| SGB VIII - Online-Handbuch
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| Die Qualitätsdiskussion in Kindertageseinrichtungen aus ökonomischer Sicht
Cornelia Giebeler
Wie in allen sozialen Tätigkeitsfeldern wird derzeit die Diskussion um Qualität der Arbeit breit geführt. Auch für die Kindertageseinrichtungen ist diese Diskussion angesichts der schwierigen Finanzlage der Kommunen und Länder von zunehmender Bedeutung. Deshalb ist die Diskussion um pädagogische Qualität sozialarbeiterischen und sozialpädagogischen Handelns eng verknüpft mit der Frage der Effizienz dieser Einrichtungen. Die Frage nach der Effizienz ist jedoch im pädagogischen Kontext bislang nicht erforscht. Dieter Timmermann differenziert die Qualitätsdimensionen in eine pädagogische und in eine ökonomische Seite. Die pädagogische Seite bezieht sich auf das Handeln von Erzieherinnen und ihre Auswirkung auf die Kinder mit dem Ziel, ihre Entwicklungschancen zu fördern. "Dazu benutzen sie ihre Zeit, ihr Wissen, ihre Emotionen, den Raum, die Einrichtung und Ausstattung, das Spielzeug und anderes Material, wobei allerdings der Wirkungszusammenhang zwischen diesen 'Faktoren' (den Qualitätseinflußfaktoren) und den Eigenschaften der bei den Kindern beobachtbaren Wirkungen relativ unbekannt ist" (Timmermann, Dieter, 1997: Kindertageseinrichtungen im Spannungsfeld zwischen Pädagogik und Ökonomie. Vortrag auf der Fachtagung Qualitätsmanagement als betriebswirtschaftliches Instrument in Kindertageseinrichtungen, Bielefeld 28.11.1997). Die ökonomische Seite dagegen ist gut differenzierbar nach dem "Nutzen" der investierten Elternbeiträge, der investierten Trägeranteile und der investierten Anteile von Staat und Gesellschaft. Die Entscheidung, ob die Beiträge jeweils gut angelegt sind, beruhen auf einem Werturteil. Eine Beantwortung dieser Frage wird folglich eher im Vergleich zu den Ergebnissen anderer Einrichtungen, die von den gleichen Finanziers gezahlt werden, angestrebt. Eltern z.B. vergleichen die Anlage ihres Elternbeitrages für die Kleinstkinder mit der Investition einer Tagesmutter oder eines Babysitters bzw. der vielleicht unregelmäßig aber dennoch gelegentlich zur Verfügung stehenden Großmutter oder Tante. Die Träger vergleichen die Investitionen in die Kleinstkindpädagogik im Verhältnis zu anderen Aufgaben, die sie übernommen haben, z.B. Behindertenarbeit, Drogenarbeit, Erwachsenenbildung oder Familienangebote. Der Staat und die Gesellschaft verteilen ihre knapp werdenden Ressourcen und vergleichen zwischen Hochschule, Schule, Jugendarbeit, Kinderarbeit, und es sind nicht zuletzt verbandliche Interessen und machtpolitische Verhältnisse, die die Ressourcenverteilung in neue Kanäle leiten. So zeigt die Auseinandersetzung um die Finanzierung von Kindertagesstätten wie stark solche Entschlüsse von tagespolitischen Zufällen abhängig sind. Timmermann benennt im weiteren Qualitätskriterien, die sich am Produkt orientieren (das pädagogische Produkt der 50er Jahre war Wärme, Pflege und Obhut, das Produkt der 60er und 70er Jahre kognitive und intellektuelle Stimulierung der Kinder, das Produkt der 80er und 90er Jahre läßt sich als ganzheitliche Entwicklung in der Zielformulierung beschreiben). Timmermann entwickelt das Konzept der kontrahierten oder vereinbarten Qualität, das sofort die Frage aufwirft, wer in diesem Bereich der frühkindlichen Erziehung Kunde sei. Die von ihm benannten Konstellationen beziehen Träger, Eltern, Land, Einrichtungen in den unterschiedlichsten Konstellationen ein. Er problematisiert die Qualitätsfrage anhand der Tatsache neuer Lebensformen und neuer Lebensstile, die u.a. dazu führen, daß auch Erziehungsberechtigte unterschiedliche Erziehungsvorstellungen haben können, mit denen das Kind konfrontiert ist. Das Kind ist Produkt und erfragt nach den Eigenschaften der Produkte, d.h. nach den Entwicklungs- und Lernergebnissen der Kinder. Es wundert nicht, daß Timmermann am Schluß seines Vortrags zu dem Ergebnis kommt, Qualität und Effizienz seien zwei Seiten derselben Medaille und diese heiße pädagogisches Handeln. Mit der Frage "Welches Qualitätsniveau pädagogischen Handelns in Kindertageseinrichtungen kann ich mit gegebenen Ressourcen maximal erreichen?" wird die Reduzierung der Qualitätsfrage auf die Kosten-Nutzen-Analyse besonders herausgestellt. Es ist fraglich, ob Qualität und Effizienz die angemessenen Begriffe im Kontext pädagogischen Handelns sind. Sie können als ein Kriterium zur Beurteilung pädagogischen Handelns herangezogen werden, führen jedoch durch ihr wirtschaftliches Kalkül weg von der konkreten Handlung von Erzieherinnen mit Kindern, von der Professionalität pädagogischer Beziehungsarbeit, von der Kompetenz, die richtigen Angebote am richtigen Ort und zur richtigen Zeit zu machen und deren Definition und verlieren vor allem die Sicht des Kindes vollständig aus den Augen. Auch Famulla bezieht sich vornehmlich auf den ökonomischen Ansatz neuer Steuerungsmodelle im öffentlichen Bereich mit denen Planung, Steuerung und Kontrolle von Dienstleistungen transparent und handhabbar gemacht werden sollen. Diese ist seiner Meinung nach erstens bedingt durch die Suche nach Einsparmöglichkeiten, zweitens dem fortschreitenden Prozeß der Modernisierung zuzuschreiben und drittens im Interesse einer besseren Verwirklichung von Menschen- und Bürgerrechten ("Qualitätsmanagement") zu sehen. Daß die Qualitätsdiskussion im Zusammenhang mit der Suche nach Einsparmöglichkeiten eingeführt und geführt wird, ist hinlänglich bekannt und wird von allen Mitarbeitern sozialer Dienstleistungsbetriebe mißtrauisch beäugt. Daß die sozialen Kosten des Staates durch Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger der Produktivitätsentwicklung Deutschlands zu verdanken ist, steht im krassen Gegensatz zur Wachstums- und Fortschrittsideologie, die nach wie vor durch Produktivitätssteigerungen glaubt, Vollbeschäftigung wieder erreichen zu können. Der von Famulla so bezeichnete Prozeß der Modernisierung meint Rationalisierung und Ökonomisierung zunehmend sozialer Bereiche, d.h. die Vereinnahmung dieser Bereiche wie Freizeit, Sportbildung, Kultur und Gesundheit durch Versuche, ihnen ökonomisches Kalkül zugrunde zu legen. Die Einführung betriebswirtschaftlicher Kriterien und Methoden in den sozialen Bereich ist hiermit gemeint. In einem dritten Punkt, den er als Qualitätsmanagement bezeichnet, geht es ihm um Menschen und Bürgerrechte. Er meint damit die Transparenz der öffentlichen und sozialen Dienstleistungen für den Bürger, indem sie anhand von Qualitätszielen zu messen sind. Famulla spricht davon, daß Anbieter von sozialen Dienstleistungen nicht unter innovativem Konkurrenzdruck stehen und sie folglich nicht bankrott gehen könnten. Dies sei der Grund, weshalb nun der Staat und die Politik Wirtschaftlichkeit und Qualität dort einfordern, wo der Markt nicht reguliere, das Funktionieren dieser Bereiche jedoch für die moderne Gesellschaft notwendig sei. Famulla denkt hier offensichtlich ausschließlich an verbandlich gut organisierte Einrichtungen und nicht an die vielen Initiativen und kleinen sozialen Einrichtungen, deren Überleben von der Höhe staatlicher Zuschüsse, von den freiwilligen und Vereinsbeiträgen von Eltern abhängig sind. In Bielefeld haben bereits soziale Einrichtungen "bankrott" gemacht und einige sind mit schweren ökonomischen Krisen beschäftigt. Auch wenn er methodische Probleme bei der Anwendung des Wirtschaftlichkeitsprinzips in der Kindertagesstätte sieht, bleibt er bei der Entwicklung seines Drei-Ebenen-Konzeptes auf der Seite der Kosten-Nutzen-Analyse und thematisiert den pädagogischen Prozeß in Wirkungs-, Produktions- und Kostenfunktion. Durch diese Herangehensweise wird meines Erachtens der pädagogische Prozeß der Arbeit mit Kindern verheimlicht und unsichtbar gemacht. Es ist sehr fraglich, ob einer Qualitätsdiskussion im Interesse der Kinder mit diesen Begrifflichkeiten gedient ist. In einem anderen Sinne wird die Qualitätsdiskussion von Roßbach geführt. Er bezieht sich in seinen Ausführungen auf die internationale Qualitätsdiskussion zur Kindertagesstätte und grenzt sich mit seinen empirisch quantitativen Verfahren von Qualitätsdefinitionen ab, die im Sinne einer Teamentwicklung zu spezifischen Qualitätsmerkmalen und Qualitätsförderungen einer Einrichtung durch Teamentwicklung oder Organisationsentwicklung gelangen möchten (Roßbach, Hans-Günther, 1997: Instrumente zur Messung der Qualität in Kindertageseinrichtungen. In: Qualitätsmanagement als betriebswirtschaftliches Instrument in Kindertageseinrichtungen. Dokumentation zur Fachtagung am 28.11.1997 in Bielefeld). Roßbach leitet Qualität ab aus den Forschungsergebnissen über die kindliche Entwicklung. Dennoch bezieht er sich auf das Konzept von Katt, die die unterschiedlichen Perspektiven der beteiligten Gruppen in einer Kindertagesstätte thematisiert. Diese perspektivische Herangehensweise betont die unterschiedlichen Interessen, Zielsetzungen und Qualitätsansprüche der beteiligten Gruppen, die meines Erachtens in einen Kommunikationsaustausch gebracht werden müssen, um erfolgreich Qualität einer Einrichtung handelnd zu erwirken. Roßbach geht davon aus, daß jede dieser Perspektiven letztlich der Perspektive des Kindes unterzuordnen ist und damit sind seiner Meinung nach die Expertenmeinungen und Forschungsergebnisse zum Wohl des Kindes relevante Gütekriterien, um die Qualität einer Einrichtung definieren zu können. Roßbach unterscheidet drei Hauptbereiche von Qualität: die qualitätspädagogische Orientierung, die Qualität der Struktur und die Qualität des Prozesses. Die qualitätspädagogische Orientierung bezieht sich auf konzeptionelle Vorstellungen, auf Erwartungen an die Entwicklung des Kindes, Einschätzungen der Bedeutsamkeit von Anlage und Umwelt, Erziehungsziele, Vorstellung über Rolle und Aufgabe von Familie und öffentlichen Einrichtungen. Die Strukturqualität bezieht sich auf Gruppengröße, Erzieherinnen-Kind-Relation, Räumlichkeiten, Zeiten, Aus- und Fortbildungen etc. Die Prozeßqualität bezeichnet die pädagogischen Prozesse einer Gruppe, die Interaktionen der Kinder mit anderen Kindern und Erzieherinnen, die konkrete Erfahrungswelt, die ein Kind in der Tageseinrichtung erlebt. Die Prozeßqualität ist für Roßbach das entscheidende Kriterium für die Beurteilung der Qualität einer Tageseinrichtung für Kinder. Er schlägt im Anschluß an das amerikanische Untersuchungsverfahren von Harms und Clifford die Übernahme deren methodischen Instrumentariums vor. In verschiedenen Untersuchungen im deutschsprachigen Raum hat sich die als KES bekannte Kindergarteneinschätzskala bewährt ( Harms, Thelma/ Clifford, Richard M., 1980: Early Childhood Environment Rating Scale, New York. Teachers College Press; Roßbach, Hans-Günther, 1993: Analyse von Meßinstrumenten zur Erfassung von Qualitätsmerkmalen frühkindlicher Betreuungs- und Erziehungsumwelten. Münster, Institut für sozialwissenschaftliche Forschung e.V.). Die Kindergarteneinschätzskala ist nicht auf ein spezifisches pädagogisches Konzept bezogen. Die gute oder weniger gute Qualität einer Tageseinrichtung wird gemessen an den derzeitigen Erkenntnissen zur Entwicklung von Kleinkindern und den förderlichen oder weniger förderlichen Maßnahmen. Empirische Forschungsergebnisse und theoretische Modelle zur kindlichen Entwicklung sind somit Maßstab der Beurteilung von Kindergärten. Die Problematik dieses Vorgehens liegt in der zugrunde legenden Auffassung von der stufenweisen Entwicklung des Menschen. Die Entwicklung von Kindern muß schematisch für bestimmte Zeitabstände definiert und beschrieben werden, um sie empirisch messen zu können. So wird auch in der Anmerkung der Ergebnispräsentation festgestellt, daß ein Kindergarten mit hoher pädagogischer Qualität den gleichen Entwicklungsstand eines Kindes bewirkt als der mit schlechter pädagogischer Qualität. Allerdings kann mit der empirischen Erfassung von sieben Bereichen zu einer detaillierten Beschreibung der pädagogischen Arbeit einer Tageseinrichtung führen. Diese Bereiche sind:
Bislang wurde die Kindergarteneinschätzskala in Deutschland, Österreich, Portugal und Spanien in großen Stichproben erprobt. Für die Kindergartengruppen in Deutschland wurde insbesondere festgestellt, daß die Strukturqualität, also die Ausstattung einer Einrichtung, einen erheblichen Einfluß auf die Prozeßqualität hat, die Qualität der pädagogischen Orientierungen dagegen weniger von Einfluß ist auf das bei Roßbach bezeichnete Kriterium Prozeßqualität. Dennoch läßt sich durch eine Verbesserung der strukturellen Merkmale die Prozeßqualität in den Gruppen nicht erhöhen. Letztendlich wird diese von den Erzieherinnen vor Ort gestaltet. Eine Forderung nach verbesserten Rahmenbedingungen kann zur Verbesserung von Qualität nicht erfolgreich sein, wenn nicht die pädagogische Qualität der Erzieherinnen vor Ort erfaßt und verbessert wird. Trotz dieser Feststellung benennt Roßbach die Notwendigkeit der Veränderung von Strukturen für die Verbesserung von Qualität und nennt hier sowohl Vorbereitungszeit, besserer Erzieherinnen-Kind-Schlüssel, kürzere Öffnungszeit, mehr Raum für eine Gruppe etc. Dies sind die Kriterien, die auch im Forderungskatalog der Erzieherinnen in der Auseinandersetzung um die Einführung des neuen Gesetzes für Tageseinrichtungen für Kinder eine Rolle spielen. Allerdings sind diese kostenträchtigen Maßnahmen zur Verbesserung von Kindergärten und Tageseinrichtungen für Kinder letztlich unter dem Gesichtspunkt der Förderung von Kindern und der bestmöglichen Entwicklungsbedingungen für Kinder von untergeordneter Bedeutung. Daß sie immer wieder auch von Roßbach obgleich seiner Argumentation anders lautet, ins Zentrum der Diskussion gerückt werden, liegt vermutlich daran, daß diese Kriterien meßbar sind und politisch als Forderung formuliert werden können. Die sensiblen Prozesse der Beziehungsarbeit zwischen Erzieherin und Kind bleiben hierbei zwar nicht unberücksichtigt, doch geraten zum nachrangigen Kriterium für die Beurteilung der Qualität von Tageseinrichtungen. Roßbach wird mit dem Vorschlag eines Programms zur Qualitätssicherung für Deutschland zum Vorreiter für eine Qualifizierung von Tageseinrichtungen für Kinder durch ein Gütesiegel, das sie durch die Absolvierung verschiedener Programmpunkte erreichen können. Dieses auf konkurrenz- und marktwirtschaftliche Bedingungen ausgerichtete Verfahren orientiert sich an den Grundlagen der Kindertageseinrichtungen in den USA, wo diese in der Regel frei finanziert sind und marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten folgen müssen. Bezeichnenderweise vergleicht er die Kindertageseinrichtungen mit Motels, die durch das Gütesiegel eines Verkehrsvereins als herausragend bewertet werden. Der hier zugrunde liegende Steuerungsmechanismus der Überprüfung und Verbesserung von Qualitätsgesichtspunkten soll auch in Deutschland zu einem Gütesiegel für Kindergärten führen. Die Fachorganisation "National Association for the Education of Young Children" (NAEYC) verleiht seit 1985 ein solches Gütesiegel. Unter marktwirtschaftlichen Bedingungen ist hier dieser Prozeß von der "Basis", also dem Fachpersonal, Eltern und Trägern initiiert worden. Es dient dazu, Verbesserungsprozesse in Gang zu setzen, um definierte Qualitätsstandards zu erreichen. Der Akkreditierungsprozeß verläuft in vier Schritten:
Roßbach möchte für Deutschland ein vergleichbares Programm einführen. Allerdings gehen seine Überlegungen noch nicht soweit, daß sie mit einer Idee verbunden wären, wer denn dieses Gütesiegel aussprechen könne. Durch die hauptsächlich staatlich geförderten Tageseinrichtungen für Kinder, die hierdurch nicht dem marktwirtschaftlichen Prinzip unterliegen, sondern der Vorstellung, daß nach wie vor ein gleichermaßen identischer Anspruch der Eltern auf gleichermaßen gute Betreuung der Kinder unter Vorgabe der Erziehungsvorstellungen der Eltern in Deutschland realisiert werden soll, ist ein solches Gütesiegel möglicherweise weniger dem Interesse der Eltern, Erzieher und Kindern entgegenkommend als vielmehr den großen Trägern und der staatlichen Förderung oder Nichtförderung, deren Kriterien zur Erhaltung oder Schließung von Tageseinrichtungen nach der gemessenen "Güte" einer Einrichtung getroffen werden. Die idealistische Vorstellung, daß es nicht darum gehe "Gruppen mit schlechterer Qualität zu sanktionieren", sondern daß vielmehr "Hilfen immer auf Unterstützung der Teams und im Hinblick auf Verbesserung erfolgen" sollten, ist mit dem Vorschlag eines solchen Gütesiegels nur schwer durchsetzbar. Hier rekurriert Roßbach auf Prozesse der Begleitung und Unterstützung im Sinne eines integrativen Entwicklungsprozesses einer Tageseinrichtung, die wie z.B. durch Supervision und Organisationsberatung geleistet werden kann, die sich ausschließlich auf eine einzige Einrichtung und deren spezifische Bedingungen ausrichtet. Diese Art von Prozeßentwicklung innerhalb der spezifischen Kultur einer Einrichtung unter den ebenso spezifischen Bedingungen, in denen Eltern, Mitarbeiterinnen und Kinder zusammenarbeiten, lehnt Roßbach jedoch deutlich ab (Roßbach 1997, S. 1). Wenn ein solcher Prozeß, der z.B. durch Supervision oder Organisationsberatung in Gang gesetzt werden kann, durch die mögliche Verleihung eines Gütesiegels der Einrichtung einen außerinstitutionellen Rahmen erhält, vermute ich, bleibt die Qualität der Einrichtung an Widerständen und Abwehr der beteiligten pädagogischen Mitarbeiterinnen auf der Strecke. Zur Qualität einer Einrichtung und insbesondere ihrer pädagogischen Arbeit gehört auch die Zufriedenheit der Erzieherinnen, der Erfolg, den sie bei ihrer Arbeit sehen, der Spaß und die Freude am täglichen Umgang mit ihren Kindern. Erst diese Vorbedingungen erlauben es Erzieherinnen, sich auf einen positiven Prozeß der Selbstevaluation ihrer Arbeit einzulassen. Unzufriedenheit und Frustration mit der Bewertung, Position und dem Teamklima innerhalb einer Einrichtung führen nicht zur Bereitschaft, sich selbstreflexiv mit der eigenen Tätigkeit auseinanderzusetzen. Es sind auch hier die emotionalen Befindlichkeiten, die im sensiblen pädagogischen Prozeß als Einflußfaktoren auszumachen sind und die im Gruppenprozeß des Teams und der Gruppe der Kinder deren Entfaltungsmöglichkeiten bedingen und begrenzen. Eine Möglichkeit bietet hier ein supervisorisch begleiteter Prozeß mit dem Ziel, die Selbstreflexion bezüglich der pädagogischen Arbeit zu fördern und es zulassen zu können, auch Schwächen zu thematisieren. An diesen ist dann durch Fallsupervision eine konstruktive und verändernde Arbeit möglich. Eine weitere Möglichkeit bietet die Selbstevaluation. Durch Fachberatung und/oder wissenschaftliche Begleitung kann die Einrichtung Kriterien entwickeln, an denen sie ihre eigene Tätigkeit mißt. Erfolgreich ist dies voraussichtlich in erster Linie, wenn die Ergebnisse der Selbstevaluation weitgehend in den Händen der Mitarbeiterinnen bleiben und wenn sie darüber befinden, welche Ergebnisse der Evaluation an die Öffentlichkeit weitergegeben werden sollen. Mit solchen eben auch die spezifische Kultur einer Einrichtung ausgerichteten Qualifizierungsverfahren ist es möglich, auch die spezifischen Angebotsstrukturen der einzelnen Einrichtungen mit reflektieren zu können. So ist z.B. in der Kindergarteneinschätzskala der Bereich fein- und grobmotorischer Aktivitäten in sechs Items unterteilt. Eine Einrichtung, deren spezifische Konzeption sich auf die Gestaltung eines Kindergartens im Außenbereich und in der freien Natur hin orientiert, kann höchstens bei der Bewertung dieser Items die besten Noten erhalten. Die damit einher gehenden schlechteren Beurteilungen z.B. für Möbel und Ausstattung, die beispielsweise in einem Waldkindergarten nicht vorkommen, relativieren das Gesamtergebnis erheblich. Die Qualität einer solchen Einrichtung, die darauf basiert, die von der "Normalität" abweichenden Erziehungsvorstellungen von Eltern und Erzieherinnen zu realisieren können mit der Einschätzskala nicht erfaßt werden. Durch einen einrichtungsspezifischen Selbstevaluations- und supervisorischen Begleitungsprozeß jedoch können die Schwierigkeiten und Probleme aber auch die Stärken dieser pädagogischen Arbeit unter Qualitätskriterien erfaßt und benannt werden. Sehr viel besser als ein Gütezeichen kann eine wohldurchdachte und gut beschriebene Konzeption die Qualität einer Einrichtung dokumentieren und nach außen darstellen. Unter Konzeption ist allerdings hier nicht das zu verstehen, was gemeinhin als Konzept von Einrichtungen nach außen getragen wird. Bei einer Konzeption geht es darum, daß diese die tatsächlichen Prozesse und Abläufe der Tageseinrichtung beschreibt und damit sowohl Trägern als auch Eltern die wesentlichen Informationen für ihre Entscheidung, das Kind in dieser Einrichtung anzumelden, an die Hand gibt. Wenn diese Konzeptionen regelmäßig reflektiert werden, selbstkritisch bezüglich der Arbeitsweise des Teams, der einzelnen Erzieherin und den Bedürfnissen der Kinder ihrer jeweils spezifischen Herkunft und ihren Außerkindertagesstättenerfahrungen umgesetzt werden, handelt es sich um eine Einrichtung, in der Eltern sicher sein können, daß Kinder ihren jeweiligen Bedürfnissen, Möglichkeiten und Fähigkeiten entsprechend wohlwollend aufgenommen und begleitet werden. Die Bemessung von Qualität von Tageseinrichtungen anhand der Entwicklungsstände der sie besuchenden Kinder ist hierdurch überflüssig und wie gesagt ein wenig aussagefähiges Kriterium. Diese Feststellung ist insofern ausgesprochen relevant, da sie mit dem Glauben bricht, daß Kindergärten und Kindertagesstätten als Notstätten für Kinder existieren müßten, um sie vor Deprivation zu schützen. Gerade die wissenschaftlichen Untersuchungen von Bowlby und Spitz in den 50er und 60er Jahren haben immer wieder betont, daß Tagespflege von Kindern gravierende Entwicklungsstörungen zur Folge hätten (Bowlby, J., 1973: Trennung. Psychische Schäden als Folge der Trennung von Mutter und Kind. München 1976; Spitz, René, 1965: Vom Säugling zum Kleinkind. Naturgeschichte der Mutter-Kind-Beziehungen im 1. Lebensjahr. Stuttgart 1974). Angesichts der neuen Lebensformen von Eltern, in denen die klassische Kleinfamilie längst nicht mehr die Erfahrungswelt von Kindern dominant prägt, ist es darüber hinaus nicht sinnvoll, diese Bedingungen aus der Qualitätsdiskussion von Tageseinrichtungen für Kinder herauszunehmen. Wenn ausschließlich einrichtungsinterne Kriterien für die Bemessung von Qualität herangezogen werden, können diese für etliche Kinder zur Verschlechterung ihrer Betreuungssituation führen. Mit der Kindergarteneinschätzskala werden Arbeitsbedingungen und Lebenswelten der Eltern weder erfaßt, noch sind sie Grundlage kritischer Reflexion. Wenn Kinder z.B. vor und nach der institutionellen Betreuung nochmals durch andere Personen betreut werden, sind die Öffnungszeiten nicht am Wohlbefinden des Kindes orientiert. Wenn berufstätige Eltern sich mit Einstellungen der Erzieherinnen konfrontiert sehen, die es nicht für gut halten, wenn die Mutter ihr Kind in Einrichtung abgibt, können hieraus entstehende Spannungen und Konflikte zu ambivalenten pädagogischen Verhaltensweisen führen (Untersuchungsergebnis der Feldforschung Kleinstkindpädagogik). |