| SGB VIII - Online-Handbuch
herausgegeben von Ingeborg Becker-Textor und Martin R. Textor |
Startseite |
| Aus: Blätter der Wohlfahrtspflege 2001, Heft 5+6, S. 113-115
Quartiermanagement als kommunales Gestaltungsprinzip Wolfgang Hinte
Aktivierende Arbeit im Wohnquartier Zahlreiche Inhalte und Prinzipien aus der Gemeinwesenarbeit (GWA) finden sich mittlerweile auch in Bereichen außerhalb der sozialen Arbeit, insbesondere in integrierten Konzepten der Stadt(teil)entwicklung. So werden derzeit etwa im Bundesprogramm "Soziale Stadt" geradezu inflationär, terminologisch unscharf und methodisch irgendwo angesiedelt zwischen Engagement und Chaos Erfahrungen und Methoden aus der GWA bzw. der Stadtteilbezogenen Sozialen Arbeit diskutiert und praktiziert. Sicherlich trifft es zu, dass GWA "ihre Einwirkungschancen auf die Stadtplanung weitgehend verschlafen" (Oelschlägel 2000, S. 590) hat, und zwar insbesondere wegen ihrer "Beschränkung auf soziale Arbeit" (ebd.), aber dennoch wurden insbesondere die Stadtplaner recht fündig bei ihrem hilfesuchenden Blick auf die aktivierenden Spielarten sozialer Arbeit und nutzten diese - in der Regel, ohne das genauer kenntlich zu machen (s. etwa Froessler 1994; positives Beispiel: Lüttringhaus 2000) - als Bausteine für Konzepte zur integrierten Gestaltung von Wohnquartieren. Dabei fällt ein enormer Wildwuchs an Begrifflichkeiten, unterschiedlicher Praxis, gleichen Bezeichnungen für verschiedene Dinge usw. auf. So wird immer wieder etwa die bloße Anwendung bestimmter Methoden, die die Beteiligung von Bürgern unterstützen (Planungszelle, Stadtteil-Workshops, Bürgerversammlungen usw.), proklamiert als GWA. Ähnliches gilt auch für die Durchführung von Einzelprojekten, etwa der Errichtung eines Spielplatzes unter der Beteiligung von Kindern oder einer Begrünungsaktion unter Beteiligung von Bewohnern: Dies sei - so ist vielerorts der Sprachgebrauch - Gemeinwesenarbeit oder (wahlweise) Stadtteilbezogene Soziale Arbeit. Um das klarzustellen: Stadtteilbezogene Arbeit in der Tradition von GWA bezeichnet einen projekt- und themenunspezifischen Prozess einer (in der Regel) mehrjährigen Aktivierung der Wohnbevölkerung, der zwar einzelne Leuchtturm-Projekte nicht ausschließt, sich jedoch vornehmlich über eine Vielzahl kleinerer Aktivierungsaktionen darauf richtet, anhand direkt geäußerter und durchaus häufig wechselnder Interessen der Wohnbevölkerung gleichsam eine "Grundmobilisierung" eines Wohnquartiers zu bewirken, die dann den Humus für größere Einzelprojekte darstellt. Die Konzentration auf Einzelprojekte ohne diese grundständige Mobilisierung gleicht eher einer "Aktivierung ohne Unterleib", die in der Regel keine nachhaltigen Wirkungen auf das "unsichtbare Gemeinwesen", also auf das soziale Klima eines Wohnquartiers sowie den alltäglichen Umgang der Menschen untereinander zeitigt. Isolierte Einzelprojekte bleiben oberflächlich, sie schaffen allenfalls vorzeigbare materielle Veränderungen (was nicht zu verachten ist), doch diese bleiben für den Stadtteil eher fremdkörperhaft, wenn sie nicht unterfüttert sind durch eine systematisch angelegte Aktivierungsarbeit. "Quartiermanagement" dagegen bezeichnet den gesamten, sektorenübergreifenden Prozess der Gestaltung von Wohnquartieren, der auf drei miteinander verschränkten Aktionsebenen abläuft (s. dazu Grimm/ Hinte/ Löhr 2000):
Dass es zur Ausübung dieser Tätigkeiten breitgefächerter kommunikativer, organisatorischer und methodischer Kompetenzen bedarf, liegt auf der Hand: "Management mit Charme" (Hinte, 1997) kann nur von hochqualifiziertem Personal betrieben werden, mit dessen Qualität so manches Projekt steht oder fällt. Quartiermanagement ist eine kommunale Strategie zur Verbesserung der Lebensbedingungen, insbesondere in benachteiligten Wohnquartieren, und zwar vorrangig durch Aktivierung und Organisation der materiellen und personellen Ressourcen eines Stadtteils. Es muss dauerhaft installiert werden, damit ein Klima wächst, in dem Beteiligung gewünscht und selbstverständlich ist. Beteiligung als gutgemeinte Überfall-Aktion erweckt den Eindruck, dass lediglich einmal im Jahr Aktivierung angesagt ist und führt nicht zu einem dauerhaften Ermutigungs-Klima. Bürgerbeteiligung braucht Struktur, aber sie kann nicht verordnet werden, sie muss sich im Quartier entwickeln und zwar auch durch öffentliche Unterstützung. Die Umsetzung eines integrierten Handlungskonzepts (Stadt Essen 1997) ist auf ein Planungs- und Organisationsmodell angewiesen, das nicht linear von "oben" oder "unten" dominiert wird. Es ist angelegt auf die optimale Nutzung der Fähigkeiten und Mittel aller Beteiligten und auf einen kooperativen Austausch sowohl derer, die planen, Geld vergeben, Maßnahmen einleiten oder investieren als auch derer, die im Stadtteil wohnen, Freizeit verbringen oder professionell tätig sind. Hilfreich sind flexible Strukturen, die den AkteurInnen viel Spielraum lassen und der Eigenwilligkeit der Menschen und der Dynamik der Prozesse gerecht werden. Problematisch sind komplizierte Verfahren, protzige Institutionen im Stadtteil oder klassische Bürgervereine: tendenziell grenzen sie aus oder erschlagen Aktivität. Situativ gestaltete, lebensweltangemessene, flexible und gelegentlich etwas anarchisch anmutende Strukturen lassen Raum für Unvorhergesehenes und fördern Kreativität - sie müssen indes so beschaffen sein, dass sie an Verwaltungshandeln andocken können. Dies leistet ein klug gesteuertes Quartiermanagement mit Akteuren auf den drei o.g. Aktionsebenen, die mit hoher Autonomie auf der Grundlage stabiler, verlässlicher, fairer und vertrauensvoller Beziehungen im Stadtteil und in der Verwaltung agieren. Dazu bedarf es einer Mischung geregelter und ungeregelter Formen des Austausches, bei der sich die Beteiligten wechselseitig anregen, informieren, Beschlüsse fassen und Vorhaben durchführen. Dem öffentlichen Träger obliegt dabei die "Regiekompetenz": er verfügt über einen großen Teil der Ressourcen und kann aufgrund seiner breiten Zuständigkeit Arrangements schaffen, in denen die Akteure dann ihren Part selbsttätig spielen. Er darf jedoch nicht anordnen, über die Köpfe der anderen Beteiligten hinweg planen oder bestimmte Wege (etwa über bestimmte Ämter, Firmen oder politische Gremien) einseitig bevorzugen. Und noch eine terminologische Klarstellung: "Bürgerschaftliches Engagement" kann durchaus eine Folge professioneller Tätigkeit sein, es kann sich aber auch gleichsam "selbstaktiv" oder angeregt durch Programme oder Aufrufe entwickeln. Insofern ist bürgerschaftliches Engagement eine von Bürgern ausgeübte Tätigkeit, die sie nicht im Rahmen eines bezahlten oder gar tarifvertraglich gesicherten Arbeitsverhältnisses ausüben. Natürlich entsteht bürgerschaftliches Engagement nicht zufällig, der Begriff ist tendenziell gebunden an ohnehin arktikulationsfähige Bevölkerungsgruppen, deren Art sich zu äußern bzw. sich tätig in das Gemeinwesen einzubringen durchaus kompatibel ist mit den klassischen institutionell verbrieften Beteiligungsmöglichkeiten. In benachteiligten Quartieren dagegen hat man es nur selten mit der emanzipierten Mitte zu tun, also dem zur Durchschnittsgröße hochgerechneten Mittelschichtsbürger, der sich bürgerschaftlich engagiert im Sportverein, Pfarrgemeinderat und beim Stadtteilfest, sondern eher mit den benachteiligten Rändern dieser Gesellschaft, also etwa dem Stammtischbruder, der eine leidenschaftliche Abneigung hegt gegen die Regierung, Steuern, Schwule, Asylanten und selbstbewusste Frauen. Auch letzterer neigt gelegentlich durchaus dazu, sich bürgerschaftlich zu engagieren, aber eben nicht auf die Art und Weise, wie das in den Förderprogrammen von Bund und Land vorgesehen ist. Wer Telefonzellen zerschlägt, Asylanten beschimpft und gegen Ausländer hetzt, ist durchaus wirkungsvoll aktiv, taucht aber auf keiner Erfolgsliste in einer Broschüre für "bürgerschaftliches Engagement" auf. Wir dürfen somit bürgerschaftliches Engagement nicht verwechseln mit aktivierender Tätigkeit im Rahmen von Quartiermanagement. Literatur Elsen, S. u.a.(Hrsg.): Sozialen Wandel gestalten - Lernen für die Zivilgesellschaft, Neuwied/ Kriftel 2000 Froessler, R. u.a. (Hrsg.): Lokale Partnerschaften, Basel/ Boston/ Berlin 1994 Grimm, G./ Hinte, W.: Vor Leuchtturmprojekten aus Stein wird gewarnt, in: sozial extra 9/2000 Grimm, G./ Hinte, W./ Löhr, R.-P.: Netzwerk Quartiermanagement (Ausschreibungstext), Düsseldorf/ Gütersloh/ Köln 2000 Hinte, W.: Intermediäre Instanzen in der Gemeinwesenarbeit: Die mit den Wölfen tanzen, in: Bitzan, M./ Klöck, T. (Hrsg.): Jahrbuch Gemeinwesenarbeit 5, München 1994 Hinte, W.: Management mit Charme, in: Ries, H. u.a. (Hrsg.): Hoffnung Gemeinwesen, Neuwied/Berlin 1997 Lüttringhaus, M.: Stadtentwicklung und Partizipation, Bonn 2000 Luhmann, N.: Die Gesellschaft der Gesellschaft, 2 Bde, Frankfurt a.M. 1997 Oelschlägel, D.: Kritischer Rückblick auf die Gemeinwesenarbeit (GWA) in der Bundesrepublik Deutschland, in: Zeitschrift für Sozialreform 7/2000 Stadt Essen (Hrsg.): Ansätze integrierter Kommunalpolitik, Essen 1997 |