SGB VIII - Online-Handbuch

herausgegeben von Ingeborg Becker-Textor und Martin R. Textor

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Aus : Forum Sozial 4/2001

Neue Steuerungsmodelle in der Jugendhilfe - Chancen für eine neue Professionalität der sozialen Arbeit?!

Jörn Rabeneck

 

Immer wieder werden wir in unserer beruflichen Praxis mit dem Schlagwort der Neuen Steuerung konfrontiert, immer wieder geht es scheinbar nur um Effizienz und Effektivität, kurz: um die Einführung betriebswirtschaftlicher Elemente in unsere soziale Praxis. Vielerorts fürchten wir um unsere Arbeitsplätze oder aber um den Untergang unserer sozialpädagogischen Kompetenzen. Muss das tatsächlich so sein? Verbergen sich nicht auch neue Chancen in den Neuen Steuerungsmodellen? Oder handelt es sich wirklich nur um den sprichwörtlichen "alten Wein, der in neuen Schläuchen abgefüllt wurde"?

Vor einigen Wochen habe ich eine Anfrage von einer großen weltweit tätigen Unternehmensberatung erhalten, ob ich Städte oder Kommunen kenne, in denen die Neue Steuerung in der Jugendhilfe bereits vollständig involviert sei. - Am ehesten kann man hier auf die Städte Stuttgart und Göppingen verweisen, in denen das Bundesmodellprojekt zur "Neuen Steuerung in der Jugendhilfe" unter Begleitung der Dr. Jan Schröder Beratungsgesellschaft mbH (JSB) durchgeführt wurde; von einer vollständigen Involvierung kann hier aber noch nicht die Rede sein. - Die Einführung Neuer Steuerungsmodelle ist ein Prozess; "der Weg ist das Ziel, der Weg entsteht beim Gehen." (alte asiatische Weisheit).

Wer sich schon einmal etwas intensiver mit den Neuen Steuerungsmodellen beschäftigt oder aber auch in seiner beruflichen Praxis auseinandergesetzt hat, der wird wissen, dass strukturelle Veränderungen Zeit brauchen. - Der Weg zum Ziel braucht Zeit. Das New Public Management wurde beispielsweise bereits Anfang der achtziger Jahre in den USA eingeführt und nach Aussagen von Ira M. Schwartz (Internationale Fachtagung "Playing the market game?", Bielefeld 2000) haben die USA erst jetzt, also gut 20 Jahre später, erste größere Erfolge im New Public Management zu verbuchen. - Bei den Neuen Steuerungsmodellen ist dies m.E. ähnlich.

Meiner Meinung nach sind viele SozialarbeiterInnen an der Basis nicht ausreichend über die Thematik der Neuen Steuerungsmodelle informiert, verbinden die Neue Steuerung oft nur mit Schlagworten des Controlling, der Budgetierung oder aber auch der BWL-isierung der Sozialen Arbeit. - Dass die Neue Steuerung aber auch zur Professionalisierung unserer Arbeit beitragen kann, ist vielen nicht bewußt. - Dies ist verständlich nachzuvollziehen auf dem Hintergrund der Tatsache, dass "wir eh schon genug zu tun haben", um das einmal so zu formulieren, birgt aber auch die Gefahr, dass uns hinter unserem Rücken - und mit Verweis auf die Neue Steuerung - Aufgaben zugeschrieben werden, die ganz und gar nicht unserer Profession entsprechen, um dies einmal provokativ zu benennen.

Um einen wirklichen effektiven Wechsel von der alten bürokratischen Steuerung hin zu einer neuen zielorientierten Steuerung zu schaffen, darf es nicht ausschließlich um organisatorische Dinge gehen, sondern es müssen auch die individuellen Belange der Menschen (in den unterschiedlichen Systemen) geklärt werden. Eine Abflachung der lange bestehenden Hierarchien - so wie sie von der KGSt (Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung, Köln) gefordert wird - bedeutet auch einen Umdenkungsprozess in den Köpfen der Menschen; die Gestaltung eines Weges weg von der Bürokratie hin zum Ergebnis braucht Zeit. Dementsprechend muss in Zukunft verstärkt darauf hingearbeitet werden, auch die Mitarbeiterschaft (an der Basis) in den Strukturwandel einzubeziehen, um die Neuen Steuerungsmodelle auch wirklich konsequent und zielorientiert, aber auch praxisgerecht, umsetzen zu können.

Gerade den MitarbeiterInnen, die im direkten Kontakt mit den Kunden stehen, muss die Chance gegeben werden, ihren Bedarf bzw. ihre Wünsche hinsichtlich der Einführung Neuer Steuerungsmodelle zu äußern. Oft wissen gerade diese MitarbeiterInnen, welche Maßnahmen am besten für das Wohl des Kunden sind.

Eine Einführung Neuer Steuerungsmodelle ohne Beteiligung der MitarbeiterInnen halte ich für äußerst fragwürdig. Die Neue Steuerung darf nicht nur bloße Theorie in den Köpfen der Menschen bleiben, sondern sie muss auch praktisch umsetzbar sein bzw. werden.

