse löst, 'entobjektiviert'), der Strom der freien Assoziation, das Erinnerungsvermögen" (ebenda). Lachen lockert und lockt die männlichen Jugendlichen zu "neuen Welten". Im Lachen - auch im Lachen über sich selbst - liegt ein innovatives Potential. Es geht bei der emanzipatorischen Arbeit immer auch darum, Anreize für das Infragestellen von Verfestigtem zu bieten. Der Pädagoge kann sich z.B. zusammen mit den Teilnehmern einer Jungengruppe über den Umgang, den Männer mit ihrem Körper pflegen, wundern. Episoden, Bilder oder Sprachgesten können zur Dokumentation von eigenen Erlebnissen eingebracht oder aufgegriffen werden. Nach einiger Zeit stellen sich meist Erfahrungen, Assoziationen und "Aha-Erlebnisse" bei den Jungen ein. Die Sprache ist in diesem Zusammenhang von großer Bedeutung. Vieles, was die Jugendlichen sagen, definiert Körper. Hier kann sehr leicht angesetzt werden. Ein Beispiel für eine solche Intervention: "Warum ist 'Wichsen' eigentlich ein Schimpfwort? Es ist doch seltsam: alle Jungen und Männer wichsen, doch wenn jemand 'Wichser' sagt, wirst Du böse. Warum?" Dieser Frage wird in der Jungengruppe nachgegangen. Jeder kann hierzu etwas sagen, sich lustig machen oder einfach los lachen. Und es ist ja wirklich lustig, wenn jemand auf den Satz "Na Du blöder Wichser!" sagt: "Klar, Du wohl nicht?" Keine Antworten liefern, sondern Fragen, das ist eines der Prinzipien der emanzipatorischen Jungenarbeit. In den Gruppenstunden konnten in den vergangenen Jahren die verschiedensten Probleme und Fragestellungen der teilnehmenden Jugendlichen behandelt werden. Es ging hierbei sehr selten um Frauen oder Mädchen, viel eher um die Jungen selbst, ihre Sexualität, ihre Familien (der fehlende Vater!), um Gewalt und die Angst vor Gewalt und um vieles anderes mehr. Wenn Jungen erst einmal beginnen, von sich zu erzählen, und der Pädagoge emphatisch zuhören kann, werden Zugänge zu Jungenrealitäten gefunden, die einen emanzipatorischen Gruppenprozeß ermöglichen. Projekt: Männerforschung Die Jungen in meiner Institution sind seit einigen Jahren mit diesem Arbeitsansatz vertraut. Sie sind sensibel für sich selbst und für andere Männer geworden. Dies war die Ausgangslage für die methodische Weiterentwicklung, die das Video-Projekt "Männerforschung in Nürnberg" für die emanzipatorische Jungenarbeit bot. Das Projekt war dem Prinzip des Fragenstellens verpflichtet. Wir wollten etwas über Männer und Männlichkeit wissen und gingen deshalb auf die Straße und zu den Männern, die uns interessierten. Geplant war, die verschiedenen Filmberichte der beteiligten Gruppen ("Männertreff" und "Männer gegen Gewalt") zu einem (fiktiven) Männermagazin zu vereinen. Es zeigte sich jedoch rasch, daß die Vorgabe, kurze, etwa drei bis fünfminütige Filme zu produzieren, nicht eingehalten werden konnte, worauf die verschiedenen Beiträge jetzt als eigenständige Dokumentarfilme konzipiert werden. Die Jugendlichen des sogenannten "Männertreffs" (vier deutsche und drei türkische Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren) einigten sich darauf, einen Film über Schwule zu drehen. Dies konnte nicht überraschen, denn die Jungen hatten sich in den letzten Jahren immer wieder mit dem Thema der Homosexualität beschäftigt und mich wiederholt gebeten, Schwule zu den Treffs einzuladen. Offensichtlich war das ein spannendes Thema, denn für die Dreharbeiten war es nötig, zu dem Verein "Fliederlich" (Schwulengruppe in Nürnberg) zu fahren. Der Film liegt mittlerweile unter dem Titel "Total Normal? Ein Film über Schwul-Sein und Männlichkeit" vor. Vom Publikum wurde er positiv aufgenommen und hat auch bei einem Jugendfilmfestival einen Hauptpreis erhalten. Dies motivierte die Gruppe, die Arbeit an ihrem nächsten Film, der das Thema "Stricher" behandeln soll, aufzunehmen. War die erste filmische Näherung an homosexuelle Männer noch getragen von einem eher freundlichen Blick auf die Außenseiter der Männlichkeit, ist das Thema des männlichen Strichers sehr viel näher an der eigenen Biografie der Jungen. Zum einen gibt es wohl in der Einrichtung männliche Jugendliche, die auf den Strich gehen oder sich gelegentlich prostituieren, zum anderen ist bei der Problematik des "Strichers" auch der sexuellen Mißbrauch von Jungen relevant. Beides ist ein gesellschaftliches Tabu. Die Forschung kann deshalb nicht im Stadtteil oder in der Institution ansetzen und muß vorsichtig angelegt werden. Intention ist nicht das "Outen" von Strichern und Freiern, sondern das Thematisieren der tabuisierten Problematik. Dazu gehört auch die Erkenntnis, daß es in Nürnberg keine sozialpädagogischen Angebote für Stricher gibt. Der Film soll auf diesen Mangel hinweisen und zeigen, warum sich Jungen prostituieren. Die Gruppe "Männer gegen Gewalt", bestehend aus sechs Jugendlichen zwischen 18 und 27 Jahren, hatte sich mit dem Leben von nichtseßhaften Männern in Nürnberg beschäftigt. Die Dreharbeiten zu diesem Film sind größtenteils abgeschlossen. Ausgangsfrage für diesen Film war, warum Männer auf der Straße leben. Es ging der Gruppe um die Erforschung der Brüche in den Männerbiografien der "Nichtseßhaften". Auch hier war die Verbindung zwischen dem Forschungsthema und den männlichen Jugendlichen stark gegeben. Einer der teilnehmenden Jugendlichen war zuvor selbst auf der Straße. Für die Gruppe waren besonders die Dreharbeiten im Bahnhof und in den U-Bahn-Passagen von großer Bedeutung. Die abfällig "Penner" genannten Männer werden dort oft von männlichen Jugendlichen angegriffen. Bei den Interviews erzählten die Männer von Überfällen durch Skins. Einen Angriff zweier türkischer Jugendlicher auf eine Gruppe Nichtseßhafter haben wir miterlebt. Die Kamera war dabei Legitimation zur Einmischung. Die Jugendlichen organisierten Schutz für die Männer, die sich selbst nicht wehren konnten. Strategien zur Deeskalation konnten hier ausprobiert und eingeübt werden. Das Projekt "Männerforschung" ist derzeit noch nicht beendet. Es wurde hier vorgestellt, um zu zeigen, daß männliche Jugendliche mit dem Ansatz der emanzipatorischen Jungenarbeit sensibilisiert werden können für verschiedene Aspekte von Männlichkeit und damit für ihre eigene Lebensrealität. Die Videokamera verteilt die Rollen neu. Die Jugendlichen stellen die Fragen und bekommen Antwort von Politikern, Kriminalpolizisten, Sozialarbeitern und eben den Männer, über die geforscht wird. Es war auch für mich als Projektleiter überraschend, wie viele Themen die Jungen vorschlugen und wie eifrig sie bei der Arbeit waren. Leider konnten nicht alle vorgeschlagenen Themen umgesetzt werden. Die Idee der Jungen, einen Film über ihre Väter zu drehen, scheiterte an deren mangelnden Bereitschaft. Die Arbeit an den Dokumentarfilmen macht deutlich, daß Männer Probleme haben. Der Mythos der "Privilegierung von Männern" kann aufgegeben werden. Und auch die Jungen haben im Lauf der Arbeit gelernt, ihre eigenen Probleme zu sehen und diese einzubringen. Was den Jungen Probleme macht, was sie selbst als problematisch erleben, ist nicht ihr Verhältnis zu den Mädchen, sondern liegt im Bereich der eigenen Entwicklung. Die emanzipatorische Jungenarbeit ist ein Versuch, den pädagogischen Umgang mit männlichen Jugendlichen auf diese Probleme einzustellen und gemeinsam mit der Gruppe Lösungen und Veränderungen zu erarbeiten. Weshalb dies nicht gesehen wird, ist unverständlich. Unverständlich ist auch, warum für die Konzeption der Jungenarbeit der Umweg über die Mädchenarbeit gegangen werden soll. Die Jungen sind es wert, eine spezifische pädagogische Zuwendung ohne Veränderungszwang zu erhalten. Literatur Baurmann, M.C.: Zwischen Totschweigen und Skandalisieren (1988). In: Materialmappe zu den Hamburger Fachtagungen: Sexueller Mißbrauch von Kindern und Jugendlichen. Hamburg: Aktion Jugendschutz 1990 Heimvolkshochschule Alte Molkerei Frille: Parteiliche Mädchenarbeit & antisexistische Jungenarbeit. Abschlußbericht des Modellprojektes "Was Hänschen nicht lernt ... verändert Clara nimmer mehr!" (ohne Verlags- und Jahresangaben) Kluge. A./ Negt, 0.: Geschichte und Eigensinn. Frankfurt a.M. 1981 Schenk, M.: Emanzipatorischen Jungenarbeit im Freizeitheim - zur offenen Jungenarbeit mit Unterschichtsjugendlichen; In: Winter. R./ Willems, H.: Was fehlt, sind Männer! Ansätze praktischer Jungen- und Männerarbeit. Schwäbisch Gmünd und Tübingen 1991 Schnack, D./ Neutzling, R.: Kleine Helden in Not. Jungen auf der Suche nach Männlichkeit. Reinbek bei Hamburg 1990 Schuhmacher, M.A.C.: Koedukation - ein trojanisches Pferd? Parteiliche Mädchenarbeit als Qualifikation der koedukativen Praxis; In: Schlapeit-Beck, D. (Hrsg.): Mädchenräume; Hamburg 1987 Autor Michael Schenk lebt und arbeitet in Nürnberg. Er ist Leiter einer sozialen Einrichtung des Nürnberger Jugendamtes ("Club 402" - http://www.club-402.de), Lehrbeauftragter für Jungenarbeit an der Universität Bamberg und Referent bei Fortbildungen und Konferenzen. Email: mi.schenk@freenet.de |