SGB VIII - Online-Handbuch

herausgegeben von Ingeborg Becker-Textor und Martin R. Textor

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Pflicht und Kür? - Zusammenwirken von Jugendhilfe und Jugendpflege im Gemeinwesen

Christa Hintermair

 

Im Leistungskatalog des Kinder- und Jugendhilfegesetzes findet sich die Aufgabe "Jugendarbeit", die sich als Angebot für alle Jugendliche eines Einzugbereiches versteht, unabhängig davon, ob diese Jugendlichen auch andere Leistungen der Jugendhilfe - im Sinne der Aufgaben nach § 16 ff - beanspruchen oder nicht.

Dabei grenzt sich Jugendarbeit noch häufig von Trägern der sog. "Einzelfallhilfen" ab (und umgekehrt), mit dem Ergebnis, daß die Lebenswirklichkeit von denjenigen Kindern und Jugendlichen, die ihren Alltag sowohl in der Jugendarbeit wie auch in Einrichtungen und Maßnahmen anderer Jugendhilfeleistungen verbringen, unberücksichtigt bleibt. Zudem gibt es nicht einen gemeinsamen Jugendhilfeplan für einen Ort, sondern viele Jugendhilfeplanungen für Teilaufgaben nach dem KJHG.

Viele Kolleginnen und Kollegen stehen deshalb immer öfter vor der Frage: Kann das Zusammenwirken aller Verantwortlichen von Jugendarbeit, von Maßnahmen zur Förderung der Erziehung in der Familie, von Tageseinrichtungen und Tagespflege, von Anbietern der Hilfen zur Erziehung, Eingliederungshilfen und Hilfen für junge Volljährige u.ä. nicht auch so gestaltet werden, daß die gemeinsame Aufgabe nach dem KJHG, "dazu beizutragen, daß positive Lebensbedingungen für junge Menschen, und ihre Familien, sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen", auch gemeinsam erfüllt werden?

Wie sieht es aus, wenn freie Träger, kommunale Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten, Ortjugendpflege, die Kirchengemeinden, Verwaltung und Politik, das Kreisjugendamt und dessen Sachgebiete, Vereine, Verbände, Initiativen, Bürgerinnen und Bürger, last but not least Jugendliche selbst, so zusammenarbeiten, wie vom KJHG vorgesehen? (An fachlichen Standards einer gelingenden Sozialraum- und Lebenslagenorientierung orientiert und an der Umsetzung in der Praxis zu messen?)

Wie das Beispiel Gomaringen - stellvertretend für einige andere Gemeinden im Landkreis Tübingen mit ähnlichen Strukturen - zeigen kann, gibt es einige Ansatzmöglichkeiten. Zunächst ist allerdings von allen Beteiligten der Blick über den eigenen Tellerrand hinaus, sowie gleichermaßen zusätzliches Engagement von haupt- und ehrenamtlich Tätigen zu verlangen. Das Fazit hier vorwegnehmend: Darin liegen sehr gute Chancen, die eigene Arbeit weiter zu entwickeln, mit besseren Erfolgschancen für die eigenen Angebote "belohnt" zu werden, eine verbesserte Öffentlichkeitswirkung zu ermöglichen, eine bessere Abstimmung untereinander zu fördern, durch positive Ergebnisse auch mehr Zufriedenheit in den Arbeitsalltag zu bringen.

Die prozeßhaft angelegte Entwicklungsplanung in Gomaringen stützt sich auf 4 Elemente:

  • Das gemeinsame Kinder- und Jugendbüro Steinlach-Wiesaz als Erst-Anlaufstelle für Offene und sozialpädagogische Jugendarbeit ( Ortsjugendpfleger), für Kinder- und Jugendhilfe (Allgemeiner Sozialer Dienst), für die Schulsozialarbeit der Grund- und Hauptschule, für die Soziale Gruppenarbeit und den mobilen Dienst. Wichtig dabei ist die klare Aufgabenverteilung und -abgrenzung unter den einzelnen Arbeitsgebieten, verbunden mit der Schaffung einer ausreichenden Transparenz über die unterschiedlichen Schwerpunkte und Angebote auch für die Öffentlichkeit.
  • Die Bildung von Netzwerken und der Organisation eines regelmäßigen gemeinsamen Austausches unter den Kooperationspartnern verschiedenster Institutionen, Organisationen und Personen im Kinder- und Jugendbereich der Gemeinde. Diese bilden die Basis für gemeinsame Projekte im Gemeinwesen. Als Anlaufstelle für alle fungiert das Kinder- und Jugendbüro, das bei Bedarf auch die Kontakte untereinander herstellt und pflegt.
  • Begegnungstage zum Thema "Kinder- und Jugendarbeit in der Gemeinde" für unterschiedlichste Zielgruppen und zu aktuellen Themen.
  • Berücksichtigung der Ergebnisse der Begegnungstage und deren Umsetzung im Rahmen der fortlaufenden Jugendhilfeplanung.