"Sozialarbeit ist gefordert, sich zu legitimieren, um weiterhin ihre Aufgaben in einer Gesellschaft mit immer komplexer werdenden Lebensbezügen wahrzunehmen. Dies um so mehr, als politische Entscheidungsgremien und Kostenträger Effektivität und Sinnhaftigkeit von Sozialarbeit anzweifeln und dementsprechend entscheiden. Damit ist die professionelle Sozialarbeit und letztlich auch der einzelne Berufsträger, die einzelne Berufsträgerin und der Berufsstand existentiell bedroht" (Gosejacob-Rolf et al. 1998).

Diese Ausführung macht deutlich, wie es derzeit gesellschaftspolitisch um unsere Profession, ja sogar um die Existenz unserer Profession steht. Die Gelder werden knapp, die Haushalte der Kommunen für Sozialleistungen schrumpfen, Tarifkämpfe und -forderungen gehen (leider) bislang noch ins Leere.

Gerade in Bezug auf die Neuen Steuerungsmodelle und meine zuvor genannten Thesen, ist es m.E. von enormer Bedeutung, die SozialarbeiterInnen/ SozialpädagogInnen an der Basis verstärkt in den Prozess um die Einführung Neuer Steuerungsmodelle mit einzubinden. Auch das gehört sicherlich - wie zuvor beschrieben - zur vielfach diskutierten und dennoch oft (leider) nicht real umgesetzten "Abflachung der Hierarchien". Meine These hierzu: Erst wenn die SozialarbeiterInnen/ SozialpädagogInnen, intensiver mit in den Prozess einbezogen werden und dadurch Fach- und Ressourcenverantwortung etc. auch tatsächlich erlangen, werden sich die Neuen Steuerungsmodelle in der Jugendhilfe auch in praxi zum Positiven wenden!

Soziale Arbeit sollte immer im Dialog stattfinden, im Dialog zwischen den einzelnen Fachkräften der Sozialarbeit als auch zwischen den anderen sozialwissenschaftlichen Professionen.

Aufgrund der zunehmenden Individualisierung unserer Gesellschaft und der zunehmenden Problembelastung ist es von enormer Bedeutung interdisziplinär zu denken und zu handeln. Was spricht also gegen eine interdisziplinäre Wissenschaft, eine interdisziplinäre Wissenschaft der Basis in Form der Sozialarbeit bzw. Sozialpädagogik? Oft ist es so, dass unsere Kunden zunächst mit SozialarbeiterInnen/ SozialpädagogInnen an der Basis in Kontakt kommen, dass oftmals die ersten, also die grundlegenden Lösungsversuche oder sagen wir besser Lösungsschritte an der Basis zusammen mit den Kunden erarbeitet werden. Hier ist es m.E. von Vorteil, wenn eine interdisziplinäre Ausbildung zu Grunde liegt. Ich spreche mich grundsätzlich für eine Kooperation zwischen den einzelnen Wissenschaften aus, d.h. dass in Zukunft die Sozialarbeit/ Sozialpädagogik als Wissenschaft der Basis sowie die anderen (Sozial-)Wissenschaften enger zusammen arbeiten und eine engere Kooperation anstreben sollten. Hierzu gehört auch die gegenseitige fachliche Anerkennung, um gezielt und vor allem gemeinsam (multiprofessionell) Lösungen für die Kunden und mit den Kunden zu entwickeln. Es geht nicht um unser Wohlbefinden, sondern um das Wohlbefinden unserer Kunden, um das Wohl der Kinder und Jugendlichen, mit denen wir arbeiten.

Auf diesem Hintergrund spreche ich mich last but not least dafür aus, die Neuen Steuerungsmodelle unter multiprofessionellen Gesichtspunkten bzw. Aspekten in der Praxis, für die Praxis und mit der Praxis weiterzuentwickeln und sehe in den Neuen Steuerungsmodellen viele nützliche (nutzbare) Chancen für ein "mehr an Professionalität für unsere berufliche Profession".

Wir als Wissenschaftler der Basis haben auch ein großes Wort mitzureden, wenn es um die Zukunft und die neuen Strukturen in unserer (täglichen) Arbeit geht!

Literatur

BMFSFJ (2000): Handbuch zur Neuen Steuerung in der Kinder- und Jugendhilfe. Berlin

Gosejacob-Rolf, H. et al. (Hrsg.) (1998): Strategische Sozialarbeit â : Aus der Praxis für die Praxis. Essen: Eigenverlag DBSH

Rabeneck, J. (2001): Kooperation in der Jugendhilfe unter dem Fokus der Neuen Steuerungsmodelle. Stuttgart: ibidem

Autor

Jörn Rabeneck ist Diplom-Sozialarbeiter (FH). Seit mehreren Jahren arbeitet er als Berater in der IT-Branche (Beratung von öffentlichen und freien Trägern hinsichtlich Anwender-Software für die Soziale Arbeit). Neben diversen Publikationen (Forum Sozial, Mitteilungen des Landesjugendamtes, Rechnungswesen & Controlling in der öffentlichen Verwaltung etc.) ist Herr Rabeneck auch Initiator und Sprecher der Bundesfachgruppe "Soziale Arbeit in der freien Wirtschaft" nebst Kompetenzpools Sozialinformatik und Betriebliche Sozialarbeit des Deutschen Berufsverbandes für Soziale Arbeit e.V. (DBSH).

Adresse

Jörn Rabeneck
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28217 Bremen
Email: j.rabeneck@dbsh.de