SGB VIII - Online-Handbuch

herausgegeben von Ingeborg Becker-Textor und Martin R. Textor

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Stärkung der elterlichen Erziehungskompetenz durch Elternkurse? Forschungsergebnisse der Evaluation des Elternkurses "Starke Eltern - Starke Kinder®" des DKSB

Sigrid Tschöpe-Scheffler


In einem Zeitraum von April 2001 bis April 2002 wurde an der Fachhochschule Köln (Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaft) unter meiner Leitung die Evaluation zum Elternkurskonzept Starke Eltern - Starke Kinder® des Deutschen Kinderschutzbundes Bundesverband e.V. durchgeführt (siehe Tschöpe-Scheffler/ Niermann 2002). Das Forschungsvorhaben wurde in enger Zusammenarbeit mit dem Landesverband Nordrhein-Westfalen des Deutschen Kinderschutzbundes entwickelt und aus Forschungs- und Entwicklungsmitteln (F&E) der Fachhochschule Köln finanziert.

Ausgangspunkt für die Studie war die Verabschiedung des Gesetzes zur gewaltfreien Erziehung (§ 1631 II BGB) im Juli 2000 und die Überlegungen und Aktionen des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, den Eltern Informationen, Präventionsangebote und Unterstützungen in Krisen- und Konfliktsituationen durch flankierende Maßnahmen zur Gesetzgebung zukommen zu lassen.

Zentrale Zielsetzungen des Elternkurses sind es, das Selbstvertrauen der Eltern als Erzieher zu festigen, die Kommunikation in der Familie zu fördern und dadurch psychischer und physischer Gewalt in der Familie vorzubeugen.

Methoden und Vorgehensweise der Evaluation

  • Versuchsgruppe: 201 Eltern aus 20 Elternkursen der Ortsverbände (OV) des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB) Nordrhein- Westfalen wurden jeweils zu Beginn und nach Abschluss der Elternkurse in einem Zeitraum von 10-12 Wochen mittels eines Fragebogens mit Fallbeispielen zu konkreten Erziehungssituationen befragt.
  • Kontrollgruppe: Parallel dazu wurden auch 114 Eltern, die keinen Elternkurs besucht hatten und deren Kinder aus neun verschiedenen Kindertageseinrichtungen kamen, in einem Abstand von 10-12 Wochen zweimal dieselben Fragebögen wie der Versuchsgruppe vorgelegt.
  • Acht Mütter nahmen vor und nach Kursbeginn an einem qualitativen mündlichen Einzelinterview teil.
  • Kinderbefragung: Neun Kinder im Alter zwischen 5-13 Jahren wurden im Rahmen eines Aktionstages gegen Ende eines Elternkurses mit drei verschiedenen methodischen Zugängen in die Befragung einbezogen: mündliche Befragung, Puppenspiel, Vervollständigung einer Bildergeschichte durch Malen.

Um möglichst detaillierte Aussagen treffen zu können, wurden drei sich ergänzende Forschungswege beschritten: eine schriftliche Befragung der Eltern, Tiefeninterviews mit Müttern und eine Befragung von Kindern.

Um ein möglichst breites Spektrum an Erziehungsverhalten erfassen zu können, lag jeder Methode das vom Forschungsteam entwickelte Dimensionenmodell entwicklungsfördernden und entwicklungshemmenden Erziehungsverhaltens zugrunde.

Erziehungsdimensionen

In unserer Studie werden acht Dimensionen elterlichen Verhaltens untersucht, die wir unter entwicklungsfördernden und entwicklungshemmenden Aspekten zusammengestellt haben:

Entwicklungsfördernde Aspekte: Entwicklungshemmende Aspekte:

Emotionale Wärme

Emotionale Kälte - Emotionale Überhitzung

Achtung

Missachtung

Kooperatives Verhalten

Dirigistisches Verhalten

Struktur

Chaos

Erkenntnisleitenden Fragestellungen

  • Nimmt entwicklungsförderndes Erziehungsverhalten durch den Besuch des Elternkurses zu? (gruppenbezogener Vorher-Nachher-Vergleich, Selbstaussage der Eltern).
  • Wird entwicklungshemmendes Erziehungsverhalten durch die Teilnahme am Elternkurs verringert? (gruppenbezogener Vorher-Nachher-Vergleich, Selbstaussage der Eltern).
  • Wie verläuft der Prozess der Verhaltensänderung infolge der Themen des Elternkurses und wie gestaltet sich die Umsetzung des dort Besprochenen in die eigene Praxis? (Prozessanalyse, exemplarische Tiefeninterviews).
  • Sind Veränderungen (Verbesserungen bzw. Verschlechterungen) des Erziehungsverhaltens und der Erziehungseinstellungen (kognitiv, emotional) auch im Erziehungsalltag für die Beteiligten spürbar? (Kinderbefragung und Tiefeninterviews).
  • Gibt es signifikante Unterschiede zwischen der den Kurseltern und den Eltern der Kontrollgruppe, die keinen Elternkurs besucht haben?

Methodische Überlegungen

a) Fragebogen

Um die Zielsetzung zu erreichen, der Komplexität der Erziehungssituation möglichst nahe zu kommen und zugleich die im Kurs vermittelten Verhaltensmaßstäbe auf verschiedene Weise zu erfassen, wurde der Fragebogen in drei Themenbereiche unterteilt, die auf unterschiedliche Aspekte des Erziehungsgeschehens fokussieren und die im Folgenden weiter erläutert werden:

  • Fallbeispiele: In diesen Fallbeispielen wird die Neigung der Eltern untersucht, in Konfliktsituationen bestimmte Erziehungsmaßnahmen zu favorisieren. Für die Erhebung wurden letztlich 12 verschiedene Fallbeispiele mit unterschiedlichen Reaktionsangeboten ausgewählt; dies ergibt insgesamt 39 Items.
  • Erziehungsaussagen: Diese Aussagen nehmen generalisierte Einstellungen, überdauernde Grundhaltungen, fundamentale Überzeugungen zu Erziehungsfragen in den Blick. Es wurden 16 verschiedene Aussagen abgefragt.
  • Fragen zur Auftretenshäufigkeit eines bestimmten Erziehungsverhaltens: Hier geht es darum, welche Verhaltensweisen im Erziehungsalltag mit welcher Häufigkeit im Verlauf einer Woche auftreten. Dieser Teil besteht aus 17 Items.

Der Erhebungsbogen besteht somit aus insgesamt 72 Einzelfragen. Jedes dieser Items wurde einer der acht Erziehungsdimensionen zugeordnet. Die Entscheidung darüber, zu welcher Dimension jede einzelne Frage gehört, wurde in wiederholten Revisions- bzw. Umformulierungsprozessen und in unabhängigen Übereinstimmungsprüfungen innerhalb der Forschergruppe getroffen. Dabei ging es jeweils um die Frage, inwieweit ein beschriebenes elterliches Erziehungsverhalten mit der zugrunde liegenden theoretischen Beschreibung der Erziehungsdimensionen übereinstimmte (Inhaltsvalidität).

Die zentrale Problematik bestand darin, dass im realen Erziehungsalltag eine solch analytische Trennung der Erziehungsdimensionen selbstverständlich nicht vorgenommen wird, sondern in einer Elternreaktion auf ein unerwünschtes Verhalten des Kindes in einer bestimmten Situationskonstellation oftmals sowohl entwicklungsfördernde als auch entwicklungshemmende Verhaltensanteile nebeneinander vorkommen, so dass die Zuordnung zu einer einzelnen Dimension äußerst schwer fällt. In dieser Erhebung jedoch ging es nicht darum, die Komplexität des elterlichen Erziehungsverhaltens zu rekonstruieren, sondern zu ermitteln, in welchen Erziehungsdimension sich Veränderungen nachweisen lassen. Deshalb war - rein zu Erhebungszwecken - eine klare Trennung ihrer Verhaltensweisen und damit eine Zuordnung zu einer Dimension erforderlich.

b) Tiefeninterviews

In einem weiteren Teilprojekt dieser Evaluationsstudie wurden Kursteilnehmerinnen, allesamt Mütter aus zwei Ortsverbänden in Nordrhein-Westfalen, vor dem ersten sowie nach Beendigung des letzten Kursabends in Form eines Tiefeninterviews befragt. Beide Interviews hatten zwei Themenblöcke zum Inhalt:

  • Fragen zur Einschätzung des eigenen Erziehungsverhaltens anhand ausgewählter Fallbeispiele aus dem Fragebogen;
  • Fragen zur Bewertung des Kurses.

Die Ergebnisse dieses Vorher-Nachher-Vergleichs wurden zueinander in Beziehung gesetzt und dann dem Erziehungsdimensionen- Modell zugeordnet, um auf diese Weise mögliche Veränderungen im Erziehungsverhalten der Eltern dokumentieren zu können.

Dieses Teilprojekt stellte eine Ergänzung des Versuchs- und Kontrollgruppenvergleichs dar. Es war nicht darauf ausgerichtet, eine auf die Gesamtgruppe der Teilnehmer und Teilnehmerinnen bezogene Aussage über die Kurswirksamkeit anhand von Veränderungen des Elternverhaltens in den einzelnen Erziehungsdimensionen zu machen, sondern zielte darauf ab, den Prozess von Veränderungen im Erziehungsverhalten, so wie ihn die Kursteilnehmerinnen selbst erleben, zu beschreiben.

In seinem Erkenntnisinteresse und in seiner Methodologie ist dieses Teilprojekt folglich anders ausgerichtet. Es ist im Unterschied zum Versuchs-Kontroll-Gruppenvergleich nicht quantifizierend angelegt und daher dem Bereich der qualitativen Sozialforschung zuzurechnen.

c) Kinderbefragung

Unser dritter methodischer Weg bestand aus einer "Kinderbefragung" im Rahmen eines Spiel- und Aktionstages am Ende der Kurseinheit. Hierzu wurden in einer Art Rallye drei Altersgruppen mit drei verschieden Methoden erfasst:

  • mündliche Befragung in einem Interviewspiel,
  • Handpuppenspiel mit der Vorgabe zwei ausgewählter Fallbeispiele, für die von den Kindern Lösungen gespielt werden sollten,
  • Vervollständigung einer Bildergeschichte durch Malen (mit den Inhalten der Fallbeispiele).

Dabei interessierten uns vor allem folgende Fragestellungen:

  • Welche Lösungen schlagen Kinder in Konfliktsituationen und schwierigen Alltagssituationen in der Familie vor? (Hier fließen Wünsche und Phantasien der Kinder ein.)
  • Wie möchten sie behandelt werden? Wie würden sie die Konflikte lösen? (Vorgabe sind hierbei die Fallbeispiele aus den Erhebungsbögen.)
  • Stimmen die Lösungsvorschläge der Kinder mit der real erlebten Konfliktstrategie der Eltern überein?
  • Wie ist die Einschätzung der Kinder bezüglich eines veränderten Erziehungsverhalten ihrer Eltern und der Auswirkungen des Kurses?
  • Was verbinden sie mit dem Elternkurs? Phantasien, Wünsche, Ängste...

Forschungsergebnisse im Hinblick auf entwicklungsförderndes und entwicklungshemmendes Erziehungsverhalten

Die Eltern zeigten bereits vor Besuch der Kurse eine hohe Übereinstimmung auf drei Ebenen:

  • Die Eltern sagen, dass sie ihre Kinder lieben, für sie das Beste wünschen und wollen.
  • Sie zeigen bereits vor Kursbeginn ein hohes Maß an liebevoller Zuwendung.
  • Sie fühlen sich unsicher und teilweise hilflos in Bezug auf die Kriterien dafür, was "das Beste" für ihr Kind sein könnte und wie es umzusetzen sei.

Deutlich wird das an drei wesentlichen Aspekten, und zwar in Bezug auf:

  • Grenzsetzung und Konsequenz,
  • Einsatz von gewaltfreien Erziehungsmitteln,
  • Einschätzung der eigenen Erziehungsfähigkeit.

Im Hinblick auf die einzelnen Erziehungsdimensionen nach Besuch des Kurses sind folgende Ergebnisse zu verzeichnen:

  • Erziehungsdimension: liebevolle Zuwendung: Bei der ersten Erziehungsdimension "emotionale Zuwendung" ist bei beiden Gruppen (Versuchs- und Kontrollgruppe) ein hoher Ausgangswert zu verzeichnen. Dennoch konnte dieser in der Versuchsgruppe noch gesteigert werden. Offensichtlich haben Kurseltern gelernt, wie sie sich in Konfliktsituationen, in denen es insbesondere um die Wahrung der Gefühle der Kinder geht, angemessener verhalten können. Nach Besuch des Kurses stiegen die Werte der Empathiefähigkeit bei den Kurseltern in drei Items. Diese Eltern können die Perspektive des Kindes zum einen wahrnehmen und verstehen und sind zum anderen in der Lage, Enttäuschung und Trauer des Kindes als angemessene Gefühle zu bewerten, auch dann, wenn sie selbst diese Situation (aus der Erwachsenenperspektive) als Bagatelle einstufen. Der differenzierten Einschätzung entsprechend können sie nun häufiger ein angemessenes Verhalten zeigen: sie trösten statt zu bagatellisieren. Ein gleich hohes Maß an Empathiefähigkeit war bei den Eltern der Kontrollgruppe nicht erkennbar.
  • Erziehungsdimension: emotionale Kälte bzw. emotionale Überhitzung: Bei den Ergebnissen zu den Items "Überfürsorge, emotionale Überhitzung" fällt bei den Kontrollgruppeneltern eine stärkere Ausprägung des Kontrollbedürfnisses auf. Das mag damit zusammenhängen, dass es sich hier ausschließlich um Eltern mit Vorschulkindern handelt, und in diesem Alter mehr Schutz- und Fürsorgeaufgaben erforderlich sind als z.B. im mittleren Kindes- und Jugendalter. Andererseits kann es als Kurserfolg gewertet werden, dass die entwicklungshemmende Einschränkung der Autonomieentwicklung durch symbiotische Bindungen und übertriebene Fürsorge, auch bei Kleinkindern, im Kurs dargelegt und damit einsichtig wurden.
    Vergleicht man allerdings die drei nicht signifikanten Items mit den signifikanten in der Versuchsgruppe unter dem Aspekt auf die dargestellten Konfliktsituationen und Lösungsmöglichkeiten, dann könnte das dennoch ein Hinweis darauf sein, dass die typischen Muster eines überfürsorglichen Verhaltens im Zusammenhang mit den dahinter liegenden Konfliktthemen der Eltern (Angst vor möglichen Gefahren, Kind wird als Partnerersatz benutzt etc.) in den Kursen noch stärker in den Mittelpunkt rücken müssten als es bereits bisher geschehen ist. Hinter so mancher, aus Sicht der Eltern, unvermeidlichen Kontrolle von Kindern und Jugendlichen wird noch nicht immer die überfürsorgliche Verhaltensweise als solche erkannt.
  • Erziehungsdimension: Achtung: Die Ergebnisse zur Erziehungsdimension "Achtung" liefern signifikante Resultate im Sinne der Evaluationsfragestellung. Offensichtlich wird in den Elternkursen in hohem Maße ein Bewusstsein dafür geschaffen, in welchem Erziehungsverhalten Achtung und Anerkennung gegenüber dem Kind zum Ausdruck kommen. Da sich in der Kontrollgruppe keine Veränderungen zeigen, kann dies als Indiz dafür gewertet werden, dass es professioneller Unterstützung bedarf, um herauszuarbeiten, wie Maßnahmen in der Erziehung in Zusammenhang mit einem respektvollen Umgang durchgeführt werden können. Die besondere Bedeutung dieser Dimension, die in der pädagogischen Fachliteratur immer wieder herausgestellt wird und eine wesentliche Grundlage des Elternkurses darstellt (Recht des Kindes auf Achtung als oberste Maxime) wird demnach von den Kurseltern als solche auch erkannt und im Ankreuzverhalten sichtbar.
    Besonders auffällig ist der Unterschied zwischen Kurseltern und Kontrollgruppe da, wo es um die Frage danach geht, ob die Meinung eines Kindes ebenso wichtig ist, wie die eines Erwachsenen. Während in der Versuchsgruppe das Maß der Zustimmung von 57% auf 74% zunahm, ergab sich in der Kontrollgruppe ein gegenläufiges Ergebnis. Hier nahm das Ausmaß der vollen Zustimmung sogar ab (von 66% auf 54%).
    Eine Erklärung für dieses, zunächst überraschende, Ergebnis mag wiederum darin liegen, dass Eltern von Vorschulkindern aufgrund von Alter und Erfahrung ihrer Kinder eher zu der Überzeugung gelangen könnten, in diesem Alter sei die Meinung der Kinder noch nicht so wichtig. In dieser Ansicht, bei der dem Kind keine eigene Meinungsbildung zugetraut wird, kommt möglicherweise eine Internalisierung der durch Medien forcierten Meinung zum Ausdruck: "Eltern müssen sich gegenüber ihren Kindern stärker durchsetzen". So gesehen könnte dann das Ankreuzverhalten der Kontrollgruppe auch die Unsicherheit von Eltern widerspiegeln, die sich richtig verhalten (oder vermeintliche Erwartungen der Forschergruppe erfüllen) wollen und von daher ihre Orientierungsmaßstäbe bei öffentlichen Autoritäten oder dem allgemeinen Mainstream suchen.
    Nicht zuletzt darum erscheint es uns sinnvoll, Eltern Kriterien für eigene Maßstäbe zu vermitteln, wie das in dem Elternkurs Starke Eltern - Starke Kinder® versucht wird. Es scheint demnach in der Versuchsgruppe so zu sein, dass ein Teil der Eltern sich nicht durch die aktuelle öffentliche Debatte zu "mehr Strenge" von der Haltung hat abbringen lassen, das Kind in seinen Bedürfnissen stärker wahrzunehmen und darauf einzugehen. Hier scheinen Orientierungshilfen durch die Multiplikatorinnen zur Achtung des Kindes und Aufforderungen zu Gewaltlosigkeit im Erziehungsprozess stabilisierend für die eigene Meinungsbildung gewesen zu sein.
  • Erziehungsdimension: Missachtung: Die Erziehungsdimension "Missachtung" wurde im Erhebungsbogen mit acht Items abgedeckt und zeigt in sechs Items signifikante Ergebnisse im Sinne der Evaluationsfragestellung. Stellt man die Ergebnisse der Reduzierung von missachtendem und entwürdigendem Erziehungsverhalten gegenüber, dann wird deutlich, dass sich für die Kontrollgruppe in keinem Fall eine bedeutsame Reduzierung von missachtendem Verhalten ergeben hat. Ausschlaggebend dafür ist vermutlich, dass die missachtenden Elemente nicht als solche wahrgenommen wurden. In der Versuchsgruppe zeigen sich hingegen bedeutsame Rückgänge in Bezug auf die Häufigkeit von missachtenden Verhaltenselementen.
    Dies unterstreicht die Notwendigkeit von professioneller Hilfe beim Erkennen und Aufspüren versteckter Zurückweisungen, Kränkungen und Demütigungen gegenüber Kindern und Jugendlichen in der Erziehung. Eltern, die an dem Elternkurs teilgenommen haben, sind in hohem Maße dafür sensibilisiert, solche Verhaltensweise bei sich zu erkennen und praktizieren sie seltener. Als bedeutsam stellt sich das in folgendem Item dar: "Eine Ohrfeige zur rechten Zeit hat noch keinem geschadet". Im ersten Beispiel lehnten 50% in der Ersterhebung und 54% in der Zweiterhebung der Eltern der Kontrollgruppe die Ohrfeige ab. Immerhin stimmte die Hälfte der Eltern zu! Demgegenüber stieg die Ablehnung einer Ohrfeige als Erziehungsmittel bei den Kurseltern von 56% auf 72% an.
    In zwei weiteren Items, in denen es um die Akzeptanz der eigenen Meinung des Kindes ging und danach gefragt wurde, wie häufig Eltern missachtend reagierten, wenn das Kind ihnen widersprochen hat bzw. wenn nicht das getan hat, was von ihm verlangt wurde, wird in der Auswertung deutlich, dass in der Versuchsgruppe eine dahingehende Veränderung eingesetzt hat, den Widerspruch des Kindes oder das Nichtbefolgen elterlicher Anordnungen auch als Ausdruck des kindlichen Eigen-Sinns zu verstehen und die Eltern deswegen nicht mehr so häufig mit Ärger oder Wut reagieren müssen. Es wurde erkannt, dass nicht jeder kindliche Widerspruch und nicht jede Verweigerung einer Verhaltensaufforderung Gehorsamsverweigerungen darstellen.
    Die Veränderungen des Elternverhaltens der Versuchsgruppe können mit Einsichten zusammenhängen, die diesbezüglich im Rahmen des Elternkurses gewonnen wurden.
  • Erziehungsdimension: Kooperation: Der deutliche Trend, der aus den Ergebnissen ablesbar wird, lässt sich vor allen Dingen derart beschreiben, dass die Teilnehmerinnen des Elternkurses offensichtlich die Botschaft mitgenommen haben, dass sie nicht stellvertretend für ihre Kinder Konfliktlösungsstrategien entwerfen müssen. Sie haben erkannt, dass es für die Entwicklung der Eigenständigkeit des Kindes besser ist, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Des weiteren ist insgesamt eine stärkere Tendenz erkennbar, die Kinder an Entscheidungen zu beteiligen, von denen die ganze Familie betroffen ist (Freizeitgestaltung, Urlaubsziel, etc.). Das hängt vermutlich mit der im Laufe des Elternkurses gewonnen Einsicht zusammen, wie wichtig es für das Selbstwirksamkeitskonzept von Kindern ist, einbezogen und beteiligt und damit im Familiensystem wichtig zu sein.
    Auch bei der Kontrollgruppe zeigen sich signifikante Änderungen in den Selbstaussagen über kooperatives Erziehungsverhalten von der Vor- zur Nacherhebung. So ist in beiden Gruppen z.B. eine statistisch bedeutsame Zunahme der vollen Zustimmung bezüglich der Berücksichtigung des Wunsches der Kinder beim Kleiderkauf zu erkennen. Dies deutet darauf hin, dass eine solche Änderung des Erziehungsverhaltens auch durch Diskussions- oder Reflexionsprozesse infolge der Auseinandersetzung mit dem Fragebogen ausgelöst und zurückgeführt werden kann (Einige Eltern der Kontrollgruppe haben, angeregt durch die Fallbeispiele des Fragebogens, spontan Gesprächsgruppen durchgeführt.). Die positiven Ergebnisse in beiden Gruppen können somit nicht allein auf die Teilnahme am Elternkurs zurückgeführt werden.
  • Erziehungsdimension: Dirigismus: Die Dimension "Dirigismus" stellt den entwicklungshemmenden Gegenpol zu einem partnerschaftlichen Miteinander dar. Sie wurde in unserer Befragung mit insgesamt zwölf Items geprüft; elf davon ergaben einen signifikanten Unterschied im Antwortverhalten von Versuchs- und Kontrollgruppe in der Vorher-Nachher-Befragung. Es wird deutlich, dass von den Teilnehmerinnen des Elternkurses Dirigismus als entwicklungshemmendes Erziehungsverhalten erkannt und auf autoritäre Eingriff weitgehend verzichtet wurde und andere, entwicklungsfördernde Lösungsmöglichkeiten gesucht wurden.
    Alle Items dieser Dimension weisen eine signifikante Veränderung des Antwortverhaltens von Erst- und Zweiterhebung für die Versuchsgruppe auf. Damit lässt sich für Dirigismus sagen, dass sich hier unter allen von uns untersuchten Dimensionen durchgängig die nachweisbar stärksten Effekte ergeben haben. Eine große Wirkung dieses Elternkurses ist darin zu sehen, dass Eltern sich der dirigistischen, überstark lenkenden und damit der kindlichen Eigentätigkeit unterdrückenden Verhaltenselemente bewusst werden und diese weitgehend vermeiden können, weil sie neue, entwicklungsfördernde Handlungsoptionen kennen gelernt haben, auf die sie nun zurückgreifen können Dadurch ist eine erhebliche Reduktion des entwicklungshemmenden dirigistischen Erziehungsverhaltens eingetreten.
  • Erziehungsdimension: Verbindlichkeit: Der Dimension "Verbindlichkeit" kommt im Hinblick auf entwicklungsfördernde Erziehungsprozesse eine große Bedeutung zu; dies wird in vielen Beiträgen über familiäre Erziehung und in Aussagen von Kursmoderatorinnen immer wieder hervorgehoben. Gleichwohl gibt es speziell zu diesem elterlichen Erziehungsverhaltens kaum empirische Untersuchungen. In methodischer Hinsicht stellt diese Dimension eine besondere Schwierigkeit dar. Uns ist deutlich geworden, dass gerade verbindliches Erziehungsverhalten nicht unabhängig von den anderen Dimensionen untersucht werden kann. Von daher ist Verbindlichkeit kaum isoliert zu erfassen.
    In unserer Untersuchung haben wir diese Dimension mit elf Items - sieben Fallbeispielen, zwei Erziehungsaussagen, zwei Fragen zur Verhaltenshäufigkeit - zu erfassen versucht. Die statistische Prüfung der Antworten ergab lediglich für vier der elf Items signifikante Resultate im Sinne des Kontroll-Versuchsgruppen-Vergleichs. Als Ursache dafür könnten zwei Aspekte angeführt werden:
    Eine der größten Verunsicherungen - speziell von sogenannten "bildungsgewohnten" Eltern - liegt im Setzen von Grenzen. Diese Eltern, die eine liebevolle Beziehung zu ihren Kindern aufgebaut und eine eher kooperative (manchmal auch liberale) Haltung ihren Kindern gegenüber mitbringen, haben die Befürchtung, ihren Kindern bei verbindlicher Grenzsetzung zu nahe zu treten. Andererseits spüren sie die Folgen ihrer inkonsequenten (teilweise beliebigen, auch unsicheren) Erziehungshaltung an ihren "quengelnden" Kindern und einer angespannten Familienatmosphäre.
    Im Kurskonzept ist für das Thema "Grenzsetzung" zwar viel Informations- und Diskussionsraum eingeplant, allerdings bedarf es unter lernpsychologischen Gesichtspunkten einer längeren Phase der Verarbeitung, Einübung und Reflexion, um zu gewährleisten, dass Eltern gerade Themen, die nicht zu ihrem habituellen Bestand gehören, in ihr Bewusstseins- und Verhaltensrepertoire übernehmen können. Außerdem stehen Eltern vor dem Problem, Verbindlichkeit in jedem Einzelfall auch als solche zu erkennen, durchzuhalten und mit den Anforderungen der anderen Erziehungsdimensionen in ein rechtes Verhältnis zu setzen.
    Die Forschergruppe diskutierte, ob Eltern, die in dem Kurs signifikante Ergebnisse in Bezug auf Achtung und in Bezug auf Vermeidung von Dirigismus erzielt haben, befürchten könnten, diese neuen Einsichten (z.B. Verzicht auf Dirigismus) zu gefährden, wenn es um Grenzsetzung und Konsequenz geht. Es wäre zu überlegen, ob in den Kursen stärker diskutiert und an Fallbeispielen dargestellt werden müsste, wie trotz hoher Wertschätzung und der Ablehnung von dirigistischem Verhalten dennoch eine klare Grenzsetzung nötig und möglich ist.
    Der zweite Aspekt bezieht sich auf das Forschungsinstrumentarium selbst: Es ist zu prüfen, ob in dieser Dimension die Items nicht so nah an der Alltagssituation der Eltern angesetzt haben oder ob sie einerseits insgesamt noch nicht so "gut" sind, wie das bei den Items der anderen Dimensionen der Fall war und andererseits besser im Kontext mit den anderen Dimensionen zu erheben waren.
    Insofern können aus den Ergebnissen kaum Schlussfolgerungen gezogen werden im Hinblick auf den "Lernerfolg" des Kurses in der Dimension "Verbindlichkeit".
  • Erziehungsdimension: Beliebigkeit: In dieser Dimension geht es um das entwicklungshemmende Erziehungsverhalten, das darin begründet liegt, dass die Grenzen unklar sind, notwendige Konsequenzen ausbleiben und insgesamt keine klare Linie in der Erziehung erkennbar ist. Fünf der acht Items ergeben signifikante Ergebnisse. Es zeigt sich darüber hinaus, dass bereits vor Besuch des Elternkurses ein hohes Maß an Ablehnung für inkonsequentes Elternverhalten bestand, aber infolge des Besuchs des Elternkurses ergibt sich in der Zweiterhebung noch einmal eine deutliche Steigerung dieser Ausgangswerte, so dass sich signifikante Änderungen feststellen lassen. Eltern erkennen Inkonsequenz und lehnen Beliebigkeitsreaktionen ab. Das bedeutet aber noch nicht, dass sie darum auch generell in der Lage sind, Strategien und Erziehungsmaßnahmen zu finden, die einem verbindlichen Erziehungsverhalten entsprächen.

Zusammenfassung

  • Nach dem Kurs können die Kurseltern sehr klar unterscheiden, welche ihrer Erziehungsmaßnahmen zur (physischen und psychischen) Gewalt gehören und somit einen Eingriff in die Integrität des Kindes darstellen.
  • Kurseltern versuchen weitgehend auf entwicklungshemmendes Erziehungsverhalten, wie Ohrfeigen, Beschimpfung, Beleidigung, Demütigung des Kindes und dirigistischem Verhalten, zu verzichten und stattdessen andere, entwicklungsfördernde Erziehungsmaßnahmen (Loben, Verträge aushandeln, Kinder in Entscheidungen einbeziehen, Grenzen setzen) in Erwägung zu ziehen.
  • Durch ein erweitertes Verhaltensrepertoire und die Kenntnis der Entwicklungsbedürfnisse eines Kindes sind die Eltern zumindest theoretisch in der Lage, über alternative Möglichkeiten nachzudenken und diese teilweise auch schon umzusetzen. Vor allen Dingen aus den Tiefeninterviews geht hervor, dass das Reflexionsniveau der Eltern erheblich gestiegen ist, ebenso ihre Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Als Botschaft haben sie mitgenommen: "Ich muss nicht perfekt sein, es reicht, eine hinreichend gute Mutter (ein hinreichend guter Vater) zu sein." Diese Einsicht empfinden die Eltern als Entlastung, die noch zusätzlich durch den Austausch in der Gruppe mit anderen Eltern als wesentlicher Kurserfolg dargestellt wird.
  • Durch neu gewonnene Einsichten und die innere Entlastung hat sich nach Selbstaussagen der Eltern das Familienklima erheblich (!) gebessert; Eltern und Kinder verbringen mehr Zeit miteinander und praktizieren häufiger direkte statt indirekter Kommunikation.
  • Darüber hinaus nehmen Eltern Situationen vermehrt aus der Perspektive der Kinder wahr und ordnen sie stärker als bisher in den Gesamtkontext ein.
  • Kinder, deren Eltern den Kurs besucht hatten, bestätigen dies und beurteilen ihre Erziehung deutlich besser (Note 2 plus) als vor dem Kurs (Note drei). Sie bemerken vor allen Dingen an ihren Eltern drei neue Qualitäten:
    1. sie haben mehr Geduld und sind weniger gestresst,
    2. sie haben mehr Zeit und unternehmen mehr mit ihnen,
    3. sie schimpfen weniger und reden häufiger "vernünftig" mit ihnen.
  • Schwer fiel es vielen Eltern allerdings noch, ihre neu gewonnenen Erkenntnisse auch im Erziehungsalltag zu realisieren. Vor allen Dingen vermissten sie bei sich selbst in der Umsetzung ihrer neuen Einsichten die ihnen einsichtige und gewünschte Konsequenz.
  • Es scheint in einem Zeitraum von 12 Wochen erheblich leichter zu sein, entwicklungshemmendes Verhalten als solches zu erkennen und abzubauen, als entwicklungsförderndes Verhalten aufzubauen. Die Eltern selbst wünschten sich eine Fortsetzung des Kurses oder zumindest eine Fortführung des Austausches mit anderen Eltern in Form von "Elternstammtischen", um sich gegenseitig unterstützen und ermutigen zu können. Einige Gesprächskreise sind bereits spontan in verschiedenen Ortsverbänden gegründet worden.

Ein weiteres Ergebnis soll noch erwähnt werden, das nicht die Versuchsgruppe, sondern die Kontrollgruppe betraf und sich für die Forschergruppe als überraschend herausstellte: Auch bei der Kontrollgruppe, die an keinem Elternkurs teilgenommen hatte, gab es neben gravierender Unterschiede auch einige signifikante Werte bezüglich der Verbesserung des entwicklungsfördernden und der Reduzierung des entwicklungshemmenden Erziehungsverhaltens. Diese bezogen sich auf vor allen Dingen auf die Dimension Kooperation. Die Fallbeispiele und die Interviewbögen regten die Eltern der Kontrollgruppe an, sich in selbstorganisierten Kleingruppen auszutauschen, was anscheinend ihr Verhaltensrepertoire im Umgang mit ihren Kindern erweitern half.

Erhebliche Unterschiede gab es vor allen Dingen in der Einschätzung dessen, was als "Erziehungsgewalt" zu verstehen ist. Diese wurde von der Kontrollgruppe weder als solche erkannt, noch auf Lösungsvorschläge in der Auswertung verzichtet, die missachtend waren.

Das Ergebnis der Kontrollgruppe zeigt zweierlei: Erstens, dass Eltern Anstöße zur Erziehung gerne aufgreifen und allein durch neue Anregungen (Interviewbögen, Fallbeispiele) und durch den Austausch mit anderen Eltern Veränderungen und Reflexionsprozesse entstehen können, die als hilfreich erlebt werden. Zweitens werden durch (entwicklungspsychologische, anthropologische und pädagogische) Informationen und eine professionelle Begleitung tieferliegende Haltungen und Alltagskonzepte von Eltern angesprochen, die sich nicht so leicht "nur" durch Gespräche verändern lassen. Hierzu bedarf es grundlegender neuer Einsichten, die zu neuen Perspektiven und zu einem erweiterten Handlungsrepertoire führen können.

Angesichts physischer und psychischer Gewalt in Familien, zunehmender Kinder- und Jugendkriminalität sowie einer zu beobachtenden Überforderung, Hilflosigkeit und Unsicherheit von Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder wurde überprüft, ob mit dem Elternkursprojekt Hilfen angeboten werden, die die Eltern in die Lage versetzen, den Aufgabenstellungen und Problemen im Erziehungsalltag adäquater und gewaltfrei begegnen zu können.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich signifikante Verbesserungen der Erziehungskompetenz von Eltern zeigen, die den Elternkurs Starke Eltern - Starke Kinder® besucht haben.

Literatur

Sigrid Tschöpe-Scheffler, Jochen Niermann: Forschungsbericht. Evaluation des Elternkurskonzepts "Starke Eltern - Starke Kinder®" des Deutschen Kinderschutzbundes Bundesverband e.V., Fachhochschule Köln, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften, Köln 2002, http://www.sw.fh-koeln.de/htdocs/person/tschoepe/Forschungsbericht.pdf

Autorin

Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler, Fachhochschule Köln, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften.