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Aus: Buchholz-Graf, W./ Vergho, C. (Hg.): Beratung für Scheidungsfamilien - Das neue Kindschaftsrecht und professionelles Handeln der Verfahrensbeteiligten, Weinheim und München 2000 Verpflichtende Programme bei familiären Veränderungsprozessen in den USAHubert Jall
Zusammenfassung Das "Family in Transition Program" (FIT) ist durch die Rechtsvorschrift (Rule 6 section 610, Rules of Court Practice and Procedure of Kentucky) seit 1994 für Eltern mit Kinder zwischen 8 und 16, die sich Trennen und Scheiden lassen möchten, ein verpflichtendes Programm. Es wurde vom Department für Familientherapie der Kent School of Social Work, University of Louisville, Kentucky entwickelt und mit einer Evaluationsstudie begleitet. Einrichtungen der Sozialen Arbeit qualifizieren sich durch die Teilnahme an einem Training und an der Begleitforschung als Anbieter. Die Eltern haben die freie Wahl der Anbieter, müssen ihre Teilnahme jedoch bestätigen lassen und dem Richter vorlegen. Die Gerichte klammern im Scheidungsverfahren die elterliche Sorge (Child custody) bis nach Abschluß des FIT aus. Die Initiative gehört zu den 3 Programmen, die derzeit als am effektivsten in der Trennungsbegleitung eingestuft werden; dem "They're Still Our Children" (Hawaii), "Families in Transition" (Kentucky) und dem "Kids' Turn" (California) (1).
Im Rahmen einer Mediationsausbildung in Louisville, Kentucky USA lernte der Autor das "Family in Transition" Programm kennen, das in enger Verbindung mit dem gerichtlichen Scheidungsverfahren als pädagogisch/ therapeutisches Begleitangebot für Familien und dem Mediationsprozeß zur Verfügung steht. Praxiserfahrungen in den USA waren es, die Proksch (1989; 1992) veranlassten, Vermittlungsverfahren in familienrechtlichen Streitigkeiten und deren mediative Prinzipien als Instrumente im familiengerichtlichen Verfahren anzubieten und die notwendigen Übersetzungsarbeiten zu leisten. Er führt an (1992, S. 402), daß seit 1981 als in Kalifornien Mediation eingeführt wurde, mittlerweile fast alle US-amerikanischen Bundesstaaten Gesetze verabschiedeten, die Vermittlung in Kindschaftssachen als Pflicht- bzw. als freiwillige Leistung vorsehen. Die Vermittlungsmodelle haben sich nach Proksch (a.a.O.) bewährt bei der
Begründung der "Divorce-Education Class" Ein verpflichtendes Bildungsangebot für in Trennung und/oder in Veränderung (Transition) befindende Familien überrascht auf den ersten Blick. Spontane Fragen wie: "Wie steht es denn beim Zwang zur Familienbildung mit der Motivation der Teilnehmer?" oder "Was soll das Beziehungslernen, wenn alles schon zu spät ist und die Familie auseinanderbricht?" stehen im Raum und lassen den (ausländischen) Beobachter skeptisch werden. Ursache für die Entwicklung von familiären Bildungsprogrammen, die die Scheidung insbesondere für die Kinder "überlebbarer" werden lassen sollen, ist die erheblich gestiegene Anzahl von Scheidungen, die von den Gerichten aufgrund der oft langwierigen Sorgerechtsregelung nicht mehr ordnungsgemäß verhandelt werden konnten. Auch in den USA, (ähnlich der Entwicklung in Deutschland) sind Ehescheidungen kein neues Phänomen. Allerdings zeigt die Entwicklung einen drastisch steigenden Trend auf, der in der politischen Diskussion - z.B. im letzten Wahlkampf um die Präsidentschaft - besonders pointiert dargestellt wird. Zur Zeit des Bürgerkrieges (1861-65) wurde die Anzahl der Scheidungsverfahren auf 5% geschätzt. 1964 wurden statistisch 36% erfasst, 1979 wurden 40% beziffert, die gegenwärtige Scheidungsrate liegt bei mehr als 50% (2). Die Studien gehen davon aus, daß in bis zu 60% aller Scheidungsfälle Kinder betroffen sind. Shino/Quinn (1994) (3) führen an, daß seit den frühen 70er Jahren jedes Jahr mehr als 1 Million Kinder unmittelbar von Scheidung betroffen sind. Für Brown u.a. (1994), einer der Begleitforscher und Initiatoren des FIT-Programmes, ist das Problem alarmierend, da mehr als die Hälfte der von Scheidung tangierten Kinder in Familien verbleiben, in denen sich die Eltern weiterhin strittig und konflikthaft verhalten (4). Die psycho-sozialen Folgen bei Scheidungskindern sind in den USA seit längerem Gegenstand der psycho-sozialen Forschung (5). So beschreibt J. Wallerstein (1984), daß Kleinkinder mit Ängstlichkeit und Rückzug reagieren, Kinder zwischen 3 und 5 hohe Verlassenheitsängste und regressives Verhalten zeigen, von 6 bis 8 Trauer, Leid, Verlustängsten und Todessehnsucht, und von 9 bis 12 häufig von Wut und ungerichteter Aggression betroffen sind. Teenager antworten vermehrt mit Aggression, beschäftigen sich mit suizidalen Gedanken und werden häufiger straffällig als die Vergleichsgruppe. Die US-Untersuchungen zeigen weiter auf, daß die Auswirkungen weit in das Erwachsenenalter reichen können und traumatisierende Wirkungen insbesondere in der Beziehungsgestaltung als Erwachsener zeigen. Es wird auch betont, daß die Trennung zwar für alle Kinder sich als schreckliches Erleben herausstellt, jedoch nicht alle Kinder mit den gleichen Auswirkungen reagieren. So sind die Trennungskonsequenzen für eine kleine Gruppe der untersuchten Kinder als traumatisierend einzustufen, für eine größere Gruppe dagegen als "moderat schlimm", was bedeutet, daß, wenn ein Elternpaar sich hochstrittig und konflikthaft verhält, es von den Kindern auch als "Erlösung" erlebt werden kann, wenn eine Scheidung (endlich) vollzogen wird (6). Stellt man die in Deutschland vorfindbaren Entwicklungen den US-amerikanischen gegenüber, lassen sich durchaus Parallelen feststellen:
Als bemerkenswert dürfen wohl die Ergebnisse von Diekmann und Engelhardt (1995) bezeichnet werden, die einen gewissen "Transmissionseffekt" des Scheidungsverhaltens von Scheidungskindern feststellten, nämlich, daß diese sich eher wiederum scheiden ließen, als andere. So würde durch den sozialdemographischen Wandel quasi ein Initialzündung ausgelöst, der zu einem selbsttragenden Prozeß der Scheidungsdynamik führe. So initiiere das Scheidungserleben der Eltern eine Reihe von Feedback- oder "Schneeballeffekten", die sich als Scheidungsrisiken, sofern ein gewisser Schwellenwert überschritten wird, positiv selbst verstärken (ISI, 14, 1995, S. 1). Ziele des "Familie in Transition"-Programmes Als Zielgruppe des Programmes werden Familien mit Kindern zwischen 8 und 16 definiert. Durch die Verpflichtung zum FIT erhofft sich der Gesetzgeber in Kentucky:
Das Programm ist für eine gleichzeitige Teilnahme von Eltern und Kindern konzipiert; bei einigen Programmabschnitten befinden sich Eltern und Kinder in getrennten Gruppen. Es definiert 5 Hauptziele:
Die Priorität für die Kinder ist zu erkennen. Das FIT Programm wurde nicht als "Scheidungshilfe für Paare" entwickelt, sondern als Begleit- bzw. Präventionsprogramm für von Scheidung betroffene Kinder. Die Durchführung in Louisville, Kentucky Organisation und Curriculum des Kursprogrammes orientiert sich an den spezifischen Bedürfnissen von Kinder und Eltern im Trennungsprozeß. Das Familiengericht des "Court of Jefferson County, Kentucky" verlangt eine Mindestteilnahme von 6 bis 8 Stunden. Die Einheiten werden in 3 Seminarblöcken (1x wöchentlich) von je 2 1/2 Stunden organisiert, wobei eine Einheit für die Eltern, eine weitere für die Kinder allein und die letzte für Eltern und Kinder zusammen organisiert wird. Die Einheiten werden von speziellen "Facilitators", i.d.R. SozialarbeiterInnen, hauptamtlich pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiterinnen von Familienberatungsstellen durchgeführt, die im engen Kontakt mit der Abteilung für Familientherapie der Universität (Kent School, University of Louisville, Ky.) stehen und dort auch supervidiert werden. Die Seminare finden statt in gemeindenahen und -bekannten Räumen, z.B. in Kirchen, Familienberatungsstellen, Tagesheimen oder den "Family life center", als eine Erweiterung der Nachbarschaftsheime übersetzbar. Den Organisatoren ist ein niedrigschwelliger Zugang bedeutsam ebenso eine Vernetzung mit den Familienberatungsstellen. Es läßt sich beobachten,, daß die Kursteilnehmer häufig Seminare in anderen Stadtteilen besuchen, da Anonymität innerhalb der Gruppe gewünscht wird. Die verpflichtende Teilnahme erstreckt sich auf alle Mitglieder der Familie, also auch auf die Kinder, innerhalb einer vom Gericht festgesetzten Frist von 12 Wochen. Elternteile, die nicht am Programm teilnehmen, haben mit Konsequenzen in der Sorgerechtserteilung und mit einer gerichtlichen Vorladung zu rechnen. Die Familien erhalten vom Gericht eine Broschüre, in der das Programm näher beschrieben ist, Telefonummern und Adressen der Anbieter zu finden sind. Für das Programm werden $50 von jedem Elternteil verlangt, sollte öffentliche Unterstützung bezogen werden, kann die Teilnahmegebühr bis auf einem Dollar reduziert werden. Den Gruppenleitern (Facilitators) steht ein umfangreiches (127 Seiten) "Training Manual" (9) zur Verfügung. Dieses ist in 3 Teile aufgebaut, wobei nach einer Einführung und methodisch-didaktischen Hinweisen zur Durchführung der Einheiten diese getrennt für Eltern und Kinder dargestellt werden. Das Manual enthält neben Forschungsergebnissen über Scheidungsfolgen nach Lernzielen operationalisiert aufgebaute Stundenbilder mit Literaturhinweisen und vorgeschlagenen technischen Mitteln (z.B. Videos), Fragebögen, Protokollbögen, Spielanleitungen und Lernzielkontrollbögen. Die Inhalte der "Divorce Education Programs" wurden von Braver et al. (1996) bundesweit verglichen, wobei der verpflichtende Charakter bei mehr als 65% festgestellt wurde. Als ein zentrales Ergebnis der Vergleichsstudie bemerkt Braver, daß insbesondere die informative Begleitung sowohl der Kinder wie auch der Eltern durch das Scheidungsprozedere die Teilnehmer als äußerst hilfreich erlebten. Die vermittelte gegenseitige Information über Ängste, Bedürfnisse der einzelnen Beteiligten, und die Entmystifizierung des juristischen Prozesses wurde von fast allen Beteiligten als wesentliche Stütze im Verfahren bewertet. Es wurde weiter betont, daß die Gestaltung der Elternschaft nach der Trennung ganz entscheidend mit dem Besuch der "Divorce Classes" in Verbindung gebracht wurden. Besonders die Befragten der "madatory programs" gaben an, daß die Kurse geholfen haben die gegenseitige Achtung zu bewahren und das oft hässliche Streiten um die elterliche Sorge zu verhindern (10). Die Einheiten für die Eltern sind aufgebaut in:
Die Einheiten für die Kinder sind gegliedert in:
Aufgaben der FIT Gruppenleiter (Group Facilitators) Von den Gruppenleitern - "Facilitators" genannt - wird als Grundqualifikation ein "Master"-Abschluß in Sozialarbeit, Sozialwissenschaften oder Erziehung verlangt. Weiter werden Lehrerfahrungen und Erfahrungen in der Gruppendynamik erwartet. Sie müssen sich dem Training des FIT unterziehen, das einen Tag dauert. Inhalt des Trainings ist die Vermittlung der Ziele, die methodischen und curricularen Strukturen, Rollenspiele, Erarbeitung von Fragen, die sich auf die zu zeigenden Videofilme beziehen und eine Einführung in die Evaluationsinstrumente. Bevor die Gruppenleiter eigenständig Gruppen übernehmen, sind sie in der Regel mindestens bei einem Programmablauf als Co-Leiter engagiert gewesen. Grundsätzlich sind 3 Gruppenleiter (ein/e Leiter/in und 2 sich im Training Befindende) in der Gruppe. Begleitforschung Das Programm wird anhand des Manuals durchgeführt. Als Messinstrumente, um die Auswirkungen des Programmes zu erfassen, werden verwendet: Das "Divorce Adjustment Inventory (DAI)" (11), das zwei Ratingskalen für Eltern und Kinder enthält, die vor und nach dem Training Einstellungen zum Scheidungskomplex befragen. Die Fragebögen werden nach sechs Monaten und einem Jahr nach der Scheidung ausgegeben. Sie enthalten für die Eltern 31 Items, die sich auf das Funktionieren der Familie, die Bewältigungsstrategien der Kinder und auf das soziale Unterstützungssystem beziehen. Der Fragebogen für die Kinder enthält 25 Items, der die Anpassung an die Scheidungssituation erfassen will. Ein weiterer Fragebogen erfasst die Zufriedenheit der Teilnehmer mit der Durchführung, Anregungen und Kritik. Die für 1995 erhobenen Ergebnisse, basierend auf die Teilnehmer der ersten drei Jahre des Programmes, verdeutlichen, daß 89% der Teilnehmer "sehr zufrieden" oder "zufrieden" mit dem Programm waren. Mehr als 60% würden an einem Folgeprogramm teilnehmen, falls dieses angeboten werden würde (12). In Kentucky haben vom 1.9.1992 bis zum 1.8.1995 3.148 Eltern mit 2.447 Kindern das Programm besucht, was bedeutet, daß durchschnittlich 100 Familien pro Monat und über 1.200 Familien im Jahr das Programm durchlaufen haben (13). Das FIT ist von hohem nationalem Interesse. Kentucky gilt als "Versuchsstaat", die Diskussion geht in Richtung genereller Implementation solcher, vom Gericht verlangten und nachprüfbaren Programme. Die Rolle des Gerichts Für das professionelle Verständnis von pädagogisch-therapeutischer Arbeit mag es befremdlich klingen, daß die Teilnehmer hierzu verpflichtet werden. Dies ist eher aus dem sozial devianten Bereich bekannt und nicht bei Ehe- und Familienproblemen. In den Vereinigten Staaten wurde mit den von Gerichten verpflichteten (mandatory) Kursen für Familien im Scheidungsverfahren in Kansas 1970 begonnen (14). Derzeit werden die Programme "They're Still Our Children" (Hawaii) und "Families in Transition" (Kentucky) als "mandatory" organisiert. Die verpflichtenden Kurse sind in der US juristisch nicht unumstritten: Der "mandatory" Charakter stehe im grundsätzlichen Verfassungswiderspruch, der im Rahmen der Gesetze garantierten persönlichen Freiheit. Allerdings, so wurde im Interview angeführt, sei die elterliche Teilnahme ohne Zwang kaum zu gewährleisten. Juristisch wird argumentiert, daß
Diese Argumentationen zeigen die Pragmatik der Diskussion auf. Die Auseinandersetzungen, auch in der sozialarbeiterischen Diskussion, gehen kaum auf grundsätzliche pädagogische Bedenken, z.B. über Fragen der extrinsischen und intrinsischen Motivation, der weiteren therapeutische Begleitung, oder erweiterter Ziele wie den Einbezug von sozial- und regionalpolitischen Inhalten, innerfamiliären Machtstrukturen und nicht zuletzt auf Frauenfragen ein, sondern bewegen sich fast ausschließlich auf der Ebene der organisatorischen und methodischen Machbarkeit. Einschätzung der US Erfahrungen und Schlußfolgerung Die Initiatoren des Programmes schätzen den präventiven Charakter des FIT. Es würde Unterstützung und Hilfe anbieten, bevor psychische und soziale Verhaltensauffälligkeiten sich einstellen würden. Es wird betont, daß die Familien in der Trennungsphase hochsensibel für Hilfen und mögliche Lösungen des gegenwärtigen Zustandes seien. Notwendige therapeutische Hilfen zur Bewältigung der familiären Krisen seien häufig erst nach den elementaren Regelungen des neuen Familienalltages möglich. Dies erfordert m.E. eine enge Zusammenarbeit mit den psycho-sozialen Versorgungseinrichtungen. Hier liegt wohl auch eine der Schwächen des Programmes. Die Isolation der Anbieter, die sich auch aufgrund der grundsätzlichen Konkurrenzsituation einstellt, verhindert auch eine interinstitutionelle konzeptionelle Weiterentwicklung. Die pädagogisch-therapeutische Konzeptarbeit bleibt dadurch auf die Abteilung für Familientherapie der Universität beschränkt, und die Gruppenleiter fühlen sich manchmal als "Befehlsempfänger" oder als "Versuchskaninchen". Bei den Besuchen von verschiedenen Programmen in Louisville fiel auf, daß die Teilnehmer während der Kurse kaum in Kontakt traten. Die (zerbrechenden) Familien blieben unter sich. Der Grund mag wohl u.A. darin liegen, daß die Problemdarstellungen, Erklärungsmuster und die Lösungsstrategien sehr individualistisch dargeboten wurden, d.h. die Teilnehmer konnten sich zwar selbst in den Kurzvorträgen, Videofilmen, Kleingruppenübungen und den schriftlichen Materialien immer wieder entdecken - eine Brücke zur Familie "nebenan", welche Leid- und Hilfeerfahrungen diese gefunden haben oder auch nicht, kam jedoch kaum zustande. So blieben auch in den Pausen die Familien unter sich. Kommunikationsprobleme der Eltern wurden gerade dort sehr deutlich erlebbar, ohne daß diese im Programmvollzug ihren Niederschlag fanden. In Gesprächen mit den Teilnehmern wurde deutlich, daß die gerichtliche Verpflichtung keineswegs als "ungehörig" oder gar deutlich motivationshemmend erlebt wurde, sondern die Kurse dankbar als Angebot aufgenommen, insbesondere um mit den Kindern zu Regelungen zu kommen, die von allen Beteiligten getragen wurden. Klar wurde, daß die ebenfalls seit Ende der 70er Jahre fast schon verpflichtende (a motion requesting) Mediation in fast allen zivilen Streitigkeiten bereits zur Tradition geworden ist. Die gerichtlichen Verfahrensvorschriften des "Jefferson Court" verweisen auf Mediation als "Alternative Dispute Resolution (ADR)", der eine wesentliche Rolle in der Konfliktlösung zugeordnet wird. So ist es üblich, daß die Gerichte ohne Vorliegen eines schriftlichen Mediationsergebnisses den Fall zurückweisen und auf einer außergerichtlichen Konfliktlösung erst einmal beharren (15). Auswirkungen des Programmes für die professionelle Soziale Arbeit in Louisville, Ky In den Diskussionen mit den MitarbeiterInnen des Departments für Familientherapie (16) wurde deutlich, daß das Programm dem gegenwärtigen Trend der Vernetzung von sozialen Diensten entspräche. Besonders die Verteilung der Angebote auf alle Stadtteile in gut bekannte Einrichtungen von Kirchen und Wohlfahrtseinrichtungen fördere den niedrigschwelligen Zugang. Die Forderung nach der flächendeckenden Einrichtung des Programmes ermöglicht, weitere Lücken im Versorgungssystem zu benennen und nach geeigneten Anbietern zu suchen. Die Vergleichbarkeit der Programme bietet die Grundlage einer breit angelegten Evaluationsstudie, die für die eventuelle Implementierung des Programmes in andere Staaten hilfreich sein kann. Meiner Einschätzung nach ergeben sich aus dem Programm noch weitere Überlegungen:
Übertragungsmöglichkeiten auf deutsche Verhältnisse Trennung und Scheidung sind für alle Familienmitglieder ein kritisches Lebensereignis, das eine Vielzahl von Auswirkungen auf die psychosoziale Lebenssituation und die kognitiven Einschätzungsprozesse zeigt. Die unterschiedlichen Versuche, die Situation zu bewältigen, können entweder zu noch mehr Streß oder zu einem Abbau führen, im Sinne von gelungenem Wachstum der Familie (18). Die Erfassung und Bewältigung von Übergangsprozessen im Rahmen der Familienentwicklung gewannen in der psychologischen Forschung, insbesondere in den bewältigungstheoretischen Ansätzen, hohe Relevanz (19). Deutlich wird nach Fthenakis (a.a.O.), daß die vielfältigen neuen Anforderungen sich nicht unbedingt negativ auf den einzelnen oder das System Familie auswirken müssen, sondern vielmehr sie auch die Chance beinhalten würden, Beziehungen und die Lebenssituation neu und oftmals für alle Beteiligten zufriedenstellender zu organisieren. Bedingung hierfür ist jedoch, daß die Veränderungsprozesse Begleitangebote erfahren, die allen Beteiligten neben den Strategien der Verarbeitung auch das Erfahrungsfeld des Lernens und Erkennens von neuen Chancen eröffnen. Die in § 16 des KJHG beschriebenen Förderungsmöglichkeiten der Erziehung in der Familie mit Angeboten der Familienbildung, Hilfen in belastenden Familiensituationen etc. sind m.E. von den Angeboten des § 17 KJHG nicht trennbar, in dem die Beratung in Fragen der Partnerschaft, Trennung und Scheidung angeboten wird. Eine Beschränkung des Beratungsangebotes auf das Krisenereignis selbst, z.B. in der Eheberatung, oder auch in der Mediation führt zu "beschränkten" Erfolgen. Zahlreiche Forschungsergebnisse und auch die alltägliche Erfahrungen der Sozialarbeiterinnen in den Jugendämtern lassen erkennen, daß Ehescheidung nicht lediglich die Partnerbeziehung beendet, sondern eine Neuorganisation der familialen Beziehungen bewirkt, und daß dieser Prozeß durch Variablen moderiert wird, die nicht unbedingt mit dem Scheidungsgeschehen im engeren Sinne zusammenhängen müssen. Groner (1999, S. 17) stellt als Konsequenz der Kindschaftsrechtsreform deutlich heraus, daß das Ziel der Beratung die Stärkung der elterlichen Kompetenz, eigenständige Lösungen zu finden sein muß. Die Eltern zu befähigen, die Paar- und Elternebene auseinanderzuhalten, sei der zentrale Punkt. Trotz des Scheiterns der Paarbeziehung besteht auch über die Scheidung hinaus eine gemeinsame elterliche Verantwortung für die Kinder, und zwar unabhängig davon, wie das Sorgerecht dann konkret ausgestaltet wird. Die Vorschriften der §§17 und 18 SGB VIII lassen die methodische Vorgehensweise offen. Welcher Beratungsansatz und Organisationsform im Bereich von Mediation gewählt werden, liegt in der Verantwortung der Einrichtung und der Kompetenz der/s BeraterIn. Organisierte Lernerfahrungen wie das dargestellte FIT könnten eine Erweiterung der Hilfepalette für Familien in Veränderungsprozessen darstellen, die über die Organisation des Schocks und des Chaos hinausreichen hin zu einer produktiven Bewältigungsstrategie, um letztlich die scheinbare Perpetuierung von Beziehungsscheitern bei Scheidungskindern (vgl. ISI, Juli 1995) zu verhindern. Somit ist letztlich nicht nur die administrative Kinder- und Jugendhilfe herausgefordert, Beratung und Krisenmanagement anzubieten, sondern insbesondere die Einrichtungen der Familienbildung und -beratung der freien Träger sind angesprochen, Begleitangebote zu entwerfen, die im Sinne der problemorientierten Bildungsarbeit als Lebenshilfe dienen. Anmerkungen
Literatur Braver, S.L. et al.: The Content of divorce Education Programs, in Family and Conciliation Courts Review, Vol. 34, No 1, 1996 Brown et al.: Families in Transition: A Court-Mandadated Divorce Adjustment Program for Parents and Children, in Juvenile and Family Court Journal 27, 1994 Di Bias, T.: Some Programs for Children, in Family and Conciliation Courts Review, Vol. 34, Nr. 1, January 1996 Charlin, A.: Family Values: The Bargain Breaks, in; Economist, December 26, 1992 - January 8, 1993 Diekmann, A., Engelhardt, H.: Wird das Scheidungsrisiko vererbt? in ISI Informationsdienst Soziale Indikatoren, Mannheim Nr. 14, Juli 1995 Furstenberg, F.F. (1994): History and current status of divorce in the United States, 29-43 Fthenakis, W.E.: Ehescheidung als Übergangsphase (Transition) im Familienentwicklungsprozess; in: Perrez, M., Lambert, J.-L.: Familie im Wandel / Famille en transition, Freiburg/Schweiz, Bern 1995 Groner, F.: Mediation und Recht in der Jugendhilfe, in: Recht und Soziale Arbeit: Diskurse - Verhältnisse - Visionen; Festschrift zum 65 Geburtstag von Prof. S. Hundmeyer, Kath. Stiftungsfachhochschule München, Kronach 1999 Jansen, E.: in: Multidisziplinäre Konzepte der Beratung und Begleitung im Trennungsprozeß - Mediation, Paritätisches Bildungswerk Bundesverband e.V., Frankfurt 1993 Proksch, R.: Vermittlung (Mediation) in streitigen Sorge- und Umgangsrechtsverfahren, in: Familiendynamik Jg. 17, 1992, Nr. 4 Proposed Rules of Jefferson Court Circuit, District and Family, No. 804 E., February 1996 Salem, P. et al.: Parent Education as a distinct field of practice, in Family and Conciliation Courts Review, Vol. 34, No. 1, 1996 Rules of Practice of the Jefferson Family Court; Rule 5: Domestic Relations Practice, No. 510; February 1996 Kelley, K., Byrne, D.: Exploring Human Sexuality, New Jersey: Prentice Hall 1992 Napp-Peters, A.: Scheidungsfamilie aus längsschnittlicher Perspektive, in Zeitschrift für Familienforschung, 14-20 Portes, P.R., Haas,R.C., Brown, J.H. (1991), Identifying Family Factors that Predict Children's Adjustment to Divorce: An Analytic Synthesis, Journal of Divorce and Remarriage, 15, 87-103 Shino, P.H., Quinn, L.S.: Epidemiology of divorce, in: The Future of Children 1994, 4 (1), 15-28 Wallerstein, J.S.: Children of Divorce: Preliminary Report of a 10-year Follow-up of Young Children, American Journal of Orthopsychiatry 1984, 54, 444-458 Autor Prof. Dr. Hubert Jall ist Professor für Soziale Arbeit und Pädagogik, Schwerpunktleiter in Familienhilfe, Familientherapeut und Mediator. Adresse Prof. Dr. Hubert Jall |