| SGB VIII - Online-Handbuch
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| Aus: Unsere Jugend, 1999, 6, Ernst Reinhardt Verlag, München/Basel, S. 267-272
Flexible Hilfen: Aufbau eines Förderzentrums Helmut Adler/Tanja Holzwarth
Der Beitrag stellt die Organisationsentwicklung bestehender stationären Betreuungsgruppen zu einem Förderzentrum dar, das flexible Hilfen anbietet. Er beschreibt den erreichten Stand der Umstrukturierung in flexibilisierte Organisations- und Betreuungsformen und die Ergebnisse einer Evaluation dieser Organisationsentwicklung, die im Rahmen einer Diplomarbeit der Berufsakademie Stuttgart durchgeführt wurde (Holzwarth, 1997). Auf der Basis dieser Ergebnisse werden die Perspektiven der weiteren Arbeit und weitere Entwicklungsnotwendigkeiten des Förderzentrums aufgezeigt. 1. Flexibilisierungskonzepte Die Ursprünge von Flexibilisierungskonzepten liegen in pädagogischen Überlegungen. Ausgehend von einer festgestellten "Versäulung" der Jugendhilfe, die bei einem Wechsel der Betreuungsform auch einen Wechsel der Bezugspersonen und meist der sozialen Bezugsgruppe notwendig macht, wurden Hilfeformen konzipiert, die "aus einer Hand" verschiedene Arten der Hilfe anbieten (Klatetzki, 1993). Ein wesentlicher Grund für den Aufbau flexibler Hilfen sind also verschiedene pädagogische Überlegungen (z.B. Winter & Klatetzki, 1988; Klatetzki, 1993; Winter, 1993; Rose 1995). Hinzu kam ein Trend zu mehr Lebensfeldnähe und Lebensfeldorientierung, der einen bevorzugten Aufbau neuer Hilfeformen in sozialen Brennpunkten nahelegte (Müller, 1997). Allerdings wird auch die Forderung erhoben, kostengünstige Hilfeformen zu etablieren (Ziegler, 1997). In der bisherigen Diskussion werden flexible Hilfen zur Erziehung daher überwiegend als lebensfeldnahe Formen der Hilfen thematisiert (Klatetzki, 1995; Mertens, 1997). Außerdem wird von flexiblen Hilfen im Lebensfeld eine verbesserte Umsetzung der Strukturmaximen erwartet, die der 8. Jugendbericht als Prävention, Regionalisierung, Alltagsorientierung, Partizipation und lebensweltorientierte, integrative Jugendhilfe thematisiert (Baldewein, 1997). Insbesondere pädagogische Aspekte und die Strukturmaximen des 8. Jugendberichts legen es nahe, das Konzept der Flexibilisierung auch auf bestehende Hilfeformen zu übertragen, die nicht lebensfeldnah angesiedelt sind. Auch bestehende Betreuungsformen stationärer und teilstationärer Hilfen zur Erziehung, die vorwiegend als Wohngruppen oder Tagesgruppen arbeiten, können in flexiblere Betreuungsformen überführt werden, die das Lebensfeld der betreuten Kinder und Jugendlichen stärker einbeziehen. Tagesgruppen setzen zwar einen regionalen Einzugsbereich voraus, um die Fahrzeiten der betreuten Kinder und Jugendliche in einem angemessenen Rahmen zu halten. Allerdings sind Tagesgruppen bisher schon in vielen Einrichtungen (insbesondere in Einrichtungen mit einer eigenen Schule) außerhalb des direkten Lebensfeldes angesiedelt. Der Einzugsbereich von Wohngruppen umfaßt teilweise noch ein größeres Gebiet. Flexible Betreuungsformen sind als eine Kombination von teilstationären mit stationären Hilfen zur Erziehung konzipierbar und bieten den Vorteil, daß bei einem notwendigen Wechsel der Betreuungsform eine Kontinuität der Bezugspersonen und der Bezugsgruppe erhalten bleibt. Dies gilt einmal für Fälle, in denen sich herausstellt, daß eine teilstationäre Betreuung nicht hinreichend oder geeignet ist, die bestehenden Probleme wirksam zu lösen. Außerdem bietet die Übernahme in ein teilstationäres Betreuungssetting am Ende einer stationären Betreuung den Vorteil, daß Kinder und Jugendliche schrittweise in ihre Familie und ihr soziales Lebensumfeld reintegriert werden können. Das Konzept der flexiblen Hilfen bietet also wesentliche pädagogische Vorteile für die betreuten Kinder und Jugendlichen. Allerdings geben Fragen der Professionalität und der Überforderung von MitarbeiterInnen in flexiblen Hilfeformen Anlaß zu kritischen Fragen (Peters & Wolff, 1997). Auch das Gesamtkonzept flexibler Hilfeformen wird teilweise kritisch betrachtet (Feest, 1996). 2. Organisationsform und pädagogische Gestaltung flexibler Hilfen In der Kinderheimat Kleingartach, einer Jugendhilfeeinrichtung mit ca. 200 ambulanten und stationären Plätzen, wurde in den Jahren 1996 und 1997 mit der Umstrukturierung von zwei stationären Gruppen begonnen. Das Ziel war der Aufbau eines Förderzentrums, das flexible Hilfeformen anbietet. In einem ersten Schritt wurde ein Teil der bestehenden stationären Plätze (§ 34 KJHG) abgebaut und in Tagesgruppenplätze (§ 32 KJHG) umgewandelt. Darüber hinaus wurden weitere teilstationäre Plätze einer bestehenden Tagesgruppe ins Förderzentrum integriert. Das Verhältnis von stationären zu teilstationären Plätzen richtet sich seither nach den eingehenden Anfragen des Jugendamtes. Parallel wurde ein Umzug in ein anderes Gebäude durchgeführt (vgl. ausführlich Holzwarth, 1997). Die gruppenpädagogische Arbeit basiert auf einem strukturierten Tagesablauf, in den am Nachmittag die Kinder und Jugendlichen integriert werden, die in Form des Tagesgruppensettings betreut werden. Die pädagogischen Angebote basieren auf Fördermodulen, die entsprechend des Bedarfs der betreuten Kinder und Jugendlichen und entsprechend jahreszeitlicher Möglichkeiten angeboten werden. Ein festes Förderangebot stellt die Hausaufgabenbetreuung dar, bei der eine Zuordnung der Kinder und Jugendlichen entsprechend der Klassenstufen erfolgt, also stationär und teilstationär betreute Kinder und Jugendliche gemeinsam in verschiedenen Hausaufgabengruppen betreut werden. Für den zweiten Teil des Nachmittags stehen unterschiedliche pädagogische Förderprogramme und Freizeitangebote zur Auswahl. Bei diesen Angeboten ist es ebenfalls vorgesehen, daß teilstationär und stationär betreute Kinder und Jugendliche gemeinsam betreut werden. Diese pädagogischen Programme richten sich aber in erster Linie nach dem individuellen Bedarf der Kinder und Jugendlichen, der sich teilweise bei den verschiedenen Betreuungsformen unterscheidet. Zu diesen Gruppen werden auch Kinder und Jugendliche anderer Gruppen hinzugenommen, sofern diese von den Förderangeboten profitieren können. Es stehen Freizeit- und Sportangebote zur Verfügung (z.B. Inlineskating), heilpädagogische Förderangebote (z.B. therapeutisches Reiten), Verhaltenstrainings (z.B. soziales Wahrnehmungs- und Interaktionstraining) und sozialpädagogische Fördergruppen (z.B. sozialpädagogische Spiel- und Lerngruppen). Neben Synergieeffekten hat diese Organisation der pädagogischen Arbeit den Vorteil, daß unterschiedliche Ressourcen der MitarbeiterInnen in diesen Förderangeboten genutzt werden können. Damit wird ein breites Spektrum an Fördermöglichkeiten für die betreuten Kinder und Jugendlichen erreicht. Allerdings bringt die Organisation von flexiblen Hilfen sowohl neue Anforderungen an MitarbeiterInnen (Piechocki, 1997) als auch an Organisationsstrukturen (Schöpflin, 1997) mit sich. Auch beim Aufbau des Förderzentrums Kleingartach kamen neue Anforderungen auf die KollegInnen im Team zu. Neben der Einarbeitung in spezifische Förderprogramme ist auch eine sorgfältigere Dokumentation sowie eine Überprüfung der Entwicklungsfortschritte einzelner Kinder und Jugendlichen in kurzen Abständen notwendig. Außerdem wurde im Team eine Verteilung von spezifischen organisatorischen Aufgaben vorgenommen, für die einzelne MitarbeiterInnen eine Ressortverantwortung übernahmen (Holzwarth, 1997). 3. Ergebnisse der Evaluation des Modells Der Aufbau der flexiblen Gruppe "Mikado" als Teil des Förderzentrums Kleingartach, das insgesamt aus zwei solcher Gruppen besteht, wurde im Rahmen einer Diplomarbeit evaluiert (Holzwarth, 1997). Die Gruppe arbeitete zum Zeitpunkt der Evaluation seit etwa einem Jahr nach dem neuen Konzept. Die Evaluation stellte also gleichzeitig eine Überprüfung der Aufbauphase dieser Betreuungsform dar, die die Fachkräfte in der Gruppe zu diesem Zeitpunkt noch nicht als abgeschlossen betrachten. Daher lassen die Ergebnisse keine endgültigen Aussagen über den Erfolg der Betreuungsform zu, da eine solche Evaluation am Ende der Aufbauphase beginnen und einen längeren Zeitraum umfassen müßte. Einige wesentliche Ergebnisse der Evaluation der Aufbauphase sind:
Insgesamt bildet die Übernahme strukturierter pädagogischer und organisatorischer Elemente aus einem bestehenden Konzept einen Stabilisierungsfaktor beim Aufbau flexibler Hilfeformen. Auch bestehende Kooperationsformen im Team stabilisieren den Prozeß der Umgestaltung einer stationären Gruppe zu einem Förderzentrum mit flexiblen Hilfen. Dem gegenüber steht die Notwendigkeit, die pädagogische Arbeitsweise und das pädagogische Konzept laufend an den Bedarf der betreuten Kinder und Jugendlichen anzupassen, was teilweise auch destabilisierende Auswirkungen auf organisatorische Aspekte hat. Flexible Hilfeformen außerhalb des Lebensfeldes erfordern zudem spezifische Formen der Elternarbeit, die durch einen hohen Organisationsgrad und eine gute Vorbereitung gekennzeichnet sein müssen. 4. Zusammenfassung und Perspektiven Bestehende Formen der Hilfe zur Erziehung können durch eine Flexibilisierung in mehrfacher Hinsicht weiter entwickelt werden. Die Erweiterung des pädagogischen Teams, die aufgrund einer Übernahme von teilstationären Plätzen möglich wurde, bietet eine größere Palette von persönlichen Ressourcen, die zu einer Differenzierung des Betreuungsangebots und der pädagogischen Fördermöglichkeiten beiträgt. Eine Kombination von verschiedenen Betreuungsformen bietet die Möglichkeit, variabler auf den pädagogischen Bedarf zu reagieren. Nicht zuletzt spart die Kombination verschiedener Betreuungsformen in den Fällen, wo ein Wechsel der Betreuungsform notwendig ist, den Kindern und Jugendlichen einen Wechsel der sozialen Gruppe und der pädagogischen Bezugspersonen. Außerdem ermöglicht die Kombination stationärer mit teilstationären Betreuungssettings die Möglichkeit, einer fließenden Reintegration stationärer Betreuungen in das bisherige oder neue Lebensfeld und die Familie, wenn am Ende einer stationären Betreuung eine teilstationäre Reintegrationsphase erfolgt. Neben den vielfältigen pädagogischen Vorteilen und den flexibleren organisatorischen Möglichkeiten, stellt die Kombination verschiedener Betreuungsformen allerdings auch Anforderungen an die MitarbeiterInnen. Diese bestehen neben der Einarbeitung in spezifische Förderangebote, vor allem in einer intensiven Dokumentation der pädagogischen Verläufe bei der Förderung einzelner Kinder und Jugendlichen, die auch aus Gründen der Qualitätssicherung notwendig sind (Ziegler, 1997). Insgesamt läßt sich nach Ablauf eines Jahres eine positive Bilanz der Arbeit im Förderzentrum Kleingartach ziehen. Sowohl von Seiten des Jugendamtes, wie von Seiten der Eltern und der betreuten Kinder und Jugendlichen, wird die neue flexible Betreuungsform akzeptiert und positiv bewertet. Eine insgesamt positive Bewertung läßt sich auch bei den beteiligten MitarbeiterInnen feststellen, wenngleich von dieser Seite auch deutlich der notwendige Weiterentwicklungsbedarf betont wird. Dieser besteht neben einer Verfeinerung der organisatorischen und pädagogischen Strukturierung vor allem in der Ausweitung und Strukturierung der begleitenden Arbeit mit den Eltern (Holzwarth, 1997). Allerdings wird von den Fachkräften im Team betont, daß die Entwicklung flexibler Hilfen nicht nach einem Jahr als abgeschlossen betrachtet werden kann. Zwar beinhaltet das Grundkonzept flexibler Hilfen auch in einer Flexibilisierung der organisatorischen Strukturierung, und eine ständige Überprüfung sowohl der organisatorischen, wie der pädagogischen Konzeptbestandteile zeichnet flexible Hilfeformen aus. Allerdings wird nach einem Zeitraum von einem Jahr dieses Grundkonzept von den MitarbeiterInnen noch nicht als konsolidiert betrachtet. Aus Sicht der MitarbeiterInnen ist dieses flexible Konzept aber ein erfolgversprechender Weg, um die Anpassung der bestehenden Strukturen der Jugendhilfe an den aktuellen und zukünftigen Bedarf zu leisten. Nicht zuletzt ist es das Engagement und die Bereitschaft der beteiligten MitarbeiterInnen zur Weiterentwicklung der eigenen Arbeitsstelle gewesen, die den Aufbau des Förderzentrums Kleingartach ermöglicht hat. Literatur Adler, H. (1998). Fallanalyse beim Hilfeplan nach § 36 KJHG. Frankfurt am Main: Peter Lang. Baldewein, I. (1997). Wege zu flexiblen Leistungsstrukturen in der Jugendhilfe. In Landeswohlfahrtsverband Württemberg-Hohenzollern - Landesjugendamt (Hrsg.). Wege zu flexiblen Leistungsstrukturen in der Jugendhilfe - Ein Tagungsbericht (21-28). Stuttgart: Eigenverlag des Landeswohlfahrtsverbands Württemberg-Hohenzollern - Landesjugendamt. Emminghaus, W. B. & Kuhnle, W. (1979). Praxisanleitung Verhaltensmodifikation. Ein praxisbegleitendes Fortbildungsprogramm für Erzieher. Tübingen: Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie. Feest, Ch. (1996). Flexible Systeme der Hilfen zur Erziehung. Innovations- und Implementationsprobleme flexibler Systeme in der Jugendhilfe. Jugendhilfe 34 (2), 101-108. Holzwarth, T. (1997). Das Förderzentrum Kleingartach. Eine neue Organisationsform im Rahmen der Hilfen zur Erziehung. Bestandsaufnahme und konzeptionelle Überlegungen. Stuttgart: Berufsakademie Stuttgart, Ausbildungsbereich Sozialwesen, unveröffentlichte Diplomarbeit. Klatetzki, T. (1995). Eine kurze Einführung in die Diskussion über flexible Erziehungshilfen. In Klatetzki, T. (Hrsg.). Flexible Erziehungshilfen. Ein Organisationskonzept in der Diskussion (5-12). Münster: Votum. Klatetzki, T. (1993). Flexibel organisierte Erziehungshilfen. Materialien zur Heimerziehung, 22 (3), 15-17. Mertens, G. (1997). Flexible Leistungen der Jugendhilfe. In Landeswohlfahrtsverband Württemberg-Hohenzollern - Landesjugendamt (Hrsg.). Wege zu flexiblen Leistungsstrukturen in der Jugendhilfe - Ein Tagungsbericht (6-13). Stuttgart: Eigenverlag des Landeswohlfahrtsverbands Württemberg-Hohenzollern - Landesjugendamt. Müller, H. (1997). Hilfeplanung - eine Herausforderung für die Jugendhilfe. Evangelische Jugendhilfe, 74, 198-200. Peters, F. & Wolff, M. (1997). Handeln in (über-)komplexen Situationen - Zur Professionalität in integrierten, flexiblen Hilfen. Forum Erziehungshilfen, 3 (3), 116-120. Piechocki, R. (1997). Flexible Hilfeangebote im Lebensfeld bewirken einen Wandel im Anforderungsprofil der pädagogischen MitarbeiterInnen. DiakonieDiA, 1/97, 3-5. Rose, B. (1995). Flexibel organisierte Erziehungshilfen. Ein Konzept und seine Risiken. Oder: Vom Lob des Patchworking. In Klatetzki, T. (Hrsg.). Flexible Erziehungshilfen. Ein Organisationskonzept in der Diskussion (26-36). Münster: Votum. Schöpflin, E. (1997). Flexible Erziehungshilfe - Innerorganisatorische Konsequenzen. DiakonieDiA, 1/97, 5-6. Winter, H. & Klatetzki, T. (1988). Flexible Betreuung. In Rößler, J. & Tüllmann, M. (Hrsg.), Zwischen Familienprinzip, Professionalität und Organisation. Erziehung im Rauhen Haus (49-65). Hamburg: Eigenverlag der Erziehungsabteilung des Rauhen Hauses, 3. Auflage. Winter, H. (1993). Jugendhilfestationen. Konzeptionelle Grundgedanken und erste praktische Erfahrungen. Materialien zur Heimerziehung, 22 (3), 2-4. Ziegler, M. (1997). Wie Qualität managen? Organisationspsychologische Ansätze aus einem Non-Profit-Bereich. ABOaktuell, 4, 9-14. Autor Dr. phil. Helmut K. Adler, Dipl.-Psych./Soziologe (M.A.) Arbeitsschwerpunkte:
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