Die beiden letzten Punkte stellen im Sinne des Themas die "Kür" dar und sollen deshalb im Folgenden näher betrachtet werden:

Die Begegnungstage "Kinder- und Jugendarbeit in Gomaringen" fanden vom 13. und 14. Oktober 2000 statt. Zu dieser gemeinsamen Veranstaltung aller Träger der freien und öffentlichen Jugendhilfe, der Schulen, Kindergärten, Vereine und Kirchen haben die Gemeinde und das Sozialdezernat des Landratsamts Tübingen eingeladen. Es nahmen 42 Personen aus 19 Einrichtungen und Organisationen, Gemeinderäte, Eltern und Jugendliche teil. Die Moderation und Leitung der Arbeitsgruppen wurde durch die Mitarbeiterinnen des Jugendbüros und der Kreisjugendpflege übernommen. Wichtige Programmpunkte waren die Einführungen in die Begegnungstage durch Bürgermeister und Sozialdezernent. Es ging um die einfach gestellten Fragen: "Was ist?", "Was soll sein?", "Was können wir dafür tun?"

Was ist?

  • stellte zunächst die Arbeit aller vertretenen Einrichtungen vor. Und für alle Teilnehmer/innen mit dem Aha-Effekt verbunden die Erkenntnis, daß selbst bereits seit Jahren selbstverständlich genutzte Angebote nicht umfassend bekannt, viele Aufgabenstellungen in der Öffentlichkeit nur undeutlich konturiert sind, daß Überschneidungen vielfach nicht erkannt, und vermeintliche Konkurrenzen vermeidbar sind. Nebeneffekt der Bestandsaufnahme war für alle Anbieter ein deutlicher Zugewinn von allgemeiner Wertschätzung.
  • sammelte dann Themen und Fragen zur Situation von Familien, Kindern und Jugendlichen im gesamtgesellschaftlichen Kontext.
  • listete Problemstellungen zu Strukturen in der Gemeinde und Lücken der Angebote für verschiedene Altersgruppen, zu verschiedenen Themen und für individuellen Bedarf auf.

Was soll sein?

  • Wünsche der Teilnehmer/innen der Begegnungstage.
  • Wünsche von Kindern und Jugendlichen
  • Unterstützung von ehrenamtlichem Engagement

Was können wir dafür tun?

  • Gründung einer Arbeitsgemeinschaft Jugend und Familie mit starker Einbindung von Vereinen und Verbänden.
  • Fachkonferenz für Erziehungshilfen.
  • Projektgruppe für Organisation der Zusammenarbeit mit Kommune und Politik, wie auch der Entwicklung von Anregungen und Empfehlungen für die weitere Gemeinwesenentwicklung und Strukturbildung.
  • Gemeinsame Ferien- und Freizeitaktivitäten, die über den Rahmen einzelner Vereine und Verbände hinausgehen.
  • Einrichten eines Abenteuerspielplatzes als Gemeinschaftsaufgabe für Vereine, Firmen und Eltern.
  • Erstellen einer Image-Broschüre für Vereine, Verbände und Jugendhaus.
  • Gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit.

Wichtigstes Ergebnis der Begegnungstage war die Einigung daraufhin, auch weiterhin einen positiven und kontinuierlichen Beitrag im Hinblick auf ein kinder-, jugend- und familienfreundliches Gemeinwesen leisten zu können und zu wollen, gemeinsam die Ideen umzusetzen, bzw. deren Umsetzung zu begleiten und weiterhin nach konstruktiven Vorschlägen und Ideen zu suchen.

Die Abschlußrunde des Begegnungstages lautet zusammengefaßt in etwa so: Es ist etwas in Bewegung gekommen, das sich lohnt, weiterbewegt zu werden.

Die Umsetzung der Ergebnisse liegt nun in der Hand einer "Arbeitsgemeinschaft Jugend und Familie", sowie der begleitenden Projektgruppe, die - wie könnte es auch anders sein - unter anderem zusammengesetzt ist aus den vor Ort tätigen hauptamtlichen Mitarbeiter/innen der kommunalen Jugendarbeit (Ortsjugendpflege), der Schulsozialarbeit, Bereichsleiter und Mitarbeiter/innen des freien Trägers von Sozialer Gruppenarbeit und mobilem Dienst (Sophienpflege Pfrondorf) und Mitarbeiterinnen des Kreisjugendamts (ASD und Kreisjugendpflege). Die Kür geht also weiter... (Ausführlichere Darstellung der Begegnungstage in der Dokumentation "Jugendarbeit und Jugendhilfe in Gomaringen", Hrsg. Gemeinde Gomaringen und Landratsamt).

Quelle

Überarbeitung des Vortrags am Fachtag vom 02.02.01 "Bis hierher - und noch weiter". Dokumentation: Bundesmodellprojekt INTEGRA, Brunnenstraße 6 Tübingen

Autorin

Christa Hintermair
Kreisjugendpflege Tübingen
Doblerstraße 21
72074 Tübingen
E-Mail: jugend@kreis-tuebingen.de
Homepage: http://www.kreis-tuebingen.de/inhalt/aemter/jugend/kreisjugendpflege/index.htm