SGB VIII - Online-Handbuch

herausgegeben von Ingeborg Becker-Textor und Martin R. Textor

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Aus: DJI-Bulletin, Heft 51/52, Oktober 2000, S. 17

Qualifizierung in der Tagespflege: Welche Fortbildung brauchen Tagesmütter?

Lis Keimeleder/Marianne Schumann/Susanne Stempinski/Karin Weiß

 

Die Forschung zum Thema Tagespflege steht im Deutschen Jugendinstitut in einer langjährigen Tradition. So wurde mit dem Modellprojekt "Tagesmütter" (1974-1978) die Diskussion über die Tagespflege in der Bundesrepublik Deutschland wesentlich beeinflußt und mit dem Tagesmütter- Handbuch "Kinderbetreuung in Tagespflege" ein wichtiges Nachschlagewerk für die Fachwelt und alle Interessierten erstellt. Durch die Neuregelungen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes von 1991 erfuhr die Tagespflege als Betreuungsangebot eine deutliche Aufwertung: Sie wurde der institutionellen Betreuung gleichgestellt mit der Konsequenz, daß auch Kinder in Tagespflege einen gesetzlichen Anspruch auf Förderung durch Betreuung, Bildung und Erziehung haben. Die Umsetzung dieser gesetzlichen Vorgabe erfordert es, Tagesmütter durch Fortbildung für diese Aufgaben zu qualifizieren. Seitdem sind einige Qualifizierungsangebote für Tagesmütter entstanden. Um die Professionalisierung der Tagespflege zu fördern, beschäftigt sich seit 1998 ein DJI-Projekt mit der Gestaltung von Fortbildungskursen sowie der Entwicklung didaktischer Materialien.

An insgesamt 9 Modellorten in der Bundesrepublik Deutschland wurden teilnehmende Beobachtungen und Videoaufzeichnungen von Qualifizierungsveranstaltungen, Dokumentenanalysen, Interviews und schriftliche Befragungen durchgeführt. Die Ergebnisse an den Modellorten zeigen: Die Fortbildungskurse unterscheiden sich stark hinsichtlich ihrer Struktur, ihrem Inhalt und ihrer Qualität. Ins Blickfeld genommen wurden unter anderem folgende Faktoren: zeitliche Dauer eines Kurses oder einer Veranstaltung, inhaltliche und methodische Aspekte, didaktischer Gesamtaufbau, Rahmenbedingungen der Qualifizierung und Zufriedenheit der Teilnehmerinnen.

Auf der Basis der Evaluationsergebnisse wurde ein Katalog von Qualitätskriterien für die Grundqualifizierungsangebote erstellt. Dieser berücksichtigt, daß die Tagesmütter sehr unterschiedliche Voraussetzungen (Bildung, Berufserfahrungen) mitbringen und die professionell ausgerichtete Erziehungsarbeit mit Kindern in der Familie die Auseinandersetzung mit eigenen Einstellungen und Handlungsmustern erfordert. Die Methoden, Inhalte und Rahmenbedingungen der Qualifizierungsangebote sind darauf abzustimmen.

Die Arbeit der ReferentInnen und KursleiterInnen ist häufig von mangelndem kollegialen Austausch und einer eher isolierten Arbeitsweise geprägt, welche die Weiterentwicklung und Qualitätssicherung der Fortbildungskurse erschwert. Aus diesem Grund wurde ein 20seitiger Bogen zur Selbstevaluation konzipiert, der als Leitlinie zur Reflexion von Aufbau, Inhalten, Methoden, Kursleitung bzw. ReferentIn, Lernklima bzw. Gruppenatmosphäre und äußerem Rahmen der Veranstaltung dient.

Mit dem Ziel, einheitliche und umfassende Grundlagen für Qualifizierungsangebote zu schaffen, werden derzeit detaillierte Fortbildungsmaterialien für ein Tagespflege-Curriculum von ca. 160 Unterrichtsstunden entwickelt. Sie sollen den ReferentInnen einen Überblick über die Zeitplanung und das Themenspektrum der Fortbildung verschaffen und eine vertiefende Vorbereitung der einzelnen Veranstaltung ermöglichen, indem sie Vorschläge zum methodischen und inhaltlichen Ablauf eines Kursabends (ReferentInnen-Leitfaden) sowie Literaturempfehlungen und Hintergrundinformationen zu einzelnen Themen liefern. Zudem werden ausführliche schriftliche Handouts für die Teilnehmerinnen erstellt.

Die im Rahmen solcher Fortbildungskurse erworbene Grundqualifizierung kann jedoch lediglich das Fundament einer professionellen Tagespflege sein. Darüber hinaus sind jedoch weitere Schritte (z.B. kontinuierliche Gesprächsgruppen, Weiterbildungsseminare, Beratungsangebote) nötig, um die Professionalität der Tagespflege langfristig zu sichern.

Projekt: Entwicklung und Evaluation curricularer Elemente zur Qualifizierung von Tagespflegepersonen (Kurztitel: Qualifizierung in der Tagespflege)

Methode: Praxisbegleitung, Evaluations- und Entwicklungsstudie mit multimethodischem Untersuchungsdesign: Qualitative Interviews und Gruppendiskussionen mit Teilnehmerinnen der Qualifizierungskurse, KursleiterInnen, Eltern von Tageskindern, ExpertInnen, VertreterInnen öffentlicher und freier Träger; teilnehmende Beobachtung von Fortbildungsveranstaltungen; Fragebogenerhebungen; Dokumentenanalyse.

Laufzeit: erste Projektphase Mai 1998 - November 2000. Zweite Projektphase bis Dezember 2001.

Förderung: BMFSFJ und Länder (Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz)

Durchführung: Karin Weiß, Susanne Stempinski, Marianne Schumann, Dr. Rudolf Pettinger, Lis Keimeleder.

Kontakt: Deutsches Jugendinstitut e.V., Nockherstraße 2, 81541 München, http://www.dji.de

Publikationen: Schumann, Marianne: Qualifizierung von Tagespflegepersonen durch Aus- und Fortbildung. In: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Kinderbetreuung in Tagespflege. Tagesmütter-Handbuch. Stuttgart, Berlin, Köln: Kohlhammer 1996, S. 351 - 409;

Schumann, Marianne: Qualität in der Tagespflege - alte Fragen neu gestellt. In: Merchel, Joachim (Hrsg.): Qualität in der Jugendhilfe. Kriterien und Bewertungsmöglichkeiten. Münster: Votum 1998, S. 202 - 221