| SGB VIII - Online-Handbuch
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Evaluationsstudie "Erlebnispädagogik in den Hilfen zur Erziehung" - Zusammenfassung der Ergebnisse Willy Klawe
1996 - 1998 hat das Institut des Rauhen Hauses für Soziale Praxis (isp) im Auftrage des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine zweijährige Evaluationsstudie zur "Erlebnispädagogik in den Hilfen zur Erziehung" durchgeführt. Dabei sollten insbesondere die Erwartungen an erlebnispädagogische Maßnahmen, die vermuteten Effekte, der Entscheidungsprozess und -verlauf, die Adressatenauswahl, hinderliche und förderliche Rahmenbedingungen und die pädagogische Ausgestaltung der Projekte mit dem Ziel untersucht werden, daraus Hinweise zur Qualitätssicherung solcher Maßnahmen abzuleiten. 1. Datenhintergrund der Studie Grundlage der nachfolgend dargestellten Ergebnisse und Schlussfolgerungen sind folgende Datenquellen:
Die Schlussfolgerungen unserer Studie wurden aus einer Zusammenschau aller Datenquellen gewonnen. 2. Grundsätzliche Anmerkungen zu erlebnispädagogischen Ansätzen Erlebnispädagogischer Praxis in den Hilfen zur Erziehung liegt weder eine einheitliche Theorie noch ein geschlossenes Konzept zugrunde. Ihre unterschiedlichen historischen Wurzeln und pädagogischen Akzentuierungen machen Erlebnispädagogik zu einem schillernden Begriff, der in der fachpolitischen Diskussion ein breites Spektrum unterschiedlicher (Be-)Deutungen zulässt. Im Diskurs über das Für und Wider erlebnispädagogischer Ansätze wird zwar der Begriff "Erlebnispädagogik" gebraucht, aber damit ist durchaus Unterschiedliches gemeint. Zusätzlich sind besonders bei betreuungsintensiven Langzeitmaßnahmen erlebnispädagogische Elemente und Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung auf vielfältige Weise miteinander verknüpft. Die Übergänge sind fließend. Insgesamt erschweren diese Faktoren einen auf Klarheit und Verständigung ausgerichteten fachpolitischen Diskurs. Angesichts der Vielfalt erlebnispädagogischer Ansätze und sozialen Konstruktionen, die sich im Zusammenhang mit erlebnispädagogischer Praxis herausgebildet haben, sind Anfragen an ihre Leistungsfähigkeit und die Diskussion ihrer Probleme nicht nur berechtigt, sondern für eine fachliche Klärung unbedingt notwendig. Dennoch fällt auf, dass Ausmaß und Intensität der Diskussion in starkem Missverhältnis zum vergleichsweise geringen Stellenwert erlebnispädagogischer Intensivmaßnahmen in den Hilfen zur Erziehung stehen. Hier drängt sich der Verdacht auf, dass erlebnispädagogische Praxis hier vor allem als Anlass gesehen wird, Grundpositionen der Jugendhilfe erneut zu diskutieren: Wer diese grundsätzliche Diskussion führen will, sollte dies nicht unter dem Etikett "Erlebnispädagogik" tun. Die Ergebnisse unserer Studie zeigen deutlich, dass die Wirksamkeit erlebnispädagogischer Aktivitäten um so höher ist, je früher im Laufe der Jugendhilfekarriere sie zur Anwendung kommen. Dies spricht vor allem für Erlebnispädagogik als Gestaltungselement des Heimalltags. Folge wäre auch eine Entlastung der Projekte von unrealistischen Heilserwartungen. 3. Erfolgsvariablen von Erlebnispädagogik Aus der Literatur über erlebnispädagogische Projekte in den Hilfen zur Erziehung, Trägerkonzepten und Leistungsvereinbarungen lässt sich gewissermaßen ein konsensueller Katalog von Mindestanforderungen an Struktur und inhaltliche Ausgestaltung erlebnispädagogischer Projekte ableiten, der zugleich als Konkretisierung gesetzlicher Vorgaben gesehen werden kann. Erfolgsvariablen von Erlebnispädagogik Strukturelle Faktoren
Interne Faktoren
Ziehen wir diesen Katalog zur Beurteilung erlebnispädagogischer Praxis in der ISE heran, werden zentrale Umsetzungsprobleme deutlich. 4. Ergebnisse der bundesweiten Befragung der Jugendämter Von den im Oktober 1996 an alle 653 Jugendämter der Bundesrepublik versandten Fragebögen erhielten wir bis zum Stichtag (10.07.1997) 40,9% zurück. Ein grober Abgleich mit den Daten der Jugendhilfestatistik im Rahmen einer Plausibilitätsprüfung gibt Hinweise darauf, dass in der vorliegenden Stichprobe diejenigen Jugendämter tendenziell überrepräsentiert sind, die erlebnispädagogische Maßnahmen durchführen und deshalb ein Interesse an einer Versachlichung der öffentlichen Diskussion haben. Dieser Effekte hatte zur Folge, dass die Untersuchungsdaten grob geschätzt etwa 50% aller erlebnispädagogischen Maßnahmen in den Hilfen zur Erziehung repräsentieren, die 1995 und 1996 in Deutschland realisiert wurden. Aus 158 Jugendämtern liegen also quantitative Angaben über insgesamt 566 erlebnispädagogische Maßnahmen vor. Über 210 dieser erlebnispädagogischen Maßnahmen liegt auch umfangreiches qualitatives Material vor, das Verläufe und Effekte erlebnispädagogischer Maßnahmen aus der Sicht der Jugendämter beschreibt. 4.1 Merkmale erlebnispädagogischer Maßnahmen Der geringe Anteil erlebnispädagogischer Maßnahmen an allen Hilfen zur Erziehung ist wenig überraschend und liegt im Durchschnitt aller Jugendämter, die geantwortet haben, bei 1,9%, davon werden 1,5% der Maßnahmen von Jungen genutzt. Diese geringen relativen Zahlen machen deutlich, dass die öffentliche Diskussion zur Erlebnispädagogik nur auf einen außerordentlich kleinen Teil der pädagogischen Bemühungen in den Hilfen zur Erziehung konzentriert ist. Von den 566 erlebnispädagogischen Maßnahmen wurden in 62,2% der Fälle im Rahmen von stationären Maßnahmen § 34 KJHG gewährt, 37,8% waren Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuungen (§ 35) , 12,2% allgemeine Hilfen zur Erziehung nach § 27, 4,8% fanden im Rahmen Sozialer Gruppenarbeit (§ 29) statt. Für alle anderen rechtlichen Zuordnungen wurden weniger als 3% der Fälle angegeben (Mehrfachnennungen). Projektarten Aufgrund der Beschreibungen der Jugendämter lassen sich die erlebnispädagogischen Maßnahmen drei Arten von Projekten zuordnen:
Standprojekte sind mit 40,8% am häufigsten, 20,7% sind Reiseprojekte und 15,2% der erlebnispädagogischen Maßnahmen finden in Form von Schiffsprojekten statt. Freizeitpädagogische Aktivitäten im Rahmen des Heimalltags bleiben im Rahmen unserer Studie unberücksichtigt, soweit sie nicht mindestens eine Dauer von zwei Monaten haben. Kombinationen und Überschneidungen der o.g. Projektformen sind in der Praxis durchaus möglich. Zielgebiete Entgegen der weitverbreiteten Ansicht, erlebnispädagogische Maßnahmen im Ausland fänden vorwiegend in besonders exotischen Zielgebieten statt, gehen die meisten Maßnahmen ins benachbarte europäische Ausland insbesondere in den Mittelmeerraum. Die Kosten erlebnispädagogischer Maßnahmen liegen im Durchschnitt im Inland bei 260,- DM, im Ausland bei 284,- DM. Differenziert nach Projektarten ergeben sich nach den Angaben der Jugendämter folgende durchschnittliche Kosten: Reiseprojekt 290,- DM, Standprojekt 276,- DM, Schiffsprojekt 308,- DM. Die Projektarten unterscheiden sich zwar in ihrer Gesamtdauer, aber wenig in der zeitlichen Gewichtung von Vorbereitung, Praxisphase und Nachbetreuung. Geschlechtsspezifische Teilnahme 78,1% der erlebnispädagogischen Projekte werden für männliche Jugendliche gewährt. Damit sind sie deutlich überrepräsentiert, selbst wenn man ihren höheren Anteil (55% in den Hilfen zur Erziehung außerhalb des Elternhauses für das Jahr 1995; Statistisches Bundesamt, 1997) an allen Hilfen zur Erziehung berücksichtigt. Dies könnte einerseits ein Hinweis darauf sein, dass es derzeit noch zu wenige an den Bedürfnissen von Mädchen orientierte Angebote der Träger gibt. Andererseits ist anzunehmen, dass bei der Entscheidung der Jugendämter für solche Maßnahmen stark geschlechtsspezifische Vorstellungen von Erlebnis und Abenteuer eine Rolle spielen. Daneben ist die unterschiedliche Repräsentanz der Geschlechter in erlebnispädagogischen Maßnahmen sicher auch das Ergebnis der unterschiedlichen Wahrnehmung und Bewertung von Verhaltensauffälligkeiten bei Jungen und Mädchen durch Professionelle und durch die Öffentlichkeit. Vergleicht man die Anteile von männlichen und weiblichen Jugendlichen in Inlands- und in Auslandsprojekten, zeigt sich, dass Mädchen an Auslandsprojekten häufiger teilnehmen (29,6%) als im Inland (15,1%) In Experteninterviews geben die MitarbeiterInnen der Jugendämter hierfür als Begründung an, dass es für die Mädchen häufig notwendig ist, eine Distanz zu problematischen heimischen Milieus (Prostitution, Drogen) herzustellen. Jugendliche in erlebnispädagogischen Projekten sind mehrheitlich zwischen 14 und 18 Jahre alt, mit einer deutlichen Spitze bei 15 Jahren. Hier gibt es keine auffälligen geschlechtsspezifischen Unterschiede. Betreuerrelationen Nahezu ein Drittel aller Maßnahmen (30,6%) werden als 1:1-Betreuungen durchgeführt, gefolgt von den Konstellationen ein BetreuerIn - zwei Jugendliche (16,6%), zwei BetreuerInnen - mehr als 4 Jugendliche (10,4%) und zwei BetreuerInnen - vier Jugendliche (9,4%). Insgesamt 54,7% aller Maßnahmen wurden mit nur einem einzigen Betreuer durchgeführt. Diese Tatsache verweist darauf, wie wichtig geeignete Formen der kollegialen Beratung und Supervision für das "setting" erlebnispädagogischer Maßnahmen sind. 4.2 Vorhilfen und Zuweisungsgründe Nach Angabe der Jugendämter gingen der erlebnispädagogischen Maßnahme unmittelbar die folgenden Hilfen (in der Rangfolge ihrer Häufigkeit) voraus: Heimerziehung 74,2%, Jugendpsychiatrie 21,6%, Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung 9,8%, Wohngruppe 6,8%, Inobhutnahme 5,7%, stationäre Unterbringung 5,7% etc. der Fälle (Mehrfachnennungen waren möglich). Zuweisungsgründe Ebenfalls von Interesse zum Verständnis der Anlage und Verläufe erlebnispädagogischer Maßnahmen in den Hilfen zur Erziehung sind die Auffassungen der MitarbeiterInnen in den Jugendämtern darüber, welche "Probleme" Jungen und Mädchen zugeschrieben werden, die vorrangig in erlebnispädagogischen Projekten untergebracht werden. Die wichtigsten Zuweisungsgründe für erlebnispädagogische Maßnahmen sind aus der Sicht der Jugendämter:
Die Vermeidung von gesicherter Unterbringung ist nach Aussage der Jugendämter kein erklärtes Ziel erlebnispädagogischer Maßnahmen. Das wird für 76 Maßnahmen (von 182) von den Jugendämtern explizit angegeben. Vergleicht man diese Absicht mit den Zielen, die nach Meinung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jugendämter mit den Maßnahme erreicht wurden, steht allerdings "Vermeidung von gesicherter Unterbringung" an erster Stelle. Andere erreichte Ziel sind u.a.: Selbstvertrauen stärken, Beziehungsfähigkeit stärken, Konflikte aufarbeiten/ bewältigen, sich für Wahrnehmung und Lernen öffnen, abweichende Kreisläufe durchbrechen. Der Widerspruch zwischen Intention und Ergebnis wird erklärlich, wenn man berücksichtigt, dass die Jugendämter gute Gründe haben, statt gesicherter Unterbringung erlebnispädagogische Maßnahmen vor allem im Ausland einzusetzen. Als Begründungen für die Gewährung von Auslands-Maßnahme nennen die Jugendämter nämlich vor allem:
4.3 Die Vorbereitung erlebnispädagogischer Maßnahmen Planung In 72,2% aller Fälle wurde die erlebnispädagogische Maßnahme vom Jugendamt angeregt, gefolgt von der Einrichtung, die den Jugendlichen betreut (32,2%), der Psychiatrie (8,3%) und den Eltern (6,3%). Der Jugendliche hat lediglich in 4,4% der Fälle die Maßnahme von sich aus angeregt. 42,7% der durchgeführten Maßnahmen werden dabei von den Jugendämtern als Krisenintervention verstanden. Die daraufhin einsetzende Planung wird vorrangig zwischen Jugendamt und Träger wahrgenommen; Betreuer und Jugendliche sind deutlich weniger beteiligt, die Personensorgeberechtigten noch weniger. Gleichwohl halten die Jugendämter die Beteiligung der Jugendlichen für einen außerordentlich wichtigen Faktor für den Erfolg einer solchen Maßnahme. Die Angaben der Jugendämter über die faktischen Planungszeiträume unterscheiden sich deutlich von den in Medienberichten geschilderten Kriseninterventionen als "Nacht und Nebel"-Aktionen. Bei etwa der Hälfte aller Maßnahmen (47,2%) verstreichen bis zu vier Wochen zwischen Idee und Umsetzung - Maßnahmen im Rahmen von Kriseninterventionen unterscheiden sich dabei nicht wesentlich von solchen im Rahmen langfristiger Hilfeplanung. Bei erlebnispädagogischen Maßnahmen im Rahmen von Krisenintervention spielt nach Aussage der Jugendämter eine angemessene Vorbereitung des Jugendlichen ebenso wie seine Motivation faktisch eine eher untergeordnete Rolle, obwohl sie deren Notwendigkeit als Erfolgskriterien durchaus hoch einschätzen. Da sich die Planungszeiträume weder bei Inlands- und Auslandsprojekten noch bei Krisenintervention oder langfristiger Hilfeplanung wesentlich unterscheiden, scheint dies auch nicht in erster Linie eine Zeitfrage zu sein. Bei der Auswahl der Träger wurde die folgenden Kriterien von den Jugendämtern in dieser Rangfolge als wichtig eingestuft:
Betrachten wir abschließend die Beteiligung der Jugendlichen an Planung und Vorbereitung der Maßnahmen, zeigt sich, dass Mädchen am Entscheidungsprozess stärker beteiligt werden als Jungen. Die befragten Jugendämter geben sich übrigens in ihren Entscheidungen für oder gegen erlebnispädagogische Maßnahmen weitgehend unbeeinflusst von der Medienberichterstattung. Unsere Experteninterviews weisen allerdings in eine andere Richtung: Hier wird hervorgehoben, dass der durch die öffentliche Diskussion erhöhte Legitimationsdruck eine größere Skepsis und rückläufige Nutzung solcher Maßnahmen zur Folge hat. 4.4 Fachaufsicht, Abbruchquoten und Erfolgseinschätzung Die Fachaufsicht wird von den Jugendämtern vor allem durch regelmäßige Berichterstattung durch den Betreuer und enge Kooperation mit dem Träger wahrgenommen. Gelegentlich besteht auch ein direkter Kontakt zu den Jugendlichen. Eigene Besuche vor Ort spielen eine geringe Rolle. Direkte Kooperation mit den örtlichen Jugendämtern im Ausland, wie sie von einigen wenigen Landesjugendämtern durch vertragliche Vereinbarungen praktiziert wird, ist eher die Ausnahme. Im Übrigen setzt hier auch die unterschiedliche Struktur der Jugendhilfe in den Gastländern enge Grenzen für derartige Vereinbarungen. Angesichts dieser Situation können die Jugendämter ihre Fachaufsicht kaum wahrnehmen. Sie müssen den Erfolg und vor allem den Misserfolg von Maßnahmen verantworten, die sie kaum beeinflussen können. Ein relativ eindeutiges, wenn auch etwas pauschales Kriterium für Erfolg bzw. Misserfolg einer Maßnahme ist deren reguläres Ende bzw. deren Abbruch. Der vorzeitige Abbruch einer Maßnahme ist ein Hinweis, dass die ursprünglichen Intentionen und das Setting weniger erfolgreich waren. Abbruchquoten Der Abbruch einer Maßnahme wird zu 57,1% von den Jugendlichen selbst initiiert, zu 34,7% vom Träger der Maßnahme und zu 22,4% vom Betreuer. Nur 16,3% der Maßnahmen werden vom Jugendamt abgebrochen, 8,2% von den Personensorgeberechtigten (Mehrfachnennungen möglich). Differenziert nach Projektarten zeigt sich eine annähernd gleiche Abbruchquote (Reiseprojekt 25%; Schiffsprojekt 30,4%; Standprojekt 29,8%). Betrachten wir die Abbruchquote im Zusammenhang mit den unmittelbar vorangegangenen Hilfen, zeigt sich, dass besonders der Übergang aus sehr restriktiven Hilfeformen in erlebnispädagogische Maßnahmen eine große Zahl von Abbrüchen mit sich bringt (vorläufige Schutzmaßnahme 54,3%/ Erziehungsbeistand 17,9%). Dass die Vorhilfen Auswirkungen auf die reguläre Beendigung einer Maßnahme haben, wird auch deutlich, wenn wir den Abbruch im Zusammenhang mit der Anzahl vorangegangener Hilfemaßnahmen sehen: Wurde die erlebnispädagogische Maßnahme als erste Maßnahme durchgeführt, betrug die Abbruchquote 20%, bei drei Vorhilfen betrug sie bereits 45,5% und pendelt sich etwa bei diesem Wert ein. Im Vergleich zu den biographischen Vorerfahrungen der Jugendlichen sind Geschlecht und Alter weniger entscheidend für den Abbruch oder das reguläre Ende von Maßnahmen. Für die Gruppe der unter 14-Jährigen Jugendlichen werden allerdings deutlich höhere Abbruchquoten als für die älter als 16jährigen berichtet (bis 14 Jahre: 39%; ab 16 Jahre: 19%). Befragt nach ihrer Einschätzung der Auswirkungen der Maßnahme auf die Lebensperspektive des Jugendlichen gaben die fallzuständigen MitarbeiterInnen in den Jugendämtern die folgenden globalen Einschätzungen: (Angaben in % der Antworten):
Damit wird deutlich, dass die Effekte erlebnispädagogischer Maßnahmen eher positiv eingeschätzt werden und selbst abgebrochene Maßnahmen positive Effekte haben können. 5. Schlussfolgerungen und Anregungen für die künftige Praxis 5.1. Rahmenbedingungen Entscheidungsprozess und Partizipation Der Struktur, Transparenz und Adressatenorientierung des Entscheidungsprozesses, der letztendlich zu einer erlebnispädagogischen Maßnahme führt, kommt gerade und besonders bei intensiven Betreuungsarrangements eine zentrale Steuerungsfunktion zu. Dieser besonderen Anforderung stehen auf der anderen Seite besondere einschränkende und ungünstige Bedingungen für einen qualifizierten und fundierten Entscheidungsprozess gegenüber. Um den Erfolg eines erlebnispädagogischen Projektes nicht schon im Vorfeld zu gefährden sollten
Die Partizipation aller Beteiligten, vor allem der Jugendlichen und ihrer Eltern, ist nicht nur rechtlich vorgeschrieben, sondern auch notwendig, weil ein Erfolg pädagogischer Prozesse die Bereitschaft aller Beteiligten voraussetzt, den pädagogischen Prozess mitzugestalten. Eine solche Beteiligung von "Nicht-Professionellen" ist nach wie vor wenig ausgeprägt und entwickelt; Jugendliche und besonders ihre Eltern sind strukturell kaum beteiligt. Dort, wo sie faktisch am Hilfeplangespräch teilnehmen, geschieht dies sehr spät, und/oder sie sind unzureichend in der Lage, eigene Interessen zu artikulieren. Hier ist zu überlegen, wie die professionellen Helfer Partizipation besser sicherstellen und die Beteiligten hierfür qualifizieren können, um den erfolgreichen Verlauf erlebnispädagogischer Projekte zu gewährleisten. Zwischen "Angebot" und "notwendiger und geeigneter Hilfe" Die Beziehungen zwischen "Angebot" und "notwendigen und geeigneten Hilfen" ist bei erlebnispädagogischen Maßnahmen häufig prekär. Während das KJHG besonders dann, wenn es sich um intensive sozialpädagogische Einzelmaßnahmen handelt, eine individuelle Ausrichtung der Maßnahme fordert, ist es in der Praxis oft das bestehende Angebot eines Trägers, auf das die Entscheidung für eine erlebnispädagogische Maßnahme hin zugeschnitten wird. Enge Kooperationsbeziehungen zwischen den Jugendämtern vor Ort und einigen wenigen (vertrauten) Trägern verschärfen diese Einengung des Hilfespektrums. Damit bleibt die individuelle Ausrichtung von Maßnahmen ungenutzt, der Stellenwert reflektierter und ausgewiesener Indikationen wird fraglich. Auslandsaufenthalte reflektieren und angemessen begründen In den sozialen Konstruktionen der Jugendämter für die Durchführung einer Auslandsmaßnahme spielen spezifische Lernchancen und Erfahrungsmöglichkeiten, die sich aus den jeweiligen Bedingungen der Gastländer ergeben, in der Argumentation keine nennenswerte Rolle. In den besonderen Begründungen für das Ausland als Ort für die Durchführung erlebnispädagogischer Maßnahmen überwiegen stattdessen die negativen Argumentationslinien (geringe Ausweichmöglichkeiten, Distanz zum Milieu). Im Rahmen dieser Begründungszusammenhänge sollte der besondere Stellenwert von Auslandsmaßnahmen neu überdacht und dann auch positiv begründet werden. Übergänge zwischen den Hilfesystemen erleichtern Unsere Studie hat ergeben, dass sich immerhin 26,8% aller in erlebnispädagogischen Maßnahmen untergebrachten Kinder- und Jugendlichen im Rahmen ihrer Jugendhilfe-Karriere die Hilfssysteme gewechselt haben. Ihre tatsächliche Zahl dürfte noch erheblich höher sein, nimmt man die Jugendlichen hinzu, die aus dem System der Jugendstrafrechtspflege in erlebnispädagogischen Maßnahmen der Jugendhilfe untergebracht wurden. Die hohe Abbruchquote von Jugendlichen mit Erfahrungen in der Psychiatrie, die Ergebnisse unserer Prozessrekonstruktionen und Experteninterviews und nicht zuletzt bereits vorliegende Studien zu dieser Schnittstellenproblematik legen nahe, die Übergänge zwischen unterschiedlichen Hilfesystemen zu erleichtern. Statt auf elaborierte und immer differenziertere Diagnosekonzepte zu vertrauen, scheint ein Paradigmenwechsel in dreierlei Hinsicht notwendig:
Klare Positionierung der Jugendämter Die Haltung der Jugendämter in der Planung und Begleitung erlebnispädagogischer Maßnahmen ist häufig ambivalent: Einerseits übergeben sie den Fall in die Hände eines Trägers ihres Vertrauens, überlassen ihm die Ausgestaltung der Maßnahme und wollen in der Regel darüber hinaus in Ruhe gelassen werden, anderseits mahnen sie im Nachhinein regelmäßig größere Transparenz und Beteiligung an. Solche "Doppelbotschaften" führen immer wieder zu Missstimmungen und -verständnissen besonders im Umgang zwischen Trägern und MitarbeiterInnen in Jugendämtern. Um diese zu vermeiden bieten sich - nach Selbstklärung über das eigene Rollenverständnis und die eigenen Ansprüche an Transparenz - im Hinblick auf den Informationsfluss folgende Ebenen für konkrete Absprachen an:
5.2. Strukturqualität Auf heterogenen Gruppen bestehen Die verbreitete Praxis der Jugendämter, bei kostspieligen Maßnahmen (im Ausland) vor allem die besonders problematischen Jugendlichen unterzubringen, führt nicht selten zur Konzentration von Problemfällen in einer Maßnahme. Damit werden die Folgeprobleme in Kauf genommen:
Interne und externe Kooperation und Beratung Wenn fast die Hälfte aller erlebnispädagogischen Maßnahmen in den Hilfen zur Erziehung mit nur einer Betreuungsperson durchgeführt wird, liegt auf der Hand, dass es hier in besonderem Maße der Sicherstellung von kollegialer Beratung, Supervision usw. bedarf (interner Aspekt). Wenn unsere Ergebnisse zeigen, dass insbesondere bei den Übergängen zwischen dem Jugendhilfesystem und anderen Systemen (Justiz, Vollzug, Psychiatrie, Schule) besondere Probleme für die Adressaten u.a. dadurch entstehen, dass jedes System sich unterschiedlicher sozialer Konstruktionen bedient, erfordert dies (nicht nur) eine frühzeitige enge Kooperation aller Beteiligten, sondern auch gezielter Anstrengungen, sich der kongruenten und divergenten Konstruktionen und ihrer Auswirkungen auf die Adressaten bewusst zu werden und den Umgang mit ihnen in diesen Kooperationszusammenhängen zum Thema zu machen (externer Aspekt). Systemisch arbeiten: Das Umfeld einbeziehen Nach Rückkehr in den Alltag erweist sich für die Jugendlichen immer wieder als schwierig, zurück ins Elternhaus zu gehen oder jedenfalls einigermaßen konfliktfreie Beziehungen zu den Eltern zu entwickeln. Ein wesentlicher Grund hierfür ist, dass sich hier in der Zeit, während der Jugendliche in einer Maßnahme war und - im günstigen Fall - neue Sichtweisen und Kommunikationsformen erworben hat, wenig verändert hat. Hier ist offensichtlich ein systemischer Ansatz notwendig, in dessen Rahmen gleichzeitig mit den Eltern gearbeitet wird, um eine grundsätzliche Akzeptanz und Unterstützung der Fremderziehung zu erreichen und mögliche Ressourcen des Familiensystems zu nutzen. Darüber hinaus gilt es aber auch, die sonstigen informellen Unterstützungssysteme des Herkunftsmilieus in den Hilfeprozess einzubeziehen. Transfer vorbereiten und sicherstellen Bei den betrachteten Maßnahmen sind allen Jugendlichen gemeinsam Schwierigkeiten bei der Rückkehr in den Alltag, insbesondere
Diesen Transferproblemen muss in milieufernen Betreuungsarrangements, wie erlebnispädagogische Maßnahmen sie in der Regel darstellen, durch eine pädagogisch reflektierte Vorbereitung auf die Rückkehr in den Alltag schon während des Projektes und eine nahe, kontinuierliche und problemorientierte Betreuung nach Abschluss der Maßnahme Rechnung getragen werden. 5.3. Pädagogisches Setting Strukturierte pädagogische Planung, Individualisierung und Flexibilität ausbalancieren Auch bei stark flexibel angelegten, individualisierten Hilfen zur Erziehung sollten in der Hilfeplanung der anstehende pädagogische Prozess strukturiert, in einzelne Lernschritte differenziert und konkrete Ziele ausgewiesen werden. Nur so ist für alle Beteiligten Transparenz herzustellen, die die gegenseitigen Erwartungen deutlich macht, so dass der Jugendliche klare Perspektiven entwickeln kann. Auf diese Weise kann Verbindlichkeit eingefordert werden, ein verlässlicher Kontrakt vor allem zwischen Betreuer und Jugendlichen entstehen. Fehlen diese Voraussetzungen, wird der Jugendliche zum Objekt. Eine solche vorab vorgenommene Strukturierung muss aber auch flexibel gehalten werden (können) und situativ angemessenes und auf die individuellen Bedürfnisse und Herausforderungen abgestelltes pädagogisches Handeln ermöglichen. Deshalb gilt es, beide Anforderungen im Rahmen einer ganzheitlichen Planung (einschließlich des Zeitrahmens und der Perspektiven für die Nachbetreuung) für den Jugendlichen und alle anderen Beteiligten ergebnisoffen und perspektivisch zu entwickeln und zu formulieren. Konzeptionelle Aspekte erlebnispädagogischer Arbeit reflektieren Selbst in plausiblen und reflektierten Konzeptionen erlebnispädagogischer Arbeit finden sich soziale Konstruktionen, deren Wirkmächtigkeit in den Hilfen zur Erziehung kritisch hinterfragt werden muss. Dies gilt besonders für
Ideologisierung von Natur und Grenzerfahrungen Die Akzentuierung einer generellen Wirksamkeit von Natur- und Grenzerfahrungen lässt unberücksichtigt, dass der jeweilige individuelle und biografische Kontext darüber entscheidet, ob eine Erfahrung für eine Person zum Erlebnis wird oder nicht. Die ursprünglich vor allem natursportliche Orientierung erlebnispädagogischer Ansätze hat teilweise die Notwendigkeit sozialer Grenzerfahrungen in den Hintergrund gedrängt, die gerade bei Jugendlichen in den Hilfen zur Erziehung sehr viel bedeutsamer sein dürften. Zudem führen nicht alle Grenzerfahrungen zu sozial produktiven Verarbeitungsformen und sind durchaus unterschiedlich in ihren Wirkungen auf der Persönlichkeit. Vor diesem Hintergrund geeignete und produktive Erfahrungsfelder zugänglich zu machen, sollte das vordringliche Anliegen einer reflektierten Erlebnispädagogik sein. Räumliche Distanz als Wirkfaktor Räumliche Distanz zum Herkunftsmilieu wird in vielen Projekten als bedeutsame Erfolgsvariable angesehen. Empirische Beweise für die Wirksamkeit dieser Mechanismen fehlen bisher. Zur weiteren Klärung dieses Zusammenhanges wäre im Rahmen der Hilfeplanung und der konzeptionellen Entwicklung einzelner Maßnahmen die Bearbeitung folgender Fragen hilfreich: Wann ist ein Abstand vom Milieu erforderlich? Welche Effekte werden von diesem Abstand erwartet? Worin liegen die Vorteile einer "reizarmen" Umgebung gegenüber einer städtischen Umgebung? Fetisch "Beziehung" Die Kategorien "Beziehungsfähigkeit" und "Beziehung" bilden den "roten Faden" erlebnispädagogischer Maßnahmen:
Die Analyse der Prozessverläufe ergibt dabei, dass in der Praxis häufig ein unreflektierter Umgang mit Nähe und Distanz zu Abhängigkeiten und Ablösungsproblemen bei Beendigung der Betreuung führt, auf der anderen Seite wird die Reichweite dieses "Erziehungsinstruments" überschätzt. Selbstwirksamkeit erfahrbar machen Im Rahmen unserer Studie hat sich übergreifend über die verschiedenen erlebnispädagogischen Projekte die Erfahrung der Selbstwirksamkeit als wichtigster Effekt herausgestellt. Von den Adressaten erlebnispädagogischer Projekte wurde als wichtigste Erfahrung hervorgehoben, eigene Gestaltungsmöglichkeiten und -kompetenzen teilweise erstmalig erfahren zu haben. Diesen Erfahrungskomplex kann man als Selbstwirksamkeit beschreiben. "Unter Selbstwirksamkeit wird in diesem Zusammenhang die Überzeugung eines jungen Menschen verstanden, über die notwendigen Fähigkeiten zu verfügen, um die für ihn wesentlichen Ziele zu erreichen. Maßgeblich für das Erleben der Selbstwirksamkeit ist dabei die Ableitung des erreichten Zieles aus dem eigenen Verhalten und den eigenen Handlungen" (Berner & Gruhler, 1995, S. 24). Positiven Erfahrungen mit der eigenen Selbstwirksamkeit wird in den Theorien Sozialen Lernens eine zentrale Bedeutung für die Entwicklung einer aktiven problem- und situationsangemessenen Handlungskompetenz zugemessen. Krise als Chance In den rekonstruierten Prozessverläufen haben sich Krisen und Konflikte im Verlaufe einer Maßnahme in der Sicht der Jugendlichen und ihrer BetreuerInnen vorwiegend als Chance dargestellt, die Beziehung zu überprüfen, zu stärken und zu gestalten. Gleichzeitig ging es darum, die gemeinsame Problem- oder Konfliktlösungskompetenz zu erproben und weiterzuentwickeln. Krisen im Verlauf einer Maßnahme sind also nicht nur problematisch, sondern auch Lern- und Erfahrungsfelder. So gesehen kommt es nicht darauf an, Krisen unbedingt zu verhindern, sondern darauf, wie man sie gestaltet. Diese Innensicht widerspricht der Außensicht der Jugendämter (und z.T. der Träger) und besonders der Öffentlichkeit. Hier wäre die Innensicht stärker Außenstehenden zu vermitteln, um für mehr Gelassenheit zu werben. Geschlechtsspezifischen Bias aufbrechen Mädchen sind in erlebnispädagogischen Projekten unterrepräsentiert. Hierfür ist u.a. eine ausgeprägt geschlechtsspezifische Problemwahrnehmung der Institutionen verantwortlich. Der geschlechtsspezifischen Problemwahrnehmung entspricht ein Mangel an spezifischen erlebnispädagogischen Projekten für Mädchen. Selbst dort, wo solche Angebote vorliegen, berichten die Mitarbeiterinnen von mangelnder Akzeptanz in den Jugendämtern und bei den Trägern selbst. Dies entspricht einer allgemeinen Tendenz in der Jugendhilfe. Überlegungen und Analysen zu mädchenspezifischen Erlebniswelten und darauf aufbauende Projektkonzeptionen gibt es bereits seit längerem. Ihnen muss künftig mehr Raum gegeben werden. Literatur Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter (BAGLJÄ) (1993): Empfehlungen der BAGLJÄ zur Erlebnispädagogik, Münster Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter (BAGLJÄ) (1996): Auslandsprojekte der Jugendhilfe - Verantwortlichkeiten und Qualitätssicherung, Münster Bundesverband Erlebnispädagogik (1997): Jugendhilfemaßnahmen im Ausland im Rahmen der Hilfe zur Erziehung - Selbstverpflichtungserklärung zur Qualitätssicherung, Köln Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband (DPWV) (1997): Qualitätsstandards für Jugendhilfeprojekte im Ausland, Frankfurt Institut des Rauhen Hauses für Soziale Praxis (isp) (1998): Handreichung für die Durchführung von Jugendhilfemaßnahmen im Ausland, Hamburg Klawe, Willy/ Bräuer, Wolfgang (1998): Zwischen Alltag und Alaska - Praxis und Perspektiven der Erlebnispädagogik in den Hilfen zur Erziehung, Weinheim und München Niedersächsisches Landesjugendamt (1996): Auslandsprojekte in niedersächsischen Jugendhilfeeinrichtungen, Hannover Autor Willy Klawe, Jahrgang 1951, Diplomsoziologe, ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts des Rauhen Hauses für Soziale Praxis (isp) in Hamburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Organisationsentwicklung und -beratung sowie Evaluation sozialpädagogischer Projekte, Interkulturelle und sozialräumliche Ansätze in der Jugendhilfe. Er ist Dozent an der Ev. Fachhochschule für Sozialpädagogik. Anschrift Willy Klawe |