SGB VIII - Online-Handbuch

herausgegeben von Ingeborg Becker-Textor und Martin R. Textor

Startseite
Was leisten Fanprojekte?

Gunter A. Pilz

 

"Das Fußballfanprojekt Hannover ist eine unendliche Erfolgsgeschichte" (Der hannoversche Polizeipräsident Klosa anlässlich einer Podiumsdiskussion zur 100 Jahrfeier von Hannover 96).

"Nachdem noch bis zur Saison 1995/96 zwei Drittel aller von polizeilichen Maßnahmen Betroffenen im Alter von 18 bis 25 Jahren waren, sank deren Anteil stetig bis auf 50 Prozent in der Saison 1997/98. Dies ist ein Indiz dafür, dass es gelungen ist, den Zulauf zu gewaltbereiten Gruppen zu verringern. Es war ein wesentliches Ziel der Fanprojekte, ein Abgleiten Jugendlicher in das Umfeld von Gewalttätern zu verhindern. Das ist uns ganz offensichtlich gelungen" (Der nordrhein-westfälische Innenminister Behrens in einer Presse-Information vom 18.01.2000).

 

Die Frage, "was leisten Fan-Projekte?" lässt sich, wenn wir diesen Aussagen Glauben schenken, einfach und eindeutig beantworten: Hervorragende, erfolgreiche gewaltpräventive Arbeit.

So einfach will und kann ich es mir jedoch nicht machen. Zum Einen, weil so viel überschwänglicher Lob misstrauisch macht, zum anderen, weil natürlich auch in der Fanprojektarbeit längst nicht alles Gold ist was glänzt (siehe Bliesener/ Fischer/ Lösel/ Pabst: Forschungsprojekt "Hooliganismus in Deutschland: Ursachen, Entwicklung, Prävention und Intervention" Erlangen 2000) - zu verschieden sind und arbeiten die einzelnen Fan-Projekte. Eine verallgemeinernde, allgemeingültige Aussage, wie sie sich durch die Frage "was leisten Fanprojekte?" aufdrängt, ist nicht möglich und würde der Heterogenität der Fan-Projekte, deren Problemkonstellationen und Arbeitsbedingungen nicht gerecht werden.

Andererseits kann in dem zur Verfügung stehenden Umfang auch nicht annähernd der Versuch unternommen werden, diesen unterschiedlichen Problemkonstellationen und Arbeitsbedingungen gerecht zu werden. Ich möchte deshalb das Thema auf der Folie folgender Fragestellungen beantworten:

  • "Was sollen Fan-Projekte leisten?" Hier geht es um die Anforderungen und Erwartungen die - in erster Linie natürlich durch das Nationale Konzept Sport und Sicherheit - von außen an die Fan-Projekte herangetragen werden.
  • "Was können Fan-Projekte leisten?". Hier wird ungeachtet der Qualitätsunterschiede einzelner Fan-Projekte aufgezeigt, was aufgrund des bisherigen Erfahrungs- und Erkenntnisstandes Fan-Projekte leisten, so sie entsprechend personell ausgestattet sind, entsprechende Arbeitsbedingungen und funktionierende Netzwerke, wie auch entsprechend engagierte Sozialpädagogen/-innen haben. Es geht aber auch um ein kritische Reflektion mit der eigenen Praxis, das Aufzeigen von Defiziten und Problemfeldern.
  • "Was können Fan-Projekte nicht leisten?" Hier geht es um eine klare Grenzziehung gegenüber übersteigerten Erwartungen von außen, aber auch selbstkritische Auseinandersetzung mit eigenen Erwartungen
  • Welche Schwerpunkte/Perspektiven ergeben sich für die Arbeit der Fan-Projekte in den kommenden Jahren? Hier werden auf der Folie der Problemkonstellationen und Defizite Schwerpunkte und Perspektiven der künftigen Fan-Projektarbeit aufgezeigt.

Die Beantwortung dieser Fragen erfolgt in Form einer kritischen Bestandsaufnahme von nunmehr 18 Jahre Fan-Projektarbeit. Erlauben Sie mir dabei auch ein wenig quer zu denken, ein paar provokante Fragen zu stellen und Forderungen zu formulieren, nicht um die Fan-Projekt-Arbeit in Frage zu stellen, sondern um sie für die Herausforderungen der Zukunft zu wappnen.

Wer sich über die Zukunft der Fan-Projekte Gedanken machen und deren heutige Arbeit würdigen will, der muss - dies hat uns Norbert Elias gelehrt - auch einen Blick in die Entstehungsgeschichte der Fan-Projekte werfen. Ich möchte deshalb mit einem kleinen Exkurs in die Entstehungsgeschichte und Anfänge der Fanprojekte beginnen.

Zur Entstehungsgeschichte der Fan-Projekte

1982 wurde das vom Bundesministerium des Innern im Jahr 1979 in Auftrag gegebene Gutachten "Sport und Gewalt" veröffentlicht. In diesem Gutachten wurde unter dem Punkt "Fans- und Fanclubs" erstmals ein zielgruppenorientierter Einsatz von Sozialarbeitern in der Fanszene gefordert: Ich zitiere: "Wenn die Lösung der vielfältigen Probleme der Fans auch zur Reduktion von Gewalthandlungen führt, dann ist ein zielgruppenorientierter Einsatz von Sozialarbeitern und -pädagogen erforderlich. Dieser Einsatz könnte dazu beitragen, dass die Jugendlichen in ihrer Freizeit, insbesondere das Bedürfnis nach Erlebnis, Aktivität, Spannung, eigener Wirksamkeit sozial angemessen (gegebenenfalls auch in anderen Feldern) realisieren, alternative Interessen aufbauen, Vorurteile abbauen u.a." (Pilz u.a. 1982, S. 20). In der Folge dieses Gutachtens entstanden die ersten Fanprojekte in Bremen, Hamburg, Hannover, Frankfurt und Berlin. Dabei mussten die Initiatoren dieser Projekte sehr schnell erfahren, dass es nicht die Probleme der Jugendlichen selbst waren, die ernstgenommen und bearbeitet werden sollten. Erst folgenschwere Ereignisse (mit der entsprechenden Medienaufmerksamkeit - einen entscheidenden Entwicklungsschub gaben die 39 Tote während der gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen britischen und italienischen Fußballfans anlässlich des Europacup-Endspiels 1985 zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool in Brüssel) führten zu Diskussionen über adäquate Maßnahmen und lösten hektische Betriebsamkeit aus. Dies hatte Konsequenzen für die Erwartungen der fördernden Institutionen an die Projektarbeit:

  • Es ging zumindest nicht primär nicht darum, den Jugendlichen tatsächlich zu helfen, sondern darum, die Probleme mit den Jugendlichen aus dem Medieninteresse herauszubekommen.
  • Konsequenterweise wurden auch eher solche Aktivitäten als Erfolg verbucht und entsprechend unterstützt, die das Engagement der Institutionen betonten und öffentliche Aufmerksamkeit auf positiv eingeschätzte Aktionen umlenkten. Die Problembearbeitung selbst tastet immer auch das gesellschaftliche Selbstverständnis an und wurde daher eher misstrauisch beäugt.

Vor allem der DFB und die Vereine zeichneten sich in der Anfangsphase der Fanprojekte durch eine große Distanz, starke Abwehrhaltung, ja z.T. sogar feindselige Einstellung gegenüber den Fanprojekten aus. Einhelliger Tenor: Fans die Randale machten gehörten nicht zum Fußball, das seien Chaoten, die auf dem Fußballplatz nichts zu suchen hätten; es handele sich hier nicht um ein Problem des Fußballs, sondern um ein Problem der Gesellschaft, dessen sich deshalb auch die Gesellschaft anzunehmen habe. Nicht zuletzt aufgrund des unermüdlichen Einsatzes und - dies sei nicht verschwiegen - diplomatischerer Vorgehensweisen und Argumentationen der Fan-Projekte, deren beharrlichem Einklagen der Übernahme von Verantwortlichkeiten sowohl seitens der politischen als auch der sportlichen Institutionen, hat sich vieles zum Besseren gewendet. Die Fan-Projekte und ihre Arbeit wurden mehr und mehr in der Öffentlichkeit aber auch von den Vereinen und dem DFB anerkannt. Ein Prozess, der mit der Verabschiedung des "Nationalen Konzeptes Sport und Sicherheit" im Jahre 1993 zur festen Einbindung der Fanprojekte in ein Sicherheitsgesamtpaket führte, in dem Bund, Länder, Kommunen, der DFB und seine Vereine sich zu ihrer Verantwortung bezüglich der Bekämpfung des Hooliganproblems, der Gewaltprävention im Umfeld großer Fußballspiele bekannt haben. Das im Nationalen Konzept Sport und Sicherheit entwickelte System aufeinander abgestimmter präventiver wie repressiver Maßnahmen ist seit nunmehr sieben Jahren fester und verbindlicher Bestandteil der Arbeit der Polizei, der Ordnungskräfte der Vereine, der Sicherheitsbestimmungen der Kommunen und der Arbeit der Fanprojekte. Dabei ruht das Nationale Konzept Sport und Sicherheit - und dies kann angesichts der aktuellen Diskussionen und Maßnahmen zur Verhinderung von gewalttätigen Ausschreitungen während der EURO 2000 in den Niederlanden und Belgien nicht deutlich genug hervorgehoben werden - auf zwei gleichberechtigten Säulen, den ordnungspolitischen und den sozialpädagogischen Maßnahmen und Aufgabenfeldern. Dies in der Erkenntnis, dass repressive Maßnahmen ohne flankierende präventive Maßnahmen genauso wenig von Erfolg gekrönt sein werden wie umgekehrt.

Nationales Konzept Sport und Sicherheit: Konzeption zur Einrichtung von Fanprojekten: "Was sollen Fan-Projekte leisten?"

Die Fanprojekte sollen - so das Nationale Konzept Sport und Sicherheit - bundesweit, möglichst flächendeckend eingerichtet werden, d.h. in allen Städten mit Fußballvereinen der 1. Bundesliga. In Städten mit Vereinen anderer Ligen sollen Fanprojekte eingerichtet werden, wenn regelmäßig eine größere Anzahl gewaltsuchender oder gewaltgeneigter Anhänger des örtlichen Vereins bei Ausschreitungen auffällig werden. Erfreulich ist, dass die mit der neuen Saison startenden beiden 3. Ligen in das Nationale Konzept Sport und Sicherheit eingebunden wurden und sich der DFB auf seiner Präsidiumssitzung vom 28.04. ausdrücklich zu seinem Teil der finanziellen Absicherung der Fan-Projekte in den beiden Regionalligen bekannt hat.

Folgende Ziele soll die Fanprojektarbeit dabei verfolgen:

  • Eindämmung von Gewalt; Arbeit im Präventivbereich, z.B. Hinführung zu gewaltfreier Konfliktlösung im Rahmen von Selbstregulierungsmechanismen mit der Perspektive Gewaltminderung;
  • Abbau extremistischer Orientierungen (Vorurteile, Feindbilder, Ausländerfeindlichkeit) sowie delinquenter oder Delinquenz begünstigender Verhaltensweisen.
  • Steigerung von Selbstwertgefühl und Verhaltenssicherheit bei jugendlichen Fußballanhängern; Stabilisierung von Gleichaltrigengruppen;
  • Schaffung eines Klimas, in dem gesellschaftliche Institutionen zu mehr Engagement für Jugendliche bewegt werden können
  • Rückbindung jugendlicher Fußballanhänger an ihre Vereine.

Dies alles erfordert u.a.:

  • die Teilnahme an der Lebenswelt der Fußballanhänger, z.B. durch
    • Begleitung zu Heim- und Auswärtsspielen,
    • Besuche an Treffpunkten,
    • sonstige Maßnahmen im Rahmen von Streetwork,
    • Förderung regelmäßiger Beziehungen zu dem betreffenden Verein;
  • Organisation von Jugendbegegnungen;
  • Bildungsarbeit; in Frage kommen z.B.
    • fanspezifische Bildungsmaßnahmen bzw. -urlaube
    • Durchführung von Seminaren und Gesprächsreihen zwischen Jugendlichen und so genannten "Erwachseneninstitutionen, wie z.B. Polizei, sonstige Behörden, Medien
  • kulturpädagogische Arbeit (z.B. Aufbrechen von fremdenfeindlichen Gesinnungen, Anregung von Diskursen über Sinn- und Wertfragen z.B. Entwicklung des Profifußballsports)
  • Gewährung anlassbezogener Hilfe; in Frage kommt z.B. Zusammenarbeit mit Beratungseinrichtungen,
  • Schaffung von Freizeitangeboten wie z.B.
    • Sporttreffs,
    • Arbeitslosentreffs,
    • Diskussionsveranstaltungen,
    • Filmprogramme,
    • Interessenspezifische Arbeitsgruppen (z.B. Video-, Koch- und Fotogruppen)
    • Fanzeitungs-Workshops.
    • Durchführung sonstiger sport-, erlebnis- und freizeitpädagogischer Maßnahmen (z.B. Fußballturniere)
  • Unterstützung von Fußballfanhängern bei der Selbstorganisation, z.B. bei
    • Gründung eines Vereins/Clubs,
    • Organisation von Fahrten zu Auswärtsspielen,
    • Herausgabe eigener Zeitschriften
  • Aufbereitung und Dokumentation regionaler und lokaler Entwicklungen in den unterschiedlichen jugendlichen Subkulturen (z.B. Skinheads, Hooligans)
  • Öffentlichkeitsarbeit z. B. durch
    • Information der Medien
    • Darstellung der Fanprojekt-Arbeit in Schulen, Sportvereinen und -verbänden sowie sonstigen Institutionen im Rahmen von Vorträgen
    • Teilnahme an der "Arbeit des Regionalausschusses Sport und Sicherheit".

Ein in der Tat sehr umfangreicher Aufgabenkatalog, der auch an die Qualifikation der Mitarbeiter/-innen der Fan-Projekte einen hohen Anspruch formuliert. So werden für diese Stellen zu Recht Absolvent/-innen der Studiengänge Diplom- oder Sozialpädagogik bzw. (Sport-)Lehrer/-innen gefordert, die auch über Kenntnisse und Erfahrungen aus dem Sportbereich (Jugendbetreuer, Trainer o.ä.) verfügen und von denen mindestens zwei im Bereich Jugend-/Sozialarbeit berufserfahren sein sollten. Dabei sei an dieser Stelle auch der Hinweis erlaubt, dass ein Teil der hier formulierten und geforderten Aufgabenbereiche meines Erachtens nicht den Fan-Projekten zugeordnet werden sollte, sondern zum direkten fanbetreuerischen Aufgabenbereich der Vereine gehört, wie z.B. Sporttreffs, Unterstützung von Fußballfans bei der Selbstorganisation, wie. z.B. Organisation von Fahrten zu Auswärtsspielen.

Was leisten Fanprojekte?

In vielen Projekten sind die Sozialarbeiter/-innen für die Fans zu wichtigen, anerkannten Gesprächspartnern geworden, mit denen man nicht nur gut reden kann, sondern denen auch die Kompetenz zugesprochen wird, bei Problemen und bestimmten Fragen zu helfen. Die überwiegende Mehrzahl der Fans, auch ein nicht unbeträchtlicher Teil der Hooligans akzeptiert die Fan-Projekt-Mitarbeiter/-innen, hat zu ihnen Vertrauen. Dabei sind für viele für ihr Verhältnis zu den Sozialarbeitern vor allem persönliche Beziehungen auf Vertrauensbasis bestimmend sind. Einzelfallhilfe, sowohl bezüglich Schuldnerberatung, als auch bei Problemen in der Familie, Schule, am Arbeitsplatz oder mit der Polizei/Justiz ist eine zeitintensive, aber auch sehr wichtige, vertrauensweckende Aufgabe geworden. Die unterschiedlichen Informationen der Fan-Projekte, Fan-Projektzines haben sich als ein wichtiges Bindeglied zwischen Fan-Projekt und Fans herausgebildet, in der nicht nur über Aktivitäten des Fan-Projektes berichtet wird, sondern die auch intensiv für den Transport von durchaus auch pädagogischen Anliegen (im Sinne der 'kulturellen Animation') sowohl von den Fans selbst, als auch von den Mitarbeiter/-innen des Fan-Projektes genutzt werden. Die Fan-Projekt-Mitarbeiter/-innen sind zu wichtigen Gesprächspartnern und Ratgebern für Politik, Polizei, internationale wie nationale Verbände, für Vereine und Kommunen, wie für die Medien geworden, deren Sach- und Fachkompetenz mittlerweile unbestritten ist. In wie weit die Eindämmung der Gewalt, der Abbau extremistischer Orientierungen gelungen ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Wir können zwar davon ausgehen - dies belegen auch die Zitate zu Beginn dieses Beitrages - dass die Fußballfan- und Hooliganszene im nationalen Bereich vornehmlich bei Bundesligaspielen zunehmend befriedet wurde, dies ist jedoch allein den Fan-Projekten und deren Arbeit zuschreiben zu wollen, wäre vermessen und hieße eine wichtige Säule des Nationalen Konzeptes Sport und Sicherheit, die ordnungspolitische, zu ignorieren. Ich denke es ist in der Tat das - wenn auch nicht immer konfliktfreie, aber sich stetig verbessernde - Zusammenspiel zwischen Prävention und Repression, das zu diesen Erfolgen geführt hat. Auf der anderen Seite beobachten wir in den letzten Jahren - analog gesamtgesellschaftlicher Entwicklungstrends eine Zunahme rechtsextremistischer Orientierungen im Fußballfanumfeld, vor allem im Umfeld der Ultra-Szene, trotz engagierter Bemühungen der Fanprojekte im Sinne des Abbaus extremistischer Orientierungen. Hier werden auch die Grenzen sozialpädagogischer Intervention deutlich, wenn sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen junger Menschen verschlechtern. Handelt es sich bei den zunehmenden ausländerfeindlichen, rechtsradikalen Verhaltensmustern in der Fan- und Ultraszene doch überwiegend um Antworten auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen und Problemfelder, die von den Fan-Projekten kaum bzw. gar nicht beeinflussbar sind. Was gelungen ist, ist die Steigerung von Selbstwertgefühl und Verhaltenssicherheit bei jugendlichen Fußballanhängern, die Stabilisierung von Gleichaltrigengruppen durch engagiertes Eintreten für deren Bedürfnisse (z.B. auch Erhalt von Stehplatzbereichen in den Stadien). Die wachsende gesellschaftliche Anerkennung der Arbeit der Fan-Projekte hat auch vermehrt zu einem Klima geführt, das gesellschaftliche Institutionen zu mehr Engagement für Jugendliche bewegt. Die Rückbindung der jugendlichen Fußballanhänger an ihre Vereine ist überall dort gelungen, wo sich nicht nur die Fan-Projekt-Mitarbeiter/-innen intensiv darum bemühten, sondern auch die Vereine selbst sich verstärkt um ihre Fans und deren Interessen und Bedürfnisse bemühten. Dennoch gibt es natürlich auch Defizite, Schwachstellen- und Problembereiche, die es gezielt anzugehen gilt, gibt es Fan-Projekte, die besser und Fan-Projekte die weniger gut arbeiten, ja vielleicht auch das eine oder andere, das nur peripher, wenn überhaupt, den im Nationalen Konzept Sport und Sicherheit formulierten Anforderungen gerecht zu werden vermag. In dem Abschlußbericht des Forschungsprojektes "Hooliganismus in Deutschland: Ursachen, Entwicklung, Prävention und Intervention" der Forschergruppe um den Erlanger Psychologen und Gewaltforscher Friedrich Lösel (Bliesener/ Fischer/ Lösel/ Pabst 2000) werden diese Schwachstellen auch zu Recht offengelegt. Hier ist u.a. die Koordinationsstelle der Fan-Projekte im Sinne der Qualitätskontrolle und -entwicklung gefordert. Der Erfolg der Arbeit kann nicht allein an Hand der Zahl der existierenden und neu gegründeten Fan-Projekte gemessen werden, sondern muss auch die Qualität der Arbeit der Fan-Projekte berücksichtigen. Die Schlussfolgerungen, die die Erlanger Forschergruppe allerdings aus der Erkenntnis heraus zieht, dass manche Sozialarbeiter wenig mit Fußball am Hut haben, "dem Fußball z.T. distanziert gegenüberstünden", "nur selten die Sprache der Fans sprächen" und "somit nur schwer Kontakt zur Fan- aber auch zur Hooliganszene fänden" halte ich nicht nur sehr falsch, sondern für unverständlich und höchst gefährlich. Projekte wie "Fans für Fans" (verstärkte Integration von Fans und ehemaligen Hooligans in die sozialtherapeutisch ausgerichtete Arbeit von Fan-Projekten) und die Aufgabe der sozialpädagogischen Ausrichtung von Fan-Projekten als Voraussetzung für die Mittelvergabe aus der Drittmittelfinanzierung zu fordern hieße doch mangelnde Professionalität von einzelnen Sozialarbeiter/-innen durch die Aufgabe der Forderung nach qualifizierten Mitarbeitern zu beantworten, hieße den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben. Hier kann es doch nur darum gehen durch ein beharrliches Einfordern dieser Professionalität, durch Evaluation der Fan-Projektarbeit, wie sie im Nationalen Konzept in Form der wissenschaftlichen Begleitung, des Beirates und der Kooperation mit dem örtlichen Ausschuss Sport und Sicherheit ja auch vorgesehen ist, durch Qualitätskontrolle und -sicherung der Fan-Projektarbeit die beschriebenen Defizite zu beheben. Die im Nationalen Konzept Sport und Sicherheit zu Recht geforderten hohen berufsfeldspezifischen Anforderungen, der dort formulierte hohe Anspruch an die (sozial-) pädagogische und sportliche Qualifikation der Fanprojekt-Mitarbeiter/-innen dürfen nicht aufgeweicht werden, sondern müssen im Gegenteil verstärkt eingefordert und durch die Auswahl geeigneten Personals und ständige Evaluation der Arbeit sichergestellt werden.

Damit soll keineswegs das Konzept "Fans für Fans" in Frage gestellt werden. Im Gegenteil es scheint mir ein wichtiges Bindeglied zwischen den Fan-Projekten und den Fan-Beauftragten der Vereine zu sein. Es ist jedoch im direkten Aufgabenbereich der Vereine anzusiedeln, wie er im § 29 der Richtlinien zur Verbesserung der Sicherheit bei Bundesspielen seitens des DFB formuliert wird. Ich komme darauf noch zurück.

Was können Fan-Projekte nicht leisten?

Eine heikle und kontrovers geführte Diskussion ist die Frage, wie wichtig es ist, dass Fanpädagogen unmittelbar mit Hooligans arbeiten. Die Meinungen hierzu sind und waren einem steten Wandel unterzogen und entsprechend hat die Fan-Projektarbeit immer wieder Paradigmenwechsel erfahren. Anfangs hat die Neigung von Politikern, Medienvertretern, der Öffentlichkeit generell, die Sinnhaftigkeit und den Erfolg der Fan-Projekt-Arbeit auf die Frage der Erreichbarkeit und Therapierung der Hooligans zu reduzieren, dazu geführt, dass die Hooliganarbeit in den Vordergrund gestellt, Arbeit mit den traditionellen Fan-Clubs, der Kuttenszene von den Fan-Projekten hingegen vernachlässigt wurde. Im Laufe der Zeit wurde die Notwendigkeit einer Akzentverschiebung und eines Paradigmenwechsels erkannt und auch konsequent verfolgt. Nach wie vor gilt zwar, dass keine Jugendlichen ausgegrenzt werden dürfen, auch nicht die schlagzeilenträchtigen Hooligans (siehe Scheidle 2000 a, b) aber sie können nicht den Schwerpunkt der Arbeit ausmachen. Nach Lens ist die Frage nach den Kontakten zu und der Beeinflussbarkeit (Therapierbarkeit) von Hooligans wieder neu entbrannt und der Druck auf die Fan-Projektmitarbeiter-/-innen sich wieder verstärkt den Hooligans zu widmen, stärker geworden. Dabei hat die Distanziertheit gegenüber der Hooliganszene gute Gründe. Sozialarbeiter/-innen laufen Gefahr, wenn sie Hooligans auf deren Gewalttouren begleiten, von diesen 'instrumentalisiert' zu werden, quasi 'logistische Hilfestellung' bei deren Gewalttouren zu leisten, bzw. nur noch dafür da zu sein, die Folgen des Gewalthandelns der Hooligans in Form von Schadensbegrenzung möglichst gering zu halten. Hier gilt es entsprechend besonders behutsam und bedacht vorzugehen, genau abzuwägen. Dies um so mehr als sich alle Gewalttäter und gewaltbereiten Jugendlichen dadurch auszeichnen, dass sie bezüglich ihrer Gewalttaten keine Schuldgefühle zu haben pflegen. Hier klare Grenzen zu setzen, ist auch Aufgabe einer akzeptierenden Sozialarbeit (siehe Deiters/ Pilz 1998). Andererseits muss es aber auch Ziel einer dosierten Begleitung der gewaltgeneigten Fans sein zu verhindern, dass diese Jugendlichen kriminalisiert werden, ohne dabei die "Neutralisierungstechniken" und "Entschuldigungsversuche" der jungen Gewalttäter zu tolerieren. Die Jugendlichen müssen gerade von den Sozialarbeitern immer wieder erfahren und begreifen lernen, dass das, was sie tun Unrecht ist, und dass sie auch bereit sein müssen, die Konsequenzen dafür zu tragen. Akzeptierende Jugendarbeit, die nicht zur "Pädagogik der Folgenlosigkeit oder Verharmlosung, ja vielleicht sogar stillschweigenden Tolerierung jugendlichen Gewalthandelns" degenerieren will, muss also - und ich wiederhole mich hier gern - die Neutralisierungs- und Entschuldigungstechniken junger Menschen - z.B. Verharmlosung der eigenen Handlungen, Rückführung der Gewalthandlungen auf übermäßigen Alkoholkonsum aber auch das Negieren der eigenen Fremdenfeindlichkeit, der Verweis auf gruppendynamische Zwänge, Konformitätsdruck, auf die gesamtgesellschaftlichen (Miss-) Verhältnisse, auf vorangegangene Provokationen, Belästigungen oder körperliche Gewalthandlungen der anderen - sehr ernst nehmen und durch entsprechende Bearbeitungen gezielt aufbrechen. Sie muss aber auch die eigenen sozialpädagogischen Maßnahmen immer wieder kritisch danach hinterfragen, ob sie der Verfestigung von Neutralisierungstechniken und Entschuldigungsversuchen Vorschub leistet, bzw. zum Mangel an Schuldgefühlen bei Gewalttaten und Fremdenfeindlichkeit ihrer Klientel beiträgt.

Bei aller Euphorie bezüglich der Chancen und Möglichkeiten der Jugend(sozial)arbeit - ich habe bereits darauf hingewiesen - darf aber auch nicht vergessen werden, dass solange die strukturellen Bedingungen gewaltförmigen, auffälligen Verhaltens Jugendlicher nicht beseitigt werden, pädagogische und sozialarbeiterische Konzepte nur bedingt greifen. Um es einmal salopp zu formulieren: Weder der Polizeiknüppel, noch die Sozialarbeit vermögen die auffälligen Verhaltensmuster junger Menschen, die Gewaltbereitschaft und -akzeptanz, nachhaltig eindämmen bzw. bekämpfen, solange auf der Ebene struktureller Maßnahmen keine entscheidenden Verbesserungen vorgenommen werden. Solange muss die Gesellschaft - und dies mag vielen sehr weh tun - für diese auffälligen Formen jugendlicher Identitätssuche bis zu einem gewissen Grad Toleranz aufbringen. Jugendsozialarbeit kann keine strukturbedingten Konflikte lösen. Sie kann lediglich in 'sozialhygienischer' Absicht vorhandene Bedürfnisse befriedigen und auffällige Verhaltensweisen verarbeiten.

So hat der niedersächsische Landtag in seiner 103. Sitzung am 22.01.1998 in seiner Entschließung zur Verstärkung von Präventions- und Interventionsmaßnahmen gegen Jugendkriminalität u.a. festgestellt: "Die gesellschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik ist in zunehmendem Maße gekennzeichnet von Ausgrenzung und Vereinzelung. Der objektiv vorhandene gesellschaftliche Reichtum steht für immer mehr Menschen im krassen Gegensatz zu ihren persönlichen Chancen auf Teilhabe und Teilnahme. Insbesondere die steigende Massenarbeitslosigkeit, eine zunehmende und dauerhafte Abhängigkeit von Familien von der Sozialhilfe und die Auflösung der sozialen Sicherungssysteme sind Ursachen dieser Entwicklung. Gleichzeitig wird das Gemeinwesen durch die "Kriminalität der Mächtigen" (Steuerhinterziehung u.a.) immer stärker bedroht.

Diese Entsolidarisierung bedroht vor allem die Zukunftsperspektiven von Kindern und Jugendlichen. Konnten in den vergangenen Jahrzehnten die persönlichen Lebensperspektiven stark durch die persönliche Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit bestimmt werden, erleben Kinder und Jugendliche heute vielfach das Gegenteil. Die Angst vor Ausbildung- und Arbeitslosigkeit und damit vor der Ausgrenzung aus den materiellen Möglichkeiten in Deutschland ist zur prägenden Generationserfahrung geworden.

Kinder und Jugendliche reagieren auf dieser Alltagserfahrung zum Teil durch abweichendes Verhalten. Kriminalität, Gewaltbereitschaft oder Drogenkonsum sind dabei Folge, nicht Ursache der gesellschaftlichen Schwierigkeiten. Nicht Kinder und Jugendliche machen Probleme. sondern die Welt der Erwachsenen schafft die Probleme. Wachsender Jugendkriminalität (...) ist deshalb ein Problem des Kerns unserer Gesellschaft und nicht der Ränder. ... So brauchen wir z.B. nicht vorrangig neue Gesetze, sondern eine konsequentere Praxis!"

Für die von vielen geforderte Präventivarbeit heißt dies, dass auch - vielleicht sogar vor allem? - Aufklärung über Ursachen und Bedingungen auffälligen Verhaltens Jugendlicher; sich stark machen für strukturelle Änderungen, für humanere Lebensbedingungen; Auseinandersetzung mit den politischen Entscheidungsgremien, mit den verantwortlichen gesellschaftlichen Institutionen, mit den staatlichen Repressionsinstanzen, den Verbänden und Vereinen, den sozialarbeiterischen Alltag bestimmen müssen. Es gilt nicht nur sich um alternative Handlungs- und Einstellungsmuster bei der sozialpädagogischen Klientel zu bemühen, situative Konfliktregelungs- und -entschärfungsstrategien zu entwickeln und zu vermitteln. Es gilt auch und vor allem politisch zu handeln, den politischen Druck zur Veränderung des Status quo zu verstärken, die Probleme dorthin zurückzugeben, wo sie verursacht werden. Jugend(sozial)arbeit bedeutet so besehen in erster Linie auch Institutionenarbeit, politische Einflussnahme. Die Fan-Projekte haben dies in vielfältiger Weise immer wieder erfahren und auch erfolgreich praktiziert. Politik-, Institutionenberatung ist in der Tat ein wichtiges -und ich habe bereits darauf hingewiesen - durchaus erfolgreiches Betätigungsfeld vieler Fan-Projekte.

Jugendarbeit, Straßensozialarbeit, Fan-Projektarbeit können also, ja sie müssen einen Betrag zur strukturellen Änderung, zur Humanisierung der Lebensbedingungen Jugendlicher leisten, sie reichen aber bei weitem nicht aus. Sie müssen eingebettet sein in die steten Bemühungen um weiterreichende Änderungen der Lebenswelten Jugendlicher. Hier eröffnet sich ein weites, sehr fruchtbares Feld der Zusammenarbeit von Fan-Projekten, Verbänden, Vereinen aber auch der öffentlichen wie freien Anbieter der Jugend(sozial)arbeit.

Welche Schwerpunkte/Perspektiven ergeben sich für die Arbeit der Fan-Projekte in den kommenden Jahren? Was müssen Fan-Projekte leisten?

Auch die Arbeit in den Fan-Projekten wird sich künftig stärker mit der traditionellen Fan-Kultur und den Bedürfnissen der Jugendlichen in dieser Kultur auseinander setzen und entsprechende Angebote bereitstellen müssen, sie darf die Auflösungserscheinungen der traditionellen Fan-Kultur nicht nur beklagend hinnehmen, sondern muss aktiv dagegen angehen. Prävention kann und darf nicht nur als "Rand- und Problemgruppenarbeit" verstanden werden. Dies gilt vor allem für die sich in den letzten Jahren immer stärker und zwischen die Kuttenfan- und Hooliganszene drängende Ultra-Szene, die sich zum einen verstärkt der (Wieder-) Herstellung der traditionellen Stimmung und Atmosphäre im Stadion durch entsprechende Inszenierungen, Choreografien, "Schlacht"- und Stimmungsgesänge verschrieben hat, die zum anderen (zu einem nicht unbeträchtlichen Teil) auch von rechten, rechtsradikalen Gruppierungen durchsetzt, unterwandert ist, bzw. mit rechtsradikalen Gruppierungen und dem Ku Klux Klan durch Verwenden entsprechender Symbole sympathisiert. Hier wird es in Zukunft sehr entscheidend sein, wie weit es gelingt, den Ultras Räume zur (Selbst-)Inszenierung zu geben, zu belassen, das heißt den Teil der sich vorwiegend der Stimmungsmache und dem Herstellen einer fußballspezifischen Atmosphäre verschrieben hat zu stärken und damit gegen rechte, rechtsradikale Tendenzen und Unterwanderungs-/Vereinnahmungsversuche zu immunisieren. Dies ist um so wichtiger, als zu beobachten ist, dass die Inszenierungs- und Choreografiebedürfnissen der Ultras immer stärker mit ordnungspolitischen und sicherheitstechnischen Bestimmungen und Regelungen in den Stadionordnungen in Konflikt geraten (bengalische Feuer, Rauchbomben, Papierschnipsel, Konfetti u.ä.). Gelingt es nicht diese Kriminalisierungstendenzen zu stoppen. Den Ultras Räume für ihre Inszenierungen und Choreografien zu schaffen, droht die Ultraszene ins rechte und/oder gewaltbereite, gewaltfaszinierte Lager abzudriften.

Für die Arbeit der Fan-Projekte ergeben sich dabei folgende allgemeine Forderungen:

  • Fan-Arbeit darf nicht selbstzufrieden zur Routine-Arbeit werden, wenn eine scheinbar hinreichend große Zahl von Fans bestehende Angebote regelmäßig wahrnimmt. (Das Augenmerk muss auch denen gelten, die die Angebote nicht wahrnehmen, die bislang nicht erreicht wurden; die Tatsache, dass bestimmte Angebote wahrgenommen werden, darf nicht dazu führen, auf neue, andere Angebote zu verzichten)
  • Veränderungen in der Fan-Szene müssen auf ihre Hintergründe und Perspektiven befragt werden, Ausgrenzungs- oder Begrenzungsprozesse müssen in kritischer Arbeit erkannt und bewusst gemacht werden (siehe Ultras).
  • Fan-Arbeit muss eine kulturelle Isolierung vermeiden, muss versuchen, die kulturelle Eigenwelt der Fans durch Elemente der Erwachsenenwelt zu ergänzen; dies kann politisch- und kulturell-bildende Ziele verfolgen, muss aber genau so z.B. die Integration in den Verein anstreben. Falsche oder übertriebene Pädagogisierungen können hier allerdings auch das Gegenteil bewirken.
  • Im Hinblick auf die Mittlerfunktion der Projektarbeit sind die Arbeitsansätze gegenüber der Polizei und gegenüber den Verein fortzusetzen und weitere Verbesserungen im Interesse der Fans zu erreichen. Dies gilt vor allem seit Lens, wo Sozialarbeiter verstärkt unter Druck geraten sind, der Polizei gegenüber ihre Erkenntnisse offen zulegen und die bisher weit gehend akzeptierte Verschwiegenheit der Sozialarbeiter bezüglich deren Szenekenntnissen, in Frage gestellt wird. Das für die Kooperation, den Dialog mit der Polizei, unverzichtbare Prinzip der Akzeptanz der Verschwiegenheit gegenüber der Polizei und Solidarität mit den Jugendlichen (als Anwalt der jungen Menschen) muss hier neu diskutiert werden. Sozialarbeiter dürfen nicht zu "Handlangern der Polizeiarbeit" degradiert werden.
  • Präsenz während der Spiele, Organisation von Fan-Turnieren und offene Türarbeit dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass bezüglich der aufsuchenden Jugendarbeit, der lebensweltorientierten Jugendarbeit in den Stadtteilen, Orten der Fans noch Defizite bestehen. Fan-Arbeit kann und darf sich nicht auf das Stadion, das Fußballwochenende und den Fan-Laden, sowie Fan-Turniere, Fan-Liga beschränken. Dies um so mehr, als die Jugendlichen verstärkt ihre Action nicht mehr nur auf das Fußballwochenende beschränken, sondern auch unter der Woche in ihren Stadtteilen, Wohnorten aktiv sind, sich mit anderen Jugendkulturen vermischen oder gar gegen andere Jugendkulturen agieren, ja der Trend, weg von den gut bewachten Bundesligaspielen hin zu den regionalen Fußballspielen mit ihren traditionellen Lokalderbys, sich zu verstärken scheint.
  • Die Möglichkeiten politischer Einflussnahme gilt es in Zukunft noch stärker auszuloten, verstärkt zu nutzen.
  • Für die weitere Fan-Arbeit gilt es deshalb verstärkt die Karrieren der Fans zu verfolgen, die Schnittstelle zu ermitteln und zu analysieren, an der Jugendliche aus der Fanszene heraustreten und sich der Ultra- bzw. Hooliganszene anschließen, verstärkt auch Aktivitäten außerhalb des Fußballbereichs, in Schule, Stadtteil usw. einzubeziehen, gezielte lebensweltorientierte, stadtteil-, wohnortbezogene Sozialarbeit zu leisten, die Frage möglicher "Seiteneinsteiger" zu verfolgen.
  • Schließlich und endlich ist der Tatsache, dass - wie Dembowski (2000, 251) zu Recht schreibt - männliche Sexualität bei Fans, Ultras und Hooligans eine wichtige Rolle spielt, dass ausgeprägte Männlichkeitsvorstellungen und Mannhaftigkeitsnormen autoritäre Charakterstrukturen, Nationalismus, Rassismus, Gewalt und Sexismus im Fußballumfeld verstärken und der Fußball zum "Opium des Mannes" wird, verstärkt durch reflexive Jungenarbeit, geschlechtspezifische Arbeit (siehe u.a. Behn/ Heitmann/ Voß 1995; deutsche jugend, 1993, Heft 6; Schnack/ Neutzling 1991) mit Fußballfans, Ultras und Hooligans in die soziale Arbeit der Fan-Projekte zu integrieren, ein bislang stark vernachlässigter Bereich in der Fan-Projektarbeit.
  • Dabei geht es der reflexiven Jungenarbeit vor allem durch entsprechende Angebote und Thematisierungen die gewaltförmigen Durchsetzungs- und Selbstbehauptungsstrategien und Gewalt- und Männlichkeitsphantasien zu aufzubrechen.

Entsprechend sind die Funktionen und Bedeutungen der Zugehörigkeit zu gewaltfaszinierten, gewaltbereiten und fremdenfeindlichen Gruppen zu berücksichtigen. An diesen Funktionen und Bedeutungen müssen sozialpädagogische Maßnahmen ansetzen. Das heißt, sie müssen an den Bedeutungen der Solidaritätsangebote und -leistungen dieser Gruppen für die Jugendlichen ansetzen, müssen die Bedürfnisse nach Kommunikation, nach Schutz, nach Abgrenzung ernst nehmen und konstruktiv aufgreifen. In der Arbeit der Fanprojekte ist vor allem immer wieder die Bedeutung der Bedürfnisse der Fans nach sozialen Kontakten, nach dem Verbringen der Freizeit in der Gruppe und nach stimmungsvollen Erlebnissen deutlich geworden. Gerade bezüglich des Abbaus der Vereinzelung und Isolierung, die die Jugendlichen erleben, kommt der Fan-Projektarbeit somit eine wichtige Rolle zu. Dies gilt auch für die gesellschaftliche Anerkennung der Fans. So fordern denn auch die Fans vermehrt auch Angebote, die den Kern des Lebens der Jugendlichen als Fans betreffen: der Fan-Club als Raum und Gemeinschaft, als Bereich der Geborgenheit und das Bestreben aus der Vereinzelung, Begrenzung auf den eigenen Fan-Club und in der eigenen Stadt herauszukommen und sich einen größeren Kreis von Freunden, Gleichgesinnten in anderen Räumen zu schaffen und damit den eigenen Lebensraum zu erweitern. Die sozialpädagogischen Maßnahmen müssen dabei den jungen Menschen eindeutige Orientierungen liefern, ihnen helfen, ihre realen Lebensbedrohungen konstruktiv zu verarbeiten, ihnen Halt, Anerkennung, Zuneigung geben und vor allem ihre Bedürfnisse nach Abenteuer, Spannung, Risiko, nach 'Action' aufgreifen und ihnen Möglichkeiten eröffnen, sich selbst und ihren Körper intensiv zu erleben. Dabei wird es darum gehen müssen, stärker erlebnispädagogische Ansätze (sowohl im Sinne des Ernstnehmens des Bewegungsbedürfnisses, Spannungs- und Abenteuerbedürfnisses der Jugendlichen, als auch im Sinne von Beziehungsarbeit) zu erproben. Hier kommt der körper- und bewegungsbezogenen Jugendsozialarbeit eine große Bedeutung zu (siehe u.a. Kösterke/ Stöckle 1989; Pilz 1991, Pilz/ Peiffer 1998; Schulze-Krüdener 1999), der die Fan-Projekte wie die Sozialarbeit schlechthin künftig verstärkt gerecht werden müssen. Hier ist denn auch eine besonders enge Schnittstelle der Zusammenarbeit mit den Vereinen, den Übungsleitern und Fan-Betreuern der Vereine. Zu fordern sind entsprechend sportartenübergreifende freizeitsportliche Angebote, die sich an den Körperverständnissen der jungen Menschen, deren Bewegungsbedürfnissen orientieren, sei es als eigenständige Angebote, sei es in enger Kooperation mit den Fußballvereinen oder anderen Trägern der freien Jugendarbeit. Angebote wie der Mitternachtssport (Pilz/ Peiffer 1998), Fan-Turniere, Fußballfan-Liga im Sinne einer stärkeren Zusammenarbeit mit den Vereinen sind hier nicht nur wünschenswert, sondern auch dringend geboten.

Vernetzung der Stein der Weisen?!

Hiermit wird deutlich, dass ein zentrales Anliegen die Vernetzung der Fan-Projekt-Arbeit mit der kommunalen und verbandlichen Jugendarbeit sein muss. Es gilt nicht zuletzt im Interesse der Effektivierung der eigenen Arbeit aber auch und vor allem im Interesse der optimalen Nutzung der vorhandenen Ressourcen - sowohl bezüglich der vorhandenen Arbeitskräfte als auch der verfügbaren Finanzen - verstärkt auf eine Verzahnung der Aufgaben und Angebote mit den verschiedenen freien und öffentlichen Trägern, den betroffenen Ämtern und Behörden hinzuwirken. Dies um so mehr, als das Ernstnehmen des Ansatzes einer lebensweltorientierten Jugendsozialarbeit die örtliche Abstimmung aller Angebote und Zusammenarbeit aller in der Jugendarbeit Tätigen, erfordert.

Lassen Sie mich hier ein wenig verweilen: Vernetzung ist zum Schlagwort, ja Zauberwort avanciert, das wie der Stein der Weisen, die Probleme präventiver Jugendarbeit lösen soll. Präventionsräte auf lokaler, regionaler, überregionaler Ebene, runde Tische schießen wie Pilze aus dem Boden. Allein die Vernetzung scheint sich auf das Zusammensitzen, Zusammendiskutieren und Zusammenplanen zu beschränken. Als ob es auch so einfach wäre, die unterschiedlichsten Institutionen, in der Praxis arbeitenden Menschen, auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, eigene Eitelkeiten und Interessen in den Dienst der schnell ausgemachten gemeinsamen Sache zu stellen. Die strukturellen Bedingungen der Vernetzung, die unterschiedlichen, zum Teil divergierenden Erwartungshaltungen, Einstellungsmuster und rechtlichen Rahmenbedingungen der Vernetzungspartner (z.B. Strafverfolgungszwang der Polizei und Justiz), die Vernetzungsbedingungen, vor allem aber auch die Vernetzungsfolgen für die einzelnen Vernetzungspartner, werden viel zu wenig bedacht und reflektiert. Gerade die Fan-Projekte haben hier im Kontext der Zusammenarbeit mit der Polizei vielfältige, positive wie negative, belastende wie entlastende Erfahrungen gemacht. Dabei kann eine mittel- und langfristig angelegte präventive Jugendarbeit nur dann erfolgreich wirken, wenn die Vernetzungspartner gemeinsam an einem Strang ziehen, inhaltliche Interessen offengelegt, hierarchische, rechtliche Hindernisse und Hemmnisse erkannt und gemeinsam im Interesse der Sache konstruktiv gewendet werden (z.B. Sozialarbeiter als Anwalt der jungen Menschen, Polizist als Wahrer von Recht und Ordnung im Sinne des Legalitätsprinzips). Viele der gut gemeinten Maßnahmen in der offenen Jugendarbeit drohen gerade daran zu scheitern, dass sich die Projektpartner zu wenig Gedanken über tragfähige Vernetzungsbedingungen und Vernetzungsfolgen machen.

Wider die "Verprojektisierung" von Jugendproblemen

Lassen Sie mich noch ein paar kritische Anmerkungen zur projektorientierten Bearbeitung von gesellschaftlich definierten Jugendproblemen machen: So hilfreich und notwendig Fan-Projekte, wie auch jede Art von Projekten, die sich mit auffälligen Jugendlichen oder gesellschaftlich definierten Jugendproblemen befassen, auch sein mögen, die Gefahren einer "Verprojektisierung" von Jugendproblemen können und dürfen nicht übersehen und verschwiegen werden. Zum einen die Gefahr, dass sich die Projekte verselbstständigen, ein Eigenleben führen mit der Tendenz sich gegenüber anderen Projekten abzugrenzen und damit aber auch der Gefahr, sich und ihre Klientel zu isolieren, ja vielleicht sogar Problemgruppen erst zu stabilisieren. Zum anderen ist die dringend erforderliche stadtteil-, lebensweltorientierte Arbeit mit dem vorhandenen Mitarbeiterstab nur schwerlich zu leisten und die Zusammenarbeit mit den Streetworkern in den Stadtteilen und Wohnorten auf Projektebene, ohne Einbindung in die kommunale Jugendarbeit mit vielen Hindernissen behaftet. Die gesellschaftliche Bedingtheit auffälligen Verhaltens von Jugendlichen trägt schließlich vor allem bei den Projekten dazu bei, dass die (Sozial-)Pädagogen immer mehr in die unliebsame und vor allem unfruchtbare Rolle des Feuermannes gedrängt werden, zu retten, was noch zu retten ist, dass die Einrichtung von Projekten besonders seitens der Öffentlichkeit, der Medien und Politiker, sowie Finanzgeber dazu führt, die dass Projekte unter einem steten Legitimationsdruck stehen und deren Arbeit immer im Kontext der Beseitigung oder Verringerung des jeweils gesellschaftlich definierten Problems überwacht wird. So stellt sich mir auch die Frage, ob der Ruf der Polizei wie der Politiker nach bundesweiten Fan-Projekten - da die Polizei das Problem nicht lösen könne - die Fan-Projekt-Arbeit nicht auf das Problem der Gewaltverhinderung, zumindest Gewaltverringerung reduziert und damit die Fan-Projekte in unnötige, wie problematische Rechtfertigungszwänge bringt, an sie Forderungen heran trägt, die sie gar nicht erfüllen können und eine kontinuierliche, langfristig angelegte pädagogische Arbeit quasi verunmöglichen. Sozialpädagogik, Jugendarbeit als Reparaturwerkstatt gesellschaftlicher Versäumnisse und Unzulänglichkeiten, dies ist aber eine wenig befriedigende Vision.

Gehen wir davon aus, dass hinter den Problemen wie Gewalt, Ausländerfeindlichkeit, Drogen, Alkohol, Video-Szene, um nur einige Beispiele zu nennen, sich meist die gleichen Ursachenketten und oft auch die gleichen Jugendlichen verbergen, dann wird zusätzlich die Problematik der Verprojektisierung von Jugendproblemen oder aber die Notwendigkeit einer uneingeschränkten Vernetzung deutlich. So wird im 8. Jugendbericht der Bundesregierung zurecht gefordert, dass Aufgaben im Sinne umfassender Zuständigkeit wahrgenommen werden (ganzheitlicher Ansatz) und Spezialdienste nur so weit unbedingt nötig eingerichtet werden sollen.

Um eine bessere Einsicht in die jeweilige jugendkulturelle Szene zu gewinnen, sind zwar Projekte nicht nur sinnvoll, sondern gerade weil sie auch noch stärker experimentieren müssen und damit größere Freiräume sozialpädagogischen Handelns benötigen, sogar dringend geboten. Sie sollten jedoch so angelegt sein, dass sie in einem überschaubaren Raum in die allgemeine Jugendarbeit übergeführt werden, zumindest ein festes Netzwerk der Jugendarbeit errichtet wird. Dabei müssten Formen der Integration und Kooperation gefunden werden, die es ermöglichen, die Infrastruktur des Fan-Projekts zu erhalten und auch flexiblere Arbeitszeiten zu garantieren. Meine Forderung lautet entsprechend: Nicht Auflösung der Fan-Projekte, sondern langfristige Absicherung und Integration der Fan-Projekte in die soziale Arbeit der öffentlichen freien Träger.

Für eine klare Grenzziehung zwischen Fan- und Fansozialarbeit

Entsprechend - und dies ist ein letzter, aber nicht minder wichtiger Aspekt - der Charakteristika der "sozialen Arbeit" nach Staub-Bernasconi (1996, 4-6) im Sinne von "Sozialer Arbeit als Umgang mit leidenden Menschen und den damit zusammenhängenden sozialen Organisationsformen, als "Auffangbecken" oder "letzte Station" für alle diejenigen in existenzieller Bedrängnis; als Umgang mit Dingen/Ressourcen und schließlich als Umgang mit Ideen", als Arbeit mit jungen Menschen, die "zum Ausgleich sozialer Benachteiligungen" oder "zur Überwindung individueller Beeinträchtigungen" in erhöhtem Maße auf Hilfe und Unterstützung angewiesen sind, ist eine klare Grenzziehung zwischen den Aufgaben und Kompetenzen der Fan-Betreuer der Fußballvereine einerseits und denen der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen der Fan-Projekte gerade auch im Interesse einer reibungslosen, konstruktiven und vor allem solidarischen Zusammenarbeit im Dienste der Gewaltprävention dringend geboten; ist ein klare Trennung der Aufgaben von Fan-Sozialarbeit und Fan-Arbeit/-Betreuung erforderlich. Dies um so mehr, als der DFB zu Recht in den Richtlinien zur Verbesserung der Sicherheit bei Bundesspielen von allen Bundesligavereinen die Einsetzung eines Fanbetreuers fordert und das Stewarding-Modell bereits bei den Vorbereitungsspielen der Fußball-Nationalmannschaft zur EURO 2000 erprobt hat und während der EURO 2000 in Belgien und den Niederlanden seiner ersten wirklich ernsten Bewährungsprobe unterzieht, bzw. bei einem erfolgreichen Verlauf plant, Fan-Stewards auch in der Bundesliga einzusetzen.

Es kann dabei nicht darum gehen, dem Fußballverein noch mehr soziale Aufgaben zuzuweisen, sondern der zu Recht auch vom DFB in Anspruch genommenen sozialen Funktion und sozialen Verantwortung des Sports, seiner Vereine, gerecht zu werden.

Entsprechend fordert der DFB in seinen Richtlinien zur Verbesserung der Sicherheit bei Bundesspielen im § 29 von allen Bundesligavereinen die Einsetzung eines Fanbetreuers, dessen Aufgaben allerdings meines Erachtens viel zu weit gefasst sind, sondern in aller Regel die Fan-Betreuer erheblich überfordern.

So steht im § 29 Fan-Betreuung, zu lesen:

"(1) Der Verein muss einen Fanbetreuer einsetzen.

(2) Aufgabe des Fan-Betreuers ist es u.a., alle Maßnahmen zu ergreifen, die geeignet und erforderlich sind, die Anhänger des eigenen Vereins von sicherheitsgefährdenden Verhaltensweisen innerhalb und außerhalb der Platzanlagen abzuhalten. Dabei ist besonders anzustreben, dass Gewaltneigungen erkannt und abgebaut sowie bestehende "Feindbilder" beseitigt oder reduziert werden.

(3) die unter Absatz 2 genannten Ziele sollen vom Fan-Betreuer insbesondere durch folgende Maßnahmen erreicht werden:

    • Besprechungen mit den Anhängern, Weitergabe von Informationen,
    • Veranstaltungen mit den Anhängern, an deren Vereinsmitarbeit und Spieler beteiligt werden,
    • Aufenthalte bei den Anhängern während der Heim- und Auswärtsspiele und
    • gezieltes Einwirken auf sie in gefährlichen Situationen"

Wichtig ist dabei hervorzuheben, dass die örtliche Einrichtung von Fan-Projekten, auch unter finanzieller Beteiligung der örtlichen Bundesligavereine (Drittelfinanzierung) die Bundesligavereine nicht von dieser Verpflichtung der Einsetzung eines Fan-Betreuers entbindet. Auch wenn die Aufgabenfelder des Fan-Betreuers denen der Fanprojekt-Mitarbeiter/-innen ähneln, in manchen Punkten deckungsgleich erscheinen: Das Fan-Projekt kann und darf nicht die Außenstelle der Fan-Betreuung des Vereins sein und umgekehrt: Fan-Betreuer leisten keine Sozialarbeit, auch wenn natürlich hier eine sehr enge Zusammenarbeit geboten ist. Im Interesse einer fruchtbaren Zusammenarbeit ist hier eine klare Abgrenzung vorzunehmen zwischen den Aufgabenbereichen der Fanprojekte, deren Unabhängigkeit vom Verein ja im Nationalen Konzept Sport und Sicherheit bewusst hervorgehoben und gefordert wird, und denen der Fan-Betreuer, die im Dienst der Vereine stehend für die Fans tätig sind. Im Rahmen ihrer Tätigkeit leisten Fan-Betreuer auch Präventionsarbeit, durchaus wichtige Präventionsarbeit als Dienstleister für die Fans und Vereine und sind somit auch ein wichtiges Bindeglied zwischen Verein und Fan-Projekt. Fanprojektarbeit hingegen steht ausschließlich im Dienste der Prävention (hier überschneiden sich die durchaus Aufgabengebiete, die einer einfühlsamen Abstimmung bedürfen) und Intervention im Sinne einer langfristigen Befriedung der Fan-/Ultra- und Hooliganszene. Der im § 29 formulierte Aufgabenkatalog der Fan-Betreuer muss entsprechend diesen Gegebenheiten angepasst und um spezifische Aufgaben wie z.B. Sportangebote, wie sie im Nationalen Konzept Sport und Sicherheit den Fan-Projekten zugeschrieben werden, ergänzt werden. In jedem Fall gilt es die im § 29 formulierten Interventionsaufgaben zu relativieren. Die Herausarbeitung eines klaren Profils für Fan-Betreuer und Fan-Pädagogen, eines klar abgegrenzten Aufgabenkataloges für Fan-Betreuer der Vereine und Fan-Projektmitarbeiter/-innen muss vordringliche Aufgabe der Kooperation von DFB, KOS und Fan-Projekten sein.

Forderungen und Folgerungen

Aus diesen Ausführungen ergeben sich an den DFB und seine Vereine folgende Forderungen:

  1. Schaffung einer Stelle für einen hauptamtlichen Fan-Beauftragten beim DFB
  2. Versetzung der KOS in die Lage die Qualität der Arbeit der Fan-Projekte zu sichern und zu kontrollieren
  3. Versetzung der Fan-Projekte in die Lage, dass sie den im Nationalen Konzept Sport und Sicherheit geforderten Aufgaben gerecht zu werden vermögen im Sinne der im Nationalen Konzept Sport und Sicherheit vorgesehenen Mindestausstattung
  4. Eindeutige Profilbildung der Fan-Betreuern und Fan-Pädagogen
    (4.1) Änderungen/Anpassung des § 29 der Richtlinien zur Verbesserung der Sicherheit bei Bundesspielen an betreuerische, präventive Anforderungen
    (4.2) Änderung/Anpassung der Aufgabenfelder der Fanprojekt-Mitarbeiter/- innen im Nationalen Konzept Sport und Sicherheit (Konzeption zur Errichtung von Fan-Projekten auf örtliche Ebene, Punkt 3.2.2) an die primär Präventions- und Interventionsanforderungen.
  5. Änderung, Anpassung der Stadionordnungen an die Choreografie-/ und Inszenierungsbedürfnisse der Ultras.
  6. Wahrung des Sozialraums Stadion (Fankurve) für junge Menschen als wichtiger jugendkultureller Treffpunkt und Ort jugendkultureller Äußerungsformen (Verhindern, dass durch die wachsende Kommerzialisierung den Fans die Möglichkeit der Inszenierung und Choreografie im Stadion aus der Hand genommen und in die Hand der Vermarkter, Sponsoren gegeben wird).
  7. Stärkeres Ernstnehmen der Bedeutung körper- und bewegungsbezogener Angebote im Rahmen sozialpädagogischer aber auch fanbetreuerischer Maßnahmen (enge Kooperation von Verein und Sozialarbeit).
  8. Verstärkung gemeinsamer Aktivitäten und Anstrengungen gegen "rechte" Entwicklungen im Stadion und Stadionumfeld.

Ganz allgemein gilt: Die Fan-Projektarbeit muss sich - wie die Jugendarbeit schlechthin - daran messen lassen ob es ihr gelingt durch ihr sozialpolitisches, wie auch sozialpädagogisches Engagement die Welt der Jugendlichen auch schon ein wenig lebenswerter zu machen und den Dialog mit der Jugend im Rahmen der hier geforderten Anstrengungen zu führen. Und sollte sich in dieser Richtung etwas bewegen - unsere bisherigen Erfahrungen der Fan-Projekte lassen uns durchaus optimistisch in die Zukunft blicken - dann hat sich das Engagement allemal gelohnt. Mein abschließendes, persönliches Resümee aus nunmehr 15 Jahren Fan-Projekt-Arbeit lautet entsprechend: Wer nicht auf den großen Wurf hofft und glaubt mit einem Mal das Problem von Gewalt und Fremdenfeindlichkeit lösen zu können, wer bereit ist kleine Schritte zu gehen, den Dialog mit der Jugend zu führen, der wird trotz vieler Entbehrungen und Enttäuschungen auch in der Jugendarbeit mit gewaltfaszinierten Jugendlichen Erfolgserlebnisse einfahren. Es lohnt sich allemal sich in der Fanarbeit zu engagieren und es freut mich angesichts der anfänglichen Widerstände besonders, dass die Fan-Projekte mit dem DFB und seinem Präsidenten Mitstreiter gefunden haben. Dies noch zu intensivieren wird eine lohnende Aufgabe für die Zukunft sein.

Literatur

Behn, S.\Heitmann, H.\Voß, S. (Hrsg.): Jungen, Mädchen und Gewalt. Ein Thema für die geschlechtsspezifische Jugendarbeit?!. IFFJ-Schriften 8. Berlin 1995

Bliesener, T./Fischer, T./Lösel, F./Pabst, M.A.: Forschungsprojekt "Hooliganismus in Deutschland: Ursachen, Entwicklung, Prävention und Intervention". Abschlußbericht Erlangen 2000

Der Bundesminister für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit (Hrsg.): Achter Jugendbericht. Bericht über Bestrebungen und Leistungen der Jugendhilfe. Bonn 1991

Deiters, F.-W./Pilz, G.A. (Hrsg.): Aufsuchende, akzeptierende, abenteuer- und bewegungsorientierte, subjektbezogene Sozialarbeit mit rechten, gewaltbereiten jungen Menschen. Aufbruch aus einer Kontroverse. Münster 1998

Dembowski, G.: Zum Fußball als Männersache. In: deutsche jugend 48, 2000, 6, 251-255

Deutsche Jugend - Zeitschrift für die Jugendarbeit. Heft 1993, 4, Stichwort Jungenarbeit

Kösterke, A../Stöckle, G.: Neue Bewegungskultur als Anregung für die Jugendarbeit? Konzepte und Vorschläge des Sportprojektes "Traumfabrik". In: deutsche jugend. 1989, 477-484; hier: S. 479 f.

Pilz, G.A. u.a. Gutachten Sport und Gewalt. In Pilz, G.A. u.a. Sport und Gewalt. Schorndorf 1982, 9-22

Pilz, G.A.: Plädoyer für eine sportbezogene Jugendsozialarbeit. In: deutsche jugend 39, 1991, 334-343

Pilz, G.A./Peiffer, L.: Offener Mitternachtssport. Erfahrungen aus praktischer Arbeit und wissenschaftlicher Begleitung. In: deutsche jugend 1998,12, 513-520

Scheidle, J.: Streetwork mit Hooligans nach Lens: Eine persönliche Reflexion. In: deutsche jugend 48, 2000, 6, 256-261

Scheidle, J.: "Für jedes Bild hätte ich in der Schule ´ne Fünf gekriegt!" Bildnerisches Gestalten mit Hooligans. In: deutsche jugend 48, 2000, 7-8, 331-337

Schnack, D./Neutzling, R.: Kleine Helden in Not. Reinbek 1991

Staub-Bernasconi, S.: Soziale Arbeit als eine besondere Art des Umganges mit Menschen, Dingen und Ideen. In: Sozialarbeit 10, 1996, 4-71

Schulze-Krüdener, J. It's body time! Sport als Herausforderung für die Jugendarbeit. In. Homfeldt, H.G. (Hrsg.): "Sozialer Brennpunkt" Körper. Hohengehren 1999, 204-216

Autor

Prof. Dr. Gunter A. Pilz
Universität Hannover
Institut für Sportwissenschaft
Am Moritzwinkel 6
30167 Hannover
Homepage http://www.erz.uni-hannover.de/ifsw/start/0/2/0

Hinweis

Veröffentlicht am 06.09.2001, überprüft im März 2015