SGB VIII - Online-Handbuch

herausgegeben von Ingeborg Becker-Textor und Martin R. Textor

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Die kleine Altersmischung - eine Herausforderung für den pädagogischen Alltag in Kindertagesstätten. Konstruktionen von Kleinstkindpflege, Bindungstheorie und Mutterliebe als Verhinderungsinstrumente öffentlicher Kleinstkindpädagogik

Cornelia Giebeler

 

Seit Anfang der 90er Jahre werden in NRW rasant Kindergartengruppen neu eröffnet. Vor allem die großen Träger erweitern ihr Angebot beträchtlich mit den finanziellen Möglichkeiten, die der Anspruch auf einen Kindergartenplatz bedeutet. In kurzer Zeit werden Stellen und Kindergartenplätze geschaffen, die das traditionelle Bild der Kindergartenlandschaft verändern.

In vielen Einrichtungen, innerhalb aller Träger - abgesehen von der Caritas -, werden auch die seit 1974 im Gesetz für Tageseinrichtungen für Kinder (GTK) vorgesehenen, aber zuvor nur selten berücksichtigten Möglichkeiten der kleinen altersgemischten Gruppe zunehmend genutzt - allerdings in vielen Fällen ohne die konzeptionellen Bedingungen der kleinen Altersmischung ausreichend zu berücksichtigen. Da werden kompetente Erzieherinnen und Sozialpädagoginnen in die Aufgaben einer kleinen Altersmischung entsandt, die mit ihrem ersten Arbeitstag beim Punkt null anfangen und keine Ahnung haben, wie sie mit Babys, Kleinkindern und Vorschulkindern gemeinsam in einer Gruppe umgehen sollen. Handelt es sich um Mütter von mehreren Kindern wird die praktische Erfahrung und ratgeberbewußte Erziehungskompetenz heutiger Mütter zum Leitfaden der altersgemischten Pädagogik - fehlt diese Erfahrung, verzweifeln Erzieherinnen beim Wickeln und dem Versuch, einem Baby den Strumpf über den strampelnden Fuß zu ziehen, und resignieren vor der als "Pflege" eingestuften Betreuung der Allerkleinsten. Noch schwieriger sind die Erfahrungen im Kontrastprogramm mit den Vorschulkindern, die kognitive Ansprache verlangen. Es sind die Kinder, mit denen sich richtig was anfangen läßt, zumindest die gelernte sozialpädagogische Praxis für das Kindergartenalter läßt sich hier verwerten.

In vielen kombinierten Einrichtungen wird so die kleine Altersmischung zum ungeliebten Arbeitsplatz. Die hohen Anforderungen an die Pädagogik der Altersmischung stehen im Widerspruch zur sozialpädagogischen Kompetenz der MitarbeiterInnen, deren Ausbildung für die Altersgruppe ab drei Jahren beginnt.

Kein Wunder, daß Ende der 90er Jahre die einfachsten Regeln einer altersgemischten Gruppe in vielen Einrichtungen nicht bekannt sind und selbstgestrickte neue Konzepte geboren werden. Wer hat schon die Zeit, sich neben der praktischen Arbeit auf die Suche nach der wenigen Literatur zur Altersmischung zu begeben?

Theorie und Bedeutung der kleinen Altersmischung in Tageseinrichtungen für Kinder

1974 wurde in NRW im Unterschied zu allen anderen Bundesländern ein Konzept realisiert, das heute von großer Bedeutung ist: die kleine Altersmischung - eine der vier gesetzlich verankerten und damit refinanzierbaren Möglichkeiten öffentlicher Kinderbetreuung. Neben Hort und Kindergarten wird die große Altersmischung von 3-14 Jahren und die kleine Altersmischung von 0-6 Jahren in die Angebotspalette aufgenommen - allerdings mit extrem geringer Nachfrage und Umsetzung. Bis heute werden 3% aller Unter 3-jährigen betreut. Die Nachfrage nach diesen Plätzen umfaßt dagegen 25%.

Mit der Erfahrung, daß keineswegs alle Eltern ihre Kinder in den Kindergarten schicken, wurde denn auch dem Personal und dem Träger die Haut enger. Kindergartengruppen (zur Erinnerung: Öffnungszeiten von 7-12.00 Uhr und von 14-16.00 Uhr; die meisten Kinder werden um 9.00 Uhr gebracht) waren nur noch spärlich besetzt, es drohte und droht die Schließung. Viele Träger sind in dieser Not darauf verfallen, Kindergartengruppen in kleine altersgemischte Gruppen umzuwandeln oder aber von vornherein kleine altersgemischte Gruppen aufzuziehen, um den Bedarf zu sichern.

So fangen dann in vielen Einrichtungen Erzieherinnen an, mit einem Konzept zu arbeiten, das sie nicht kannte. Mit dem Aufbau einer Einrichtungen fiel ihnen die Aufgabe zu, sich mit den Spezifika einer kleinen Altersmischung vertraut zu machen und damit mit den Bedürfnissen von Kindern, die nicht laufen, nicht sprechen, nicht auf Klo gehen können. Wen wundert es, wenn Schutzmechanismen an dieser Stelle Oberhand gewinnen, versucht wird, die vertraute Altershomogenität wieder einzuführen?

1. Säuglingsbetreuung und Krippe: ein Ausflug in die Geschichte

1.1. Die Betreuung steht unter dem Diktat des Infektrisikos: die Pflege des Kleinstkindes steht im Vordergrund

Seit dem Beginn institutioneller Kinderbetreuung waren die Bewahranstalten so aufgebaut, daß sie altershomogene Gruppen betreuten. Auch die Kleinstkinder wurden altersgetrennt betreut mit der Begründung, das Infektionsrisiko sei so geringer zu halten. Die Differenzierung in"Säuglinge", "Kriechlinge" und "Gehlinge" resultierte aus dem damaligen Hauptanliegen, die Gesundheit der Kinder, ihre Sicherheit und Hygiene zu gewährleisten - Argumente, die angesichts einer Säuglingssterblichkeit von 20% und dem Zustand der Verwahrlosung von Kindern aus Arbeiterfamilien in der Industrie nachvollziehbar sind.

1.2. Die Bedeutung der sozial-emotionalen Beziehung seit Pestalozzi

Eine Beschäftigung mit der emotionalen und sozialen Verfassung der Kinder setzte Anfang des 19. Jahrhunderts mit der Problematisierung institutioneller Kinderbetreuung durch Pestalozzi ein, der die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind hervorhob und hierdurch indirekt dafür sorgte, daß eine breite Ausweitung der institutionellen Kinderbetreuung vor allem für die Kleinstkinder nicht erfolgte (Pestalozzi selbst vertrat jedoch die Ansicht, daß neben der familiären Versorgung die institutionellen Betreuungseinrichtungen für unversorgte Kinder notwendig seien).

1.3. Qualität der Kinderbetreuung

Neben der Problematisierung institutioneller Kinderbetreuung durch die beginnende Pädagogik trug die überaus schlechte Qualität der Kinderbetreuung in den Bewahranstalten und die damit einhergehende hohe Krankheitsrate und Sterblichkeit dazu bei, daß sich die Kinderbetreuungseinrichtungen, die in der Regel in den Händen von Vereinen lag, nicht ausbreiteten. Damit blieben die Kinder und vor allem die Kleinstkinder in den Händen von in der Regel höchst fragwürdigen Pflegefamilien, blieben während des langen Fabrikarbeitstages in der Wohnung eingesperrt und/oder der Aufsicht größerer Geschwister unterstellt, die darüber wiederum keinem Schulbesuch nachgehen konnten.

1.4. Ausbildung der Betreuerinnen

Für die Betreuerinnen in Kleinkindschulen oder Kindergärten wurde bereits im 18. Jahrhundert eine Ausbildung gefordert und auch langsam erreicht. Die Krippen jedoch wurden den "Kindsmägden" überlassen, die das tun sollten, was jede "gute Mutter" tut. Die unterstellte instinkthafte "Mütterlichkeit" einer jeden Frau diente hier als ausreichende Kompetenz zur Erziehung von Kleinstkindern.

1.5. Das Pflegekonzept in der Kleinstkindbetreuung

Die Pflegeanteile in der Säuglingsbetreuung wurden jedoch auch damals bereits gesehen: Auf Kenntnisse dieser Art wurde Wert gelegt, und die Aufgaben der Pflegerinnen bestanden demzufolge auch aus pflegerischen Tätigkeiten.

Für die Vergangenheit können wir festhalten:

  1. Die Qualität öffentlicher Kindererziehung vor allem für die Allerkleinsten bemißt sich an Gesunderhaltung, Sicherheit und Hygiene (ca. 1850).
  2. Das Bild des Kindes ist von körperlicher Versorgung bestimmt.
  3. Eine pädagogische Haltung zur Betreuung der Allerkleinsten existiert nicht. Dies äußert sich insbesondere darin, daß
    • die Aufsichtsdamen keine Ausbildung haben und auch nicht erhalten sollen,
    • die Betreuung altersgetrennt erfolgt: Säuglinge, Kriechlinge, Gehlinge werden wegen des Infektionsrisikos getrennt betreut,
    • Kinder bei Ankunft gewaschen und in Krippenkleidung gekleidet werden und keine eigenen Gegenstände mitbringen dürfen,
    • Mütter aus hygienischen Gründen die Räumlichkeiten nicht betreten dürfen,
    • die Abgabe der Kinder so schnell wie möglich zu erfolgen hat.
1.6. Tradierung des Pflegekonzeptes im Nachkriegsdeutschland

Diese Haltung zur Betreuung der Allerkleinsten findet sich in wesentlichen Aspekten in Nachkriegsdeutschland wieder. Während in der DDR die Müttererwerbstätigkeit durch die bedarfsdeckenden Angebote der Krippen gefördert wird (ca. 50% der 1-3jährigen werden in Krippen betreut), werden in der BRD unter anderem auch wegen der entstehenden Bindungstheorie Mütter von der Erwerbsarbeit ferngehalten und in die häusliche Arbeit und Kindererziehung geschickt. Die wenigen Säuglingsheime sind Notfällen vorbehalten, die wenigen entstehenden Krippen ebenso. Sowohl in der BRD als auch in der DDR werden Kinderschwestern, Kinderpflegerinnen oder Ungelernte mit der Betreuung der Kleinstkinder betraut, während die "Bildung" des Kindes erst ab dem dritten Lebensjahr als allgemeine Aufgabe der Gesellschaft definiert und entsprechend unterstützt wird.

In der DDR untersteht das Krippenwesen zunächst dem Gesundheitsministerium, wird jedoch später dem Bildungsministerium unterstellt. Wie in der BRD wird die Pflege der Kleinstkinder als vorrangig angesehen; sozial-emotionale Bedürfnisse erscheinen weniger bedeutsam. Das Bild vom Kind ist von der Vorstellung geprägt, für die Pflege und Sorge um das Kind zuständig zu sein, für Anregungen zu sorgen, "Tätigkeiten" bzw. "Beschäftigungen" anzubieten und damit positive Entwicklungsbedingungen zu vermitteln (Die pädagogischen Konzepte in der DDR orientierten sich stark an der Vorbereitung auf die Arbeitswelt und stellten somit auch schon in der Früherziehung "Beschäftigungen" für die Kinder in den Mittelpunkt der Pädagogik. Vgl. Awanessowa 1980).

In der BRD dagegen bleibt lange die Auffassung dominierend, daß kleine Kinder zur Mutter gehören, einer Betreuung nur in Notfällen zuzustimmen ist, und eine Fremdbetreuung in der Regel für die Kinder von Nachteil sei. Die bislang einzige umfassende Studie zur kleinen altersgemischten Gruppe von Gisela Petersen enthält ausführliche und umfangreiche Anleitungen zur Arbeit in der Altersmischung, enthält jedoch auch unter dem Thema Alltag erleben, Alltagssituationen gestalten die großen Punkte Mahlzeiten, Sauberkeitserziehung, Bringen/ Abholen und Schlafen. Die für die Kleinsten wichtigen Themen wie Bindung, Sprache, Bewegung tauchen nicht oder nur peripher auf, so daß man sagen kann, daß auch Ende der 80er Jahre das Hauptthema in der Literatur auf dem Pflegeaspekt liegt.

2. Die kleine altersgemischte Gruppe: ein pädagogisches Konzept im Schatten

Die Erfordernisse eines frühkindlichen öffentlichen Erziehungsauftrags werden auch im Gesetz für Tageseinrichtungen für Kinder in NRW deutlich als Bildungsauftrag formuliert. Kinder sind zum kostbaren Gut der Gesellschaft geworden; Mütterlichkeit als Profession wird von vielen Frauen in Frage gestellt; das Drei-Phasen-Modell weiblicher Erwerbsarbeit bietet keine Zugkraft angesichts steigender Arbeitslosigkeit und ausgehender Erwerbsarbeit, so daß die professionelle institutionalisierte Kinderbetreuung mit einem Bildungs- und Erziehungsauftrag zum Hauptpfeiler der Kinderbetreuung in der modernen Gesellschaft geworden ist. Diesem Tatbestand hat die Politik Rechnung getragen bei der Einführung eines garantierten Kindergartenplatzes für 3jährige.

Was bleibt sind die Bedarfe an öffentlicher Verantwortung für die Betreuung von Kindern unter 3 Jahren und derjenigen, die zur Schule gehen. In diesen sich verändernden Lebenswelten, in die Kinder geboren werden, stellt die institutionalisierte Kinderbetreuung einen zunehmend wichtigen Sozialisationspfeiler dar. Die Argumente für die Altersmischung, vor allem das der Kontinuität, gewinnen vor diesem Hintergrund eine neue Dimension.

2.1. Erfahrungen mit der Altersmischung

Konzepte der Altersmischung sind nicht neu. In der Reformpädagogik der 20er Jahre wurde die Altersmischung als persönlichkeitsfördernde und gegenseitig unterstützende Lernform propagiert und ausprobiert.

In der Arbeit von Maria Montessori spielt Altersmischung eine große Rolle für das Schul- und Kindergartenkonzept.

In der Kindergartenpädagogik hat sich die Altersmischung von den 3-6jährigen wegen der ganzheitlichen Förderung der 5jährigen entgegen den Argumenten kognitiver Unterforderung durchgesetzt.

In den letzten Jahren nimmt die Gründung von kleinen altersgemischten Gruppen in der Tagesstätten zu.

Modellschulen wie die Laborschule experimentieren seit Anbeginn mit der Altersmischung, die in den letzten Jahren verstärkt von den Grundschulen nachgefragt wird.

Altersmischung ist also im Trend, was spricht dafür in der Tagesstättenbetreuung?

2.2. Argumente für die Altersmischung

Die Argumente für die kleine Altersmischung lauten:

  • kein Betreuungswechsel von 4 Monaten bis 6 Jahren
  • leichtere Eingewöhnung, da jedes Jahr nur wenige Kinder aufgenommen werden
  • familienähnliche Konstellation der Kinder
  • besondere Anregung für die Kleinsten durch nachahmendes Lernen
  • frühe "Geschwistererfahrung" angesichts 50% Ein-Kindfamilien: wichtige Erfahrungen für Einzelkinder
  • unterschiedliche Bedürfnisse der einzelnen Lebensstufen sind von der Erzieherin eher zu befriedigen
  • bessere Spielmöglichkeiten z.B. durch die Einbindung von jüngeren Kindern in Rollenspiele
  • frühe Lernerfahrung durch Nachahmung von Lernbeobachtungen bei älteren Kindern.

2.3. Gegenargumente

Als Gegenargumente tauchen in der Diskussion wiederholt auf:

  • Kündigungen, Personalwechsel, Umzüge von Eltern führen ebenso zu Diskontinuität der Betreuung
  • die Eingewöhnung hängt vom Kind ab - auch mehrere Kinder können gleichzeitig eingewöhnt werden, wenn sie älter sind
  • die kleine Altersmischung ist nicht mit einer familienähnlichen Situation zu verwechseln; es handelt sich um professionelle Erziehung
  • die Anforderungen an die Erzieherinnen sind zu hoch, die jeweils verschiedenen Bedürfnisse können nicht zufriedenstellend befriedigt werden
  • Überforderung, wenn Kleinstkinder an die Bedürfnisse und Lernschritte älterer Kinder "angepaßt" werden

2.4. Pädagogische Erwartungen an die kleine Altersmischung

  • Förderung von Kooperation
  • Entstehung intensiver Beziehungen altersunterschiedlicher Kinder
  • sprachliche Förderung jüngerer Kinder
  • Entstehung von Kommunikationskompetenz
  • Rücksichtnahme/Verantwortung
  • frühe Selbständigkeitsentwicklung
  • bessere emotionale Entwicklung
  • stabile Beziehungen zu Erzieherinnen

Alle die Argumentationen basieren auf sozialem und emotionalem Lernen der Kinder. Die im Gesetz auch vorgesehene "Bildung" wird wenig - eigentlich gar nicht - thematisiert. Erzieherinnen verstehen sich als Unterstützerinnen von sozialen und emotionalen Entwicklungsprozessen, unterstützen motorische und kognitive Erfahrungen - ohne allerdings einen Bildungsanspruch zu stellen. Eine Reformulierung des Bildungsbegriffs für die frühen Lebensjahre ist meines Erachtens aber unerlässlich. Dies soll jedoch an anderer Stelle ausgeführt werden.

3. Die Bedeutung der Bindungstheorie für die Arbeit in der kleinen altersgemischten Gruppe

3.1. Bindungstheorie: der Fremde-Situationstest

John Bowlby und Mary Ainsworth haben die Bindungstheorie entwickelt, das heißt, sie haben die Qualität der frühen Mutter-Kind-Beziehung untersucht und nachgewiesen, daß sie eine Bedeutung für die spätere Entwicklung es Kindes hat. Ainsworth (u.a. 1978) hat den sogenannten "Fremde-Situtationstest" entwickelt, mit dem sie Typen der Mutter-Kind-Bindung feststellen konnte: den sicher gebundenen, den unsicher gebundenen und den ambivalent gebundenen Typus.

Der Test bezieht sich auf einjährige Kinder und sieht folgendermaßen aus:

  1. Mutter und Kind betreten das Spielzimmer.
  2. Beide haben Zeit miteinander, das Kind erkundet den Raum.
  3. Eine fremde Person betritt den Raum und nimmt Kontakt auf.
  4. Die Mutter verläßt den Raum, die fremde Person bleibt bei dem Kind.
  5. Die Mutter kommt zurück, und die Fremde geht.
  6. Die Mutter geht, das Kind bleibt zurück.
  7. Der Fremde kommt.
  8. Die Mutter kommt, und der Fremde geht.

Die Ergebnisse lassen sich in den drei typischen Verhaltensmustern beschreiben:

  1. Sicher-gebundene Kinder: Kinder zeigen Kummer, wenn die Mutter geht, sie suchen aktiv nach ihr. Vom Fremden lassen sie sich ungern trösten, aber überreden, ein Spiel aufzunehmen. Kommt die Mutter zurück, begrüßen sie sie, suchen ihre Nähe und beginnen dann, wieder zu spielen.
  2. Unsicher-vermeidend gebundene Kinder: Kinder ignorieren den Weggang der Mutter, setzen ihr Spiel fort und spielen mit der Fremden. Auch die Rückkehr der Mutter wird ignoriert, Blickkontakt wird gemieden.
  3. Unsicher-ambivalent gebundene Kinder: Kinder lassen die Mutter ungern gehen, begrüßen sie erleichtert, beginnen dann aber zu schlagen und zu treten, sind offensichtlich hin und her gerissen zwischen Freude und Verärgerung.

Beobachtungen dieser Art lassen sich auch in der Kindertagesstättensituation machen - jede Erzieherin entwickelt in Fallgesprächen Phantasien über die Eltern und deren Beziehung zum Kind.

3.2. Interpretationsmuster der Bindungstheorie

Ohne weiter auf die klinische Bedeutung der genannten Untersuchung einzugehen, müssen wie jedoch ihre Bewertung für die Kleinstkindbetreuung untersuchen.

  • Die Theorien zur Mutter-Kind-Bindung werden in Verbindung mit der Hospitalismusforschung (René Spitz, 40er Jahre) zum Argument für die Ablehnung von institutioneller Kleinstkindbetreuung.
  • Bowlby vertritt ebenfalls in Bestätigung der Ergebnisse von Spitz die These, daß die Mutter die erste Bezugsperson im Kleinstkindalter sein müsse.
  • Die Deprivationsforschung (Entwicklungsschäden durch Mangel an emotionaler Zuwendung und Anregung) führt zu dem Ergebnis, daß die emotional-soziale Entwicklung des Menschen in frühen Lebensjahren erfolgt und schwerer als Mängel in der kognitiven und motorischen Entwicklung zu kompensieren ist.
  • Aus all dem wird gefolgert, daß eine Kleinstkindbetreuung - und damit auch die kleine altersgemischte Gruppe - keine adäquate Betreuung für die Kleinstkinder sei. Etliche Einrichtungen haben gar den umgekehrten Gedanken gepflegt, daß nämlich die Mutter-Kind-Bindung durch zu enge Beziehungen zwischen Erzieherin und Kind problematisch sei und deshalb eine Kontinuität von Bezugsperson, die für das Kind zur Ersatzmutter werden könnte, pädagogisch nicht vertretbar sei. Die Qualität der Kindererziehung bleibt an Werte wie Ordnung, Regelhaftigkeit, Schreien lassen gebunden und wiederholt damit die gesellschaftlichen Werte sowohl in der häuslichen wie der institutionellen Erziehung.

3.3. Empirische Befunde zur Bindungstheorie

Andere empirische Untersuchungen haben gezeigt, daß die Einflüsse frühkindlicher Fremdbetreuung keineswegs so gravierend bestimmend sind, wie es die Anwendung der psychoanalytischen Theorie glauben macht. Auch insgesamt führen frühe ungünstige Lebensumstände nicht notwendig zu späteren Persönlichkeitsstörungen - auch nicht unsichere Bindungen zur Mutter. Die Langzeitwirkung frühkindlicher Erfahrungen kann gemildert und sogar überwunden werden.

3.3.1. Berufstätigkeit und Bindung

Die sozial-emotionale Entwicklung wird durch Erwerbstätigkeit der Mutter sicher nicht beeinträchtigt, wenn das Kind älter als 2 Jahre ist; bei früherer Berufstätigkeit sind die Ergebnisse bezüglich Bindungsqualität unterschiedlich und umstritten. Eine Untersuchung zur Bindungsqualität und zur Entwicklung von Kindern berufstätiger Mütter in Korrelation zur Qualität der Kinderbetreuung haben Rauh/ Ziegenhain vorgelegt. In ihrer vorläufigen Ergebnisdarstellung wird keinerlei Abhängigkeit der Bindungsqualität an die Mutter von der Betreuung deutlich. Allerdings beziehen die unter 1jährigen ihre abrupten negativen Eintrittserfahrungen nicht auf die Mutter, und die Mutter-Kind-Bindung wird nicht gestört, während über 1 ½jährige die negativen Erfahrungen sehr wohl der Muter anzulasten scheinen und bei überfordernde Eingewöhnung zutiefst enttäuscht reagieren. Hier zeigen sich die Notwendigkeit und Aufgabe einer qualitativ hochwertigen Eingewöhnung in die Tagesstätte.

3.3.2. Befunde zur Bindungsqualität: Rooming-in, Stillen, Ratgeberliteratur

Auf das "Bonding" wird seit Mitte der 80er Jahre zunehmend Wert gelegt. "Rooming-In", die neue positive Bewertung des Stillens nach der Abstillpolitik der 50er Jahre, Ratgeberliteratur für Mütter zum Umgang mit dem Säugling usw. versuchen, die "richtige" Umgangsweise mit dem immer kostbarer werdenden Kind zu vermitteln, und stellen die Bindung zwischen Mutter und Kind in den Mittelpunkt einer gelungenen pädagogischen Umgangsweise mit dem Kind.

Nun wissen wir jedoch, daß die gelungene sichere Bindung des Kindes von vielen Faktoren abhängt, sicher jedoch maßgeblich von der innerpsychischen Repräsentation von Mutter-Sein in ihr selbst. Diese von der Psychoanalyse ausgehende Vermutung wurde in den letzten Jahrzehnten durch die Bindungstheorie bestätigt.

3.3.3. Befunde zur Bindungsqualität: Repräsentation der Mutter

Aus der Art und Weise, wie Mütter über ihre eigene Mutter sprechen, konnten Main/ Goldwyn mit 75% Wahrscheinlichkeit vorhersagen, ob und wie sie ihre eigenen Kinder zurückweisen werden. Auch Steele et.al. und Fonagy konnten mit 75%iger Wahrscheinlichkeit vorhersagen, welche Bindungsqualität sich zwischen Müttern und Kindern entwickelt, nachdem sie sie während der Schwangerschaft nach ihren Erfahrungen mit Beziehung in der Kindheit befragten (vgl. Dornes 1997, S. 206). Dabei wurde deutlich, daß Verdrängung und Abwehr auf die Fragen nach den frühen Beziehungserfahrungen die Prognosen zur Bindungsqualität am wesentlichsten beeinflussen; schlechte Erinnerungen, wenn sie bewußt sind, spielen hingegen keine Rolle.

Diese Ergebnisse sind für die Diskussion der Nützlichkeit bzw. Schädlichkeit von Kinderbetreuung in der Kleinstkindphase von großer Bedeutung, da hier u.a. deutlich wird, daß "bonding" nicht von der Quantität der mit der Muter verbrachten Zeit abhängig ist, sondern weit wesentlicher durch innere Repräsentationen der Mutter geprägt sind. Die symbolische Ordnung der Bilder in der Mutter-Kind-Beziehung scheint eine mächtigere Kraft zu besitzen als die Tatsache, ob Mutter oder eine andere Bezugsperson die Bedürfnisse des Kleinstkindes befriedigt.

3.3.4. Befunde zur Bindungstheorie: innere Repräsentanz des Kindes

Dieser Befund wird verstärkt durch die Untersuchung von Barglow/ Vaugn und Molitor: 53% der Kinder unter einem Jahr, deren Mütter voll berufstätig sind, entwickeln eine sichere Bindung (Barglow 1987). Es ist unklar, woher die unsicher gebundenen Kinder ihre Verursachung haben. Barglows Untersuchung ging in die Richtung zu sagen, daß eine innere Repräsentanz des Kindes während der Berufstätigkeit der Mutter ausschlaggebend war. Ein entsprechend angelegtes Forschungsdesign erhärtete ihre These. Mütter, die Trennungsgefühle erleben haben, haben eher sicher gebundene Kinder als Mütter, die sie nicht erleben.

3.4. Bedeutung der Befunde für die Arbeit in der kleinen altersgemischten Gruppe

Was jedoch sagen uns diese Befunde für die pädagogische Arbeit mit Kleinstkinder, vor allem Säuglingen in der kleinen altersgemischten Gruppe?

Zum einen wird deutlich, daß die für die emotionale Entwicklung und die Selbstsicherheit eines kleinen Menschen ausschlaggebende Mutter-Kind-Bindung nicht von der körperlichen Abwesenheit der Mutter während der Betreuungszeit abhängig ist.

Zum zweiten haben Säuglingsforscher und Entwicklungspsychologen herausgefunden, daß frühe ungünstige Lebensumstände nicht notwendig zu Beeinträchtigungen der Persönlichkeitsentwicklung führen. Der eng konstruierte Zusammenhang zwischen negativen Erfahrungen in der frühen Kindheit und späteren Persönlichkeitsstörungen wurde aufgrund der klinischen Erfahrungen der Psychoanalyse weit überbewertet - ein Resultat ihrer empirischen Vorgehensweise entlang von Pathologien im Unterschied zur Entwicklungspsychologie, die sich in ihren Untersuchungen vornehmlich am gesunden Menschen orientiert. Negative frühe Erfahrungen sind nachholend korrigierbar und durch Stimulation und Einbettung in förderliche Umwelten zu verändern.

Zum dritten zeigt sich hier, daß die Kinderbetreuung der Kleinsten einen großen positiven Einfluß auf die Persönlichkeitsentwicklung, die Bindungsqualität und die motorischen, kognitiven und sozialen Kompetenzen hat. Empirische Untersuchungen haben nachgewiesen, daß kognitive und motorische Entwicklungen der Kinder bei Förderung und bei unterbliebener Förderung weitgehend gleich bleiben. Nicht Erlerntes wird von Kindern später mit Leichtigkeit in kurzer Zeit aufgeholt, sofern die Umweltbedingungen förderlich sind (vgl. Robinson/ Robinson und Hess/Bear 1972). Auswirkungen von Berufstätigkeit der Mütter sind bei der kognitiven Entwicklung gar nicht bekannt - im Gegenteil sie wirkt eher stimulierend, bei Mädchen mehr als bei Jungen (Clarke-Stewart 1989).

In allen Untersuchungen zum Thema wird deutlich, daß insgesamt förderliche Umwelten gleiche Entwicklungsergebnisse haben wie die, die sich um besondere Förderung bemühen. In schwierigen Umwelten jedoch, wenn Kinder in Heimen und benachteiligten Lebenssituationen aufwachsen, bleiben positive Erfahrungen besonderer Förderung in institutioneller Kinderbetreuung langfristig erhalten. Dies ist vor allem ein Befund, der die Angst relativiert, größere Kinder könnten kognitiv unterfordert sein.

Aus den Ergebnissen läßt sich eindeutig schließen, daß die Qualität der institutionellen Kindererziehung ausschlaggebend ist für die Befunde. Umso erstaunlicher ist es, daß erst in den letzten Jahren eine Diskussion zur Qualität öffentlicher Kindererziehung begonnen hat.

4. Die Bedeutung des Diskurses Mutterliebe für die Arbeit in der kleinen altersgemischten Gruppe

4.1. Die Konstruktion Mutterliebe

Damit sind wir bei einem neuen Thema angelangt, das für die Diskussion der heutigen kleinen altersgemischten Gruppe und der Kleinstkindbetreuung insgesamt von Bedeutung ist - dem Thema der Bedeutung der Mutter-Kind-Beziehung und die Definition der "guten Mutter". Die "gute Mutter" wurde lange als quasi instinkthafte Beziehung der Mutter zum Kind definiert.

4.1.1. Historische Bedingtheit der Mütterlichkeit

Historische Untersuchungen jedoch haben gezeigt, daß Mütterlichkeit von vielerlei Faktoren abhängig ist, von denen wirtschaftliche und bevölkerungspolitische in der soziologischen Diskussion und die der Bindung in der psychologischen Diskussion die bedeutsamsten sind.

4.1.2. Wirtschaftliche Verhinderungen der "guten Mutter"

Mitte des 18. Jahrhunderts wurden in Paris ein Drittel der dort geborenen Kinder der öffentlichen Fürsorge überlassen (Morus 1956, nach Trallori 1983, S. 152). Laut Heinsohn/ Steiger wurden in den französischen Städten des 17. und 18. Jahrhunderts bis zu 50% der Kinder zu Ammen gegeben und starben zum überwiegenden Teil. Mütter, die um ihr eigenes Überleben rangen, setzten Kinder aus - folglich wurden sie in die Hände der Ammen oder in die öffentlichen Fürsorgeheime gegeben. Durch die zunehmende Auflösung hauswirtschaftlicher Produktion und unter den Bedingungen des Merkantilismus bzw. der frühen Industrialisierung verelendeten immer mehr Menschen in den Städten und immer weniger waren in der Lage, ihre Kinder großzuziehen. Viele maßen ihrem Nachwuchs auch keine liebevolle Bedeutung bei.

Doch auch die allgemeine Haltung der Mütter und der Gesellschaft zu ihren Kindern war keineswegs von Zuneigung und Liebe geprägt. Dies zeigte sich insbesondere bei den Reichen, die durchaus die Möglichkeit hatten, ihre Kinder aufzuziehen, doch es vorzogen, sich ihrer zu entledigen, und selbst bei Beerdigungen nicht erschienen (Badinter 1985, S. 62-66).

Das nicht vorhandene Konstrukt einer Kindheit führte auch dazu, daß es keine kindgemäße Behandlung gab. Hintergrund waren die zunehmend elenden Bedingungen, unter denen kleine Kinder groß wurden bzw. zum großen Teil nicht überlebten.

4.1.3. Bevölkerungspolitischer Hintergrund der Kindersterblichkeit

Durch das Ammenwesen und die Bewahranstalten, in denen zeitweise bis zu 90% aller Kinder starben, lenkte sich das Augenmerk zunehmend auf eine aktive Bevölkerungspolitik, um den Fortbestand der Nation zu sichern. Die Anhebung der Geburtenrate einerseits und die Senkung der Säuglingssterblichkeit andererseits waren im 19. Jahrhundert zunehmend politische Zielsetzungen.

4.1.4. Ausrottung des Verhütungswissens als Ursache für Kindesaussetzung

Armut und Geburtenreichtum, bedingt durch die Ausmerzung des Verhütungswissens zu Beginn der Neuzeit, führten zu rasantem Bevölkerungswachstum. So richteten die Staaten - offiziell um die verbreitete Kindestötung zu verhindern, inoffiziell um in Arbeitshäusern billige Arbeitskräfte für die Industrie zu produzieren - zunehmend Waisenhäuser bzw. private Pflegestellen auf dem Lande ein (Heinsohn/ Steiger1985, S. 261-269). Für die Kinder waren die Anstalten Rettung vor dem Verhungern; die vornehmlich unehelichen Mütter - diejenigen, die ohne Eheberechtigung Kinder bekamen - retteten die Zuchthäuser vor dem Galgen. Die zunehmende Unkenntnis von Verhütungsmethoden, deren Abschaffung mit der Hexenverfolgung begann, führte zu immer mehr Geburten unter denjenigen, die den Eheverboten ausgesetzt waren, also unter den Besitzlosen. Nur um die Tragweite dieser Verbote zu dokumentieren: eine Aufhebung der Eheverbote wurde erst 1868 im Norddeutschen Bund erreicht, die letzten Gesindeordnungen mit Eheverboten wurden im Jahr 1919 ungültig.

4.1.5. Der Entwurf der "guten Mutter"

Die heute noch wirksamen Bilder von der "guten Mutter" sind erst im 18. Jahrhundert geschaffen worden. Gleichzeitig mit diesem Diskurs, den Pestalozzi mit dem Entwurf der Sophie begann, wurde der Grundstein der modernen Pädagogik gelegt. Kindheit und Mutterliebe sind Produkte des 18. Jahrhunderts. Zuvor waren kleine Menschen entweder keine vollwertigen Menschen oder aber sie wurden bereits als kleine Erwachsene gedacht und als Arbeitskräfte eingesetzt. In der Hauswirtschaft waren alle Beteiligten des Hausstandes mit der Versorgung des kleinen Kindes betraut; eine Alleinzuständigkeit der Mutter existierte nicht.

Angeregt durch Rousseaus Programmatik wurde mit der guten Mutter Sophie eine natürliche Bindung der Mütter an ihr Kind als neue Ideologie verbreitet. Die institutionelle Betreuung wurde von Pestalozzi folgendermaßen kritisiert:

  • Wegen fehlender emotionaler Bindung zwischen Mutter und Kind sei sie dem Kind abträglich.
  • Wegen der Überschaubarkeit des häuslichen Rahmens solle es dort die ersten Erfahrungen sammeln.
  • Eine öffentliche Kinderbetreuung solle deshalb nur für sonst unversorgte Kinder, deren Mütter überhaupt nicht in der Lage sei, ihre mütterlichen Aufgaben zu übernehmen, zugänglich sein.

Diese Sichtweise führt zunehmend dazu, daß Müttern die Verantwortung für das Überleben und die Gesundheit des Kindes aufgebürdet bekamen. Selbst die Verantwortungslosigkeit von Vätern wurde schlechter Mutterschaft zugeschrieben, und der vorherige Egoismus und die Gleichgültigkeit von Müttern ihren Kindern gegenüber wurden weitgehend ausgemerzt (Badinter hat in ihrer Untersuchung zur Mutterliebe die historische Gebundenheit des Gefühls der Liebe zum Kind aufgezeigt: "Rousseau hatte, zusammen mit anderen, 1762 gewiß eine kleine Bresche aufgerissen, doch blieben in den Herzen der Frauen noch immer eine ganze Reihe von Festungen einzunehmen; es bedurfte fast eines Jahrhunderts, um den Egoismus und die Gleichgültigkeit der Mütter weitgehend auszumerzen" - Badinter 1985, S. 159).

4.1.6. Die uneheliche Mutter als Zielgruppe der Kleinstkindbetreuung

Die Ächtung der unehelichen Mutter blieb zwar bis zum ausgehenden 2. Jahrtausend bestehen, und wir wissen um die Nöte der Frauen, die unter den Bedingungen der Strafverfolgung bei Abtreibung ihre Kinder gegen ihren Willen gebaren. Jedoch sind in Deutschland die Ehegesetze seit Mitte der 70er Jahre zunehmend liberalisiert worden, und die Zahl nicht ehelich geborener Kinder steigt an, ohne sie mit der Ächtung vorhergehender Jahrzehnte zu belasten. Der Geburtenrückgang durch die neue Zugänglichkeit zur Verhütung seit den 60er Jahren stellt darüber hinaus neue Anforderungen an die öffentliche Kindererziehung.

Aus der Kenntnisnahme der historischen Gebundenheit von Mütterlichkeit müssen wir schließen, daß zwischen den Haltungen der Mütter große gesellschaftliche bedingte Unterschiede bestehen. Die Ankunft eines Kindes wird subjektiv zu allen Zeiten unterschiedlich erlebt: "als Last oder als Erfüllung eines Bedürfnisses, als Unausweichlichkeit oder als Resultat einer freien Wahl" (Badinter 1085, S. 181). Und dieses subjektive Erleben hängt wesentlich von den Bedingungen ab, unter denen Kinder in die Welt gesetzt werden.

5. Neue Bedingungen für die Altersmischung in der öffentlichen Kindererziehung

5.1. Das gesellschaftliche Kapital Bildung

Ökonomisch liegt das Hauptkapital - hier folge ich dem Konzept von Boudieu (1992) - moderner industrialisierter Staaten in der Kompetenz und dem Wissen ihrer Bürger. Unqualifizierte Arbeit geht aus, ist verlagert in die Dritte Welt. Hochqualifizierte Arbeit wird gefordert und bietet Wachstumschancen für diese Gesellschaft. Die Investition in die Bildung und Erziehung von Kindern ist somit eines der rentabelsten Anlageprojekte des Staates.

5.2. Die Kosten der Früherziehung

Bislang ist es immer noch die geschlechtliche Arbeitsteilung in den Familien und zwischen Familien und Nicht-Eltern, die weit entfernt davon sind, eine gesellschaftlich geteilte Verantwortung der Kinderfürsorge umzusetzen. Giddens (1999, S. 112) betont, daß in einer "enttraditionalisierten Familie, in der die Entscheidung für Kinder aus völlig anderen Gründen getroffen wird als in der Vergangenheit" die zuvor gedachte Einheit von Ehe und Elternschaft aufgelöst ist. Es gibt keine wirtschaftlichen Gründe für lebenslange Bindungen mehr, es gibt auch keine Gründe mehr dafür, daß Mütter einen unverhältnismäßig großen Anteil der Belastungen tragen, die Kinder bedeuten.

5.3. Neue Lebenswelten mit Kindern

Die hier angerissenen Kontexte haben in den vergangenen Jahren die Bedarfe nach öffentlicher Kindererziehung im Vorschulalter insgesamt und nach der Betreuung von Kleinstkindern insbesondere völlig verändert: Angesichts der Auflösung der Kernfamilie weigern sich viele Frauen, darunter vor allem die mit Hochschulabschlüssen und interessanten Berufen, die Verantwortung für die Kinderaufzucht zu tragen und für sie alleine durch Unterbrechung oder Aufgabe ihrer Berufstätigkeit aufzukommen. In älteren bereits beruflich gefestigten Partnerschaften werden die Versorgungslücken in der Betreuung ihrer Kinder durch bezahlte Dienstleistungen, Haushaltshilfen, Babysittern u.ä. aufgefangen. In jüngeren Partnerschaften führen finanzielle Engpässe und gleichzeitiger Aufbau von beruflicher Qualifikation mit der Kleinstkindbetreuung zu gravierenden Engpässen und unterschiedlichsten Konstellationen von Betreuung, die für viele Kinder keine Kontinuität erkennen lassen. Viele Bezugspersonen in Wohngemeinschaften, mit getrennten Partnern und jeweils neuen Co-Eltern bilden für Kleinstkinder neue Lebenswelten, in denen sie sich zurechtfinden werden und Persönlichkeiten ausbilden, von denen wir bislang wenig wissen, wie sie sich in der Welt zurechtfinden werden. Hinter vielen von außen betrachtet klassischen Familienkonstellationen verbergen sich offene Partnerschaften, wechselnde Partner und komplexe Lebenswelten, die sich mit den Begriffen Individualisierung und risikoreiche Beziehungsstrukturen umschreiben lassen (Beck/ Beck-Gernsheim 1986